Beziehung statt Maschinenhaftigkeit

In einem längeren Interview äußert sich der Psychoneuroimmunologe Christian Schubert zum Selbstverständnis der Medizin und der Psychologie. Seine Kritik der Effizienzgesellschaft gilt nicht allein ihren Wirkungen auf die Gesundheit und auf das Gesundheitssystem. Man kann sie meines Erachtens auch auf das Schul- und Bildungssystem beziehen.

»Wirkliche Aufklärung haben wir in den letzten Jahrhunderten viel zu wenig betrieben, sonst wäre es wahrscheinlich auch nicht zu dieser Entmenschlichung und Entfremdung durch den Kapitalismus und die Industrialisierung gekommen. Und es wäre möglicherweise nicht zu den immer wiederkehrenden Kriegen des letzten Jahrhunderts gekommen, sondern zumindest zu einer ganzheitlicheren Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse. Aber die hat ganz klar gefehlt. Letzten Endes wurde wieder die Ratio und die kühle Mechanisierung bedient, das konnte man gut an den Trümmerfrauen erkennen.«

Selbst wenn man der Schule eine größere Nähe zum Menschen und seiner „Beziehungshaftigkeit“ zubilligen möchte als man das für die Gesundheit tut, kann sie (die Schule) sich nicht ihrer dienenden Rolle für die von Schubert kritisierte Effizienzgesellschaft entziehen. Der von Schubert vorgeschlagene „kritische Blick“ ist für Schule und Bildung vonnöten, wie auch für das Gesundheittssystem. Gesundheit und Lernen sind nicht zuletzt Kulturfragen.

Das Interview regt zu einer Reflexion schulischer und schulpsychologischer Selbstverständnisse an – und zu einer Reflexion der Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten, die wir haben.

Versorgungsempfänger als Sparschweine

Von irgendwem muss das Geld ja kommen

sagten sich Hamburger Finanzbehörde und Bürgerschaft. Und kappten den Beamtinnen und auch den Beamten die Teilhabe an Einkommenszuwächsen.

»… werden die Ruhestandsbezüge real gekürzt. Hier zeigt sich der Hamburger Senat nicht als zuverlässiger Dienstherr. Die Schere zwischen Ruhestand und aktivem Dienst darf nicht noch größer werden.«

Das Überraschende: trotz großer Hitze und altersbedingt nachlassender Frische nahmen einige hundert Menschen an der Demo teil. Die Empörung und wohl auch der Schrecken über die kaltschnäuzige Behandlung durch die Obrigkeit waren deutlich zu spüren.

Entwicklungswege der Psychologie

Das Journal für Psychologie sucht aus Anlass seines 30 jährigen Bestehens das Gespräch mit Psychologen und Psychologinnen. Sechs Gespräche sind wiedergegeben. Das ist interessant und regt zu Fragen an: Was kann die Psychologie leisten? Was ignoriert sie? Wie sozialisiert und lenkt die Studienordnung Selbstverständnisse und Praxen?

… dass das Unbehagen an der Psychologie in dieser Zentrierung auf das Individuell-Psychische begründet ist und dass dann nur über nachträgliche Konstruktionen theoretisch völlig unbestimmt bleibende Größen wie »Kultur« oder »Gesellschaft« irgendwie eingeführt werden. Aber worin genau ist dieses Unbehagen begründet? Zunächst wohl einmal darin, dass dabei implizit behauptet wird, dass das, was zwischen zwei oder mehreren Menschen abläuft, im Grunde nicht etwas Psychisches, sondern etwas – was immer das dann sein soll – Soziales ist. …

Dass wir unsere begrifflichen Erkenntniswerkzeuge auch zu Erkenntnisgegenständen machen, wie es Bourdieu (1997) einmal gesagt hat, das heißt, dass wir uns die mit ihnen verbundenen Setzungen und Grenzen vergegenwärtigen müssen – dieses Basisverständnis für die Notwendigkeit metatheoretischer Arbeit oder von Arbeit am Begriff, das fehlt dem Hauptstrom der Psychologie fast völlig. Er ist viel zu schnell mit seinen Begriffen fertig,

https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/0942-2285-2022-1-6/html

Und Harald Welzer kommt ganz unverstellt daher:

»Scheiße machen wir nicht.« Und das ist, so wenig operationalisierbar es ist, ein absolut gutes Motto. Ich habe mir viel unnütze Arbeit erspart, indem ich irgendwann gesagt habe: »Scheiße machen wir nicht!« Punkt, Ende, aus.

https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/0942-2285-2022-1-111/html

Der innere Ort, von dem aus „ich“ handele – die Welt, auf die „ich“ mich beziehe. Leben in der Wahrheit und/oder in Lüge (frei nach Václav Havel)


Der Begriff vom inneren Ort, von dem aus ich berate und mich in die Welt einmische – gewissermaßen mein Rückzugsort und Startplatz, war für mich hilfreich, Standpunkt und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Er hat sich für mich als nützlich erwiesen, um die Koordinaten meines Handelns in der Innen- und Außenwelt zu bestimmen.


