Psychologen zur "Coronakrise"

Die Mainstream- und Qualitätsmedien sind sehr damit beschäftigt, uns auf den Kurs der Regierung(en) einzuschwören. (Selbst-) Disziplinierung und Folgsamkeit sollen der Weg sein, der zur Rettung führen soll. Analyse und Kritik sind in der (selbst mit hergestellten) Not nicht angesagt. Rubikon hat in den letzten Tagen einige Aufstätze von Psychologen veröffentlicht, die das bekannte Spektrum des Gesagten und Gesollten um Nachdenkenswertes erweitern.

So schreibt Andreas Peglau, wie sich mit Erich Fromm die augenblickliche Lage auch psychologisch und psychoanalytisch analysieren lässt

Denn sollten sogar diese nicht mehr gelten, bliebe nur eines: Wir müssten selbst denken, urteilen und entscheiden, uns möglichst umfassend und tiefgründig informieren, zwischen konträren Darstellungen abwägen, Spannungen und Wissenslücken aushalten, uns mit anderen auf Augenhöhe austauschen, kritische Fragen stellen – auch an „Experten“. Wir müssten möglicherweise sogar Widerstand leisten gegen etwas, das „von oben“ kommt.

Klaus-Jürgen Bruder schreibt über den Diskurs der Macht, der gerade auch in Corona-Zeiten nicht stillgestellt ist und das Potenzial hat, uns zu korrumpieren.

Wir denken nur noch: Wie schütze ich mich? Wie sorge ich vor, verbunden mit der Hoffnung, es wird bald vorbei sein – wir denken nicht mehr an anderes, was vorher wichtig gewesen war: die Wirkung der Ablenkung – von dem, was diese „Krise“ erst möglich gemacht hat. Das Gesundheitswesen war nicht darauf vorbereitet, keine ausreichende Vorsorge an medizinischen Schutzmitteln, durch „Sparpolitik“ verursachter Mangel an Personal und Kliniken. Die Panik des Kaninchens angesichts der unvorhersehbar aufgetauchten Schlange.

Georg Lind schreibt über Panik.

Ein altbewährtes, wirksames Gegenmittel gegen pathologische Panik ist und bleibt mit Immanuel Kant:

Sapere aude! Wage zu denken!

Zum Verhältnis von Angst und Demokratie

Götz Eisenberg hat einen interessanten und erhellenden Artikel geschrieben. Hier geht’s weiter (via Nachdenkseiten)

Kongressteilnehmer protestieren gegen Politik der Bundesregierung

Vom 3. bis 6. März 2016 fand in Berlin der Kongress „Migration und Rassismus“ der Neuen Gesellschaft für Psychologie statt. Die Teilnehmer meldeten sich mit zwei Protestnoten zu Wort

Die Kongressteilnehmer_innen sehen keine Anstrengungen der politisch Verantwortlichen, die Fluchtursachen tatsächlich zu beseitigen. Denn dies hieße für Nato und EU im Nahen Osten und Afrika, wirtschaftliche und politische Einflussnahme, kriegerische Interventionen und
Waffenlieferungen zu beenden.
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 .

Die zweite Stellungnahme kritisiert das Asylpaket II:

Die Menschenwürde und das Recht auf Unversehrtheit von Leib und und Leben werden verletzt
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Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hatte sich gegen den Gesetzentwurf des Asylpakets 2 ausgesprochen:

Klicke, um auf 151202_asylverfahren.pdf zuzugreifen

Leider etwas versteckt

findet sich in Report Psychologie ein kurzer Bericht über die haltlose Lage der Geflüchteten im Asylverfahren

„Aus der Welt gefallen“

so lautete der Titel eines kürzlich  von Götz Eisenberg veröffentlichten Artikels. Es ging darin um eine Nachbetrachtung zum Absturz der German Wings Maschine im März 2015.

„Nimmt man ein Symptom allzu schnell unter Beschuss ohne seine Bedeutung im seelischen Gesamthaushalt eines Menschen begriffen zu haben, bringt man ihn in Gefahr.“

Darum geht es oft genug auch in der schulischen Beratungsarbeit. Jedoch scheint die Neigung, sich der Mühe des Verstehens zu unterziehen, abzunehmen. Zu groß ist der Schrecken und die Überforderung als dass man sie glaubt aushalten zu können. Zu groß sind die Zwänge und Forderungen des Alltags aus Lernzielkontrollen, Inspektionen, Fristen und sonstigen Ansprüchen. Die Neigung nimmt zu, sich für Außergewöhnliches nicht zuständig zu halten. Dabei sind Lehrer/innen, Kolleg/inn/en, Eltern wichtige Brückenbauer zu weitergehender Hilfe. Sie sind Menschen in Not (relativ) am nächsten, wichtige Vertrauens- und Bindungspersonen, die sich nicht vom verzweifelten Menschen abwenden sollten. Das kann eine weitere Kränkung sein, die „das Fass zum Überlaufen bringt“.

Der Valorisierte trägt in sich die Gewissheit, dass die Dinge kommen können und er das Leben und seine Widrigkeiten meistern wird. Wem es hingegen an Zuwendung und verlässlicher Anwesenheit der Bezugspersonen mangelt, der fühlt sich nicht hinreichend sicher genug gehalten und entwickelt anstelle eines Urvertrauens Misstrauen und Angst.

