»Analphabeten der Angst«

Etwas Monströses „wissen“, das können wir schon. Wir registrieren in diesem Fall, was gedanklich damit gemeint ist. Doch gefühlsmäßige Warnreaktionen bleiben aus. Affektiv gesehen geht es uns nichts an.

Es sind nicht immer Unmenschen, die Kriege befürworten oder sie auslösen. Aber sie sind vielleicht blind für dasjenige, was dort wirklich passiert. Und wer am systematischen Töten in einem Krieg direkt beteiligt ist, muss unbedingt auf eine Art Blindheit umschalten oder er steht in Gefahr, „verrückt“ zu werden.

Das sind Zitate aus einem Essay von Hans-Peter Waldrich. Eine Apokalypse-Blindheit, die auch Schulpsychologinnen und Schulpsychologen befallen haben könnte? Was Hans-Peter Waldrich hier für die Gefahr eines Atomkriegs beschreibt, nämlich eine Blindheit, lässt sich ebenso auf die Monströsität einer Verteilungsungerechtigkeit beziehen, wie wir sie bei der (fehlgeschlagenen) Kindergrundsicherung erleben. (Anmerkung: Ich setze die nukleare Gefahr nicht mit der Verteilungsungerechtigkeit gleich, sondern mache auf den Mechanismus des Ausblendens aufmerksam).

Sollte, müsste es nicht eine Psychologie für Frieden und Zusammengehörigkeit geben, die dafür auch die materielle Absicherung derjenigen fordert, die sich ihrer Persönlichkeitsentwicklung, ihrer Bildung und dem Wissenserwerb widmen sollen? Was bedeutet es eigentlich für Zuversicht, Selbstvertrauen und Zugehörigkeit, wenn Armut immer wieder spaltet und beschämt und die Betroffenen mit Krümeln und Anreizen abgespeist werden?

Wie kaltschnäuzig, selbstverständlich und ohne Debatte dagegen Aufrüstung umgesetzt wird und kleinste Verbesserungen für arme Menschen, die an der Grenze zur Verhöhnung liegen, gefeiert werden.

Ist da ein Elefant im Raum, den die psychologische Community nicht sehen will, obwohl doch die Verachtung und Feindseligkeit, die er (der Elefant) transportiert, monströs ist? Das Schweigen, die Blindheit gehen an die Glaubwürdigkeit …