Verloren gegangene Koordinaten und Normen


In den letzten Jahren, so scheint es mir, ist es schwerer geworden, den Ort, von dem aus (jeweils) ich handele, zu bestimmen. In den vergangenen Jahren ist etwas geschehen, was offensichtlich die Koordinaten durcheinandergebracht hat. Bezugsgrößen und Wahrheiten haben sich in einem Maße verändert, so dass viele Menschen sich in ihren Welten nicht zurechtfinden, etwas ist ins Rutschen geraten. Wo ist das Subjekt oder wo sind die Subjekte dieser Veränderung?

Kontrolle und Repression (und die Angst vor ihnen) sind schon fast normaler Bestandteil des Lebens. Normen und Regeln wurden neu gesetzt, mit mehr oder weniger großer Zustimmung, der gesellschaftliche Friede ist in Frage gestellt, von wachsender Spaltung und Aggression ist die Rede. Was heißt das für unser Zusammenleben, für die Art und Weise, wie wir unseren Beruf ausüben – wie berührt uns das existenziell?
Zumindest einige Anregungen zur Beantwortung dieser Fragen fand ich bei Václav Havel. Es war das multipolar-magazin das seinen Essay, Versuch in der Wahrheit zu leben ausgegraben hatte. Ich werde darauf im weiteren Verlauf zurückkommen. Zudem scheint mir der Titel Havels ein guter Bezugspunkt für die Gegenwartsfragen, mit denen wir uns herumschlagen.

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Selbstermächtigung mit moralischer Erbauung

Frau Faeser, Bundesministerin des Innern und für Heimat, wird sich auch um die Kinder kümmern. Sie will deren Resilienz stärken, sie widerstandsfähig gegen Extremismus zu machen. Wie man feststellen kann, wird das weniger mit Pädagogik zu tun haben als mit Drohung, Ausgrenzung und, na ja, sagen wir mal: Informationsverengung.

Man kann in der jüngeren Zeitgeschichte einen Hang zur „Selbstermächtigung“ feststellen. Der Zweck: Weltenrettung. Es geht um nichts Geringeres als das große Ganze. Eine pädagogische Aufgabe großer Reichweite

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»Wirtschaftspolitik hat psychologische Folgen«

Wir ahnten es und haben nun auch die Studie dazu.

Der Neoliberalismus hat Herz und Seele der Nation verändert.

Dem Neoliberalismus ist es gelungen, die Menschen umzuformen. Wie dauerhaft das sein kann, bleibt offen. Denn es gibt Hinweise, dass das der Natur des Menschen nicht entspricht.

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Überlebenskampf – statt Bildung, Teilhabe, Kultur

Für die Schwächsten werden die Zeiten am rauesten. Die Bildungsrepublik Deutschland ist nicht für alle gedacht. Auch die zweifellos wieder hervorgezauberten Förderprogramme werden das Programm der Verachtung und Ruinierung nicht stoppen können. Was werden die Betroffenen aus diesen Programmen lernen?

Hier geht es zu den Folgen der neuen Hartz IV-Regelungen

Vom menschenfreundlichen Psychologen zum Agitator für den Krieg – ein drastischer Haltungsumschwung 1915

Bei den Recherchen zu meinem Büchlein Die Beugsamen stieß ich auf die Geschichte des Psychologen Oswald Külpe, aufgeschrieben von Armin Stock im Journal für Psychologie. (In diesem Themenheft des Journals aus dem Jahre 2017 geht es um Kriegsdiskurse, wie Psychologen Krieg bewer(te)ten, wie sie über ihn dachten und forschten etc.)

Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus dem Kapitel Was ist in einer Epoche ethisch? meines Buches wider:

Beginn des Auszugs ===

Armin Stock stellt uns Oswald Külpe vor (Stock 2017), einen zu seiner Zeit (er starb 1916) angesehenen Psychologen und Philosophen. Er war Professor, Intellektueller, hochgeschätzt wegen seiner Menschenfreundlichkeit und seiner Hilfsbereitschaft. Dieser Bürger nun hielt 1915, ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs, einen Vortrag, der auch schriftlich vorliegt, in dem der feinsinnige, gebildete und kritische Professor sich als äußerst aggressiv gegen die Kriegsgegner zeigte, Deutschland in einer Notwehrsituation sah, die einen Angriff rechtfertige, friedliche schiedsgerichtliche Lösungen ablehnte. Er beanspruchte eine Höherwertigkeit Deutschlands und leitete daraus ab, dass, um einer positiven Auslese willen, die Eroberung anderer Länder durch Deutschland für die Menschheitsentwicklung legitim seien.

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Aufarbeiten, aufarbeiten, aufarbeiten …!

Heute wieder ein Hinweis auf einen Artikel, der weder ein schulpsychologisches noch ein schulisches Thema zum Inhalt hat – gleichwohl aber die Praxis von Schule und Schulpsychologie stark beeinflussen könnte. Und darüber hinaus, die Art und Weise, wie wir in dieser Gesellschaft zusammenleben werden.


Bernd Schoepe, auf den hier (gemeinsam mit seinem Kollegen Finn Jagow) schon hingewiesen wurde, befasst sich in einem längeren Aufsatz mit der Dringlichkeit einer Aufarbeitung der Corona-Pandemie und und mit der weithin spürbaren Abneigung, eben das zu tun. Er schlägt dabei einen weiten historischen und demokratietheoretischen Boden. Bedauerlich, dass solche Gedanken angesichts des Konzepts „des Fahrens auf Sicht“ (oder ist es vielleicht noch nicht einmal das?, denn tatsächlich handelt es sich wohl um ein Fahren im Datennebel) weder in den Qualitätsmedien, noch in den alltäglichen Debatten eine Rolle spielen.) Gleichermaßen beunruhigend und einer Aufarbeitung würdig ist demgegenüber die Bereitschaft zu Totalitarismus und Autoritarismus. Im Gegenzug ist das Erziehungsziel der Mündigkeit schwer infrage gestellt:


»Warum Mündigkeit so wichtig ist? Weil sie das Immunsystem unserer Demokratie ist! Die Aufgabe der Mündigkeit (im doppelten Wortsinn!) wäre daher auch das Thema oder genauer Gesagt die offene Wunde, die uns die Corona-Krise hinterlässt und die zu ihrer Aufarbeitung uns anhalten sollte.«

Soll auf dem Sediment der Scherbenhaufen der verwilderten, verängstigenden, isolierenden, auf Macht und Kontrolle basierenden Maßnahmen eine demokratische, solidarische Gesellschaft entstehen? Das wird nicht gehen. Gelingt die Aufarbeitung nicht, werden sich die Folgen der Deformierungen hinter unserem Rücken vollziehen und den Kreativitätsfluss und Gestaltung der Zukunft behindern.

Unbedingte Leseempfehlung.

Zu Beginn dieses Posts wurde auf die Untersuchung hingewiesen, die Bernd Schoepe und Finn Jagow mit Hamburger Schulklassen durchführten. Sie haben dazu eine Ergänzung verfasst. Unter anderem schildern die beiden Lehrer die Wirkungen ihrer Studie.

Die GEW Ansbach veröffentlicht auch zahlreiche rührende, nachdenkliche, analytische Texte von Götz Eisenberg

Die Lage der Kinder und Jugendlichen in der Post-Corona-Epoche und die politische Lähmung

»Die betroffenen Kinder fühlten sich der Pandemie hilflos ausgeliefert, ohnmächtig und handlungsunfähig. Hatten sie schon vorher unter familiären Problemen gelitten, plagten sie nun vermehrt Zukunftssorgen. Psychosozial am meisten belastet waren Kinder und Jugendliche, die ohnehin unter großem Stress standen und Ess-, Schlaf- oder Zwangsstörungen hatten. Sie wurden teilweise noch ängstlicher, schweigsamer und lustloser. Viele gerieten völlig aus dem seelischen Gleichgewicht, was sich mit dem Ende der Pandemie nicht automatisch erledigt haben dürfte. Selbst wenn die Pandemie für immer überwunden sein sollte, hat sie zu einer Krise der Kindheit geführt und Kinder der Krise hinterlassen. Kinderrechte und Kinderschutz wurden in der Pandemie entweder vernachlässigt oder sogar ausgehebelt.«

Christoph Butterwegge


Trotz solcher Einschätzungen scheint es in der veröffentlichten Meinung kaum mehr jemanden zu geben, der (oder auch die) artikuliert, zu artikulieren wagt, dass zwei Großereignisse (Pandemie und Ukraine-Krieg), die in ihrer Wirkungstiefe noch nicht wirklich erfasst sind, auf Schulpsychologie und Pädagogik immensen Einfluss haben. Meines Erachtens reicht es da nicht aus, auf einen Ausbau der Schulpsychologie hinzuweisen, auf eine intensivere Nutzung von therapeutischen Hilfen, mehr Angebote zu machen etc. Das könnte am Ende noch darauf hinauslaufen, man wolle vom Elend profitieren und gleichzeitig Förderer ggf. problematischer Politiken sein.

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