Lehrer/innen und Eltern sowieso sind wichtige Bezugs- und Bindungspersonen für Schüler. Für Schüler oft natürlicher und selbstverständlicher als Experten von außen. Letzere können die Hauptbezugspersonen nicht ersetzen. Sie stellen oft eine wichtige, wenn auch zwiespältige, Verbindung zur Welt (und vielleicht zu wirksamer Hilfe) dar. Aber die Bezugspersonen brauchen Rat und Unterstützung durch Berater/innen bei der Einordnung „merkwürdigen“ und „verrückten“ Verhaltens, um diese Haltearbeit tun zu können, bis ggf. weitergehende Hilfe greifen kann. Oft sind es Ängste der Bezugspersonen, alleingelassen zu werden (wie bei den Verzweifelten selbst), wenn sie nach den Experten rufen, oder wenn sie darauf verweisen, dass sie „das“ nicht leisten könnten. Wir sollten gemeinsam „drin“ und „dran“ bleiben. Supervision und Beratung für die Professionellen hilft dabei.

Das Diagnostizieren, mit dem wir heute so schnell bei der Hand sind und worauf wir uns so viel zugutehalten, erweist sich als ein Instrument, mit dem die Gesellschaft Störungen und Gefährdungen ihres Zusammenlebens gerade nicht zu verstehen lernt, sondern abdeckt, abriegelt und administrativ in den Griff zu bekommen versucht. Diagnosen befriedigen das Ordnungs- und Kausalitätsbedürfnis der Wissenschaft und der professionellen Helfer sowie den Wunsch, in einem bisher undurchschaubaren, chaotischen, gefährlichen, vielleicht auch angstauslösenden Bereich Ordnung zu schaffen durch Einordnen und Klassifizieren: „Aha, das ist es also!“ Diagnosen rücken den Patienten zurecht für den medizinisch-psychiatrischen Apparat und seine Normalisierungstechniken. Vor allem bahnen sie den Weg für die Verschreibung von Medikamenten, woran die Pharmaindustrie ein großes Interesse hat. Unser Anliegen sollte deshalb nicht sein, ein Symptom schnellstmöglich zu beseitigen, sondern den Versuch zu unternehmen, seine Bedeutung aus der Vielschichtigkeit des jeweiligen Menschen und seiner Lebensgeschichte heraus zu verstehen.

Hier geht es zum vollständigen Artikel von Götz Eisenberg

Vor zehn Jahren wurden am Erfurter Gutenberg Gymnasium 16 Menschen getötet

In einigen Medien erinnerte man sich in diesen Tagen, dass vor etwa zehn Jahren die Republik durch ein Gewaltereignis aufgewühlt wurde, das man bis dahin in diesem Lande nicht für möglich gehalten hatte: Die Tötungen, Hinrichtungen durch einen schulversagenden, ehemaligen Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. 16 Menschen waren die Opfer und schließlich der Täter selbst. Die Debatten kreisten überwiegend um eine Verschärfung der Waffengesetze. Dann war davon die Rede, dass es vermehrte Anstrengungen in den Schulen für Prävention gebe – wie immer die auch verstanden wird.

Die systemischen Hintergründe für Verzweiflung, Vereinzelung, wie Konkurrenz und Versagenserleben blieben, wie zu befürchten war, unerwähnt. Da ragte der Beitrag von Götz Eisenberg auf den Nachdenkseiten heraus. Hier der dritte Teil seiner Beobachtungen und Schlussfolgerungen, in denen er sich mit der Schule als Abbild der entfesselten, neoliberalen Gesellschaftsordnung befasst.
Hier Teil 1 und Teil 2,
weitere Links hier: Weiterlesen „Vor zehn Jahren wurden am Erfurter Gutenberg Gymnasium 16 Menschen getötet“

Fixierung auf Erfolg, Leistung und Männlichkeit – ohne Emotion und Bindung

In diesen Tagen steht der Vater von Tim K. vor Gericht, weil er, der Vater, seine Schusswaffen nicht verschlossen verwahrte und so Tim die Gelegeneheit erhielt, die Waffe zu nehmen und mit ihr mehrere Menschen umzubringen.

„In welcher Welt lebt dieser Vater eines Mörders? Es gibt nur eine Antwort: in der unseren. In der sind Väter emotional und auch physisch oft abwesend. Wie sollten sie auf den Gedanken verfallen, dass sich Söhne nach Liebe, Nähe und Anerkennung sehnen?“ Verzweiflung, Wut, Aggressivität gegen sich und andere kommen nicht aus dem Nichts, sondern aus der Art, wie wir leben. Hier zum Artikel über die private und doch öffentliche Seite eines Amoklaufs.

Ein Literaturhinweis zum Thema Amoklauf

Rezension

„Wenn Eltern und Familien ihre eigentlichen Erziehungsfunktionen nicht mehr oder nicht ausreichend wahrnehmen, sollten nach allgemeiner Auffassung die Schulen deren Defizite kompensieren. Eisenberg weist darauf hin, dass es nach dem Schulmassaker von Erfurt einen breiten Konsens darüber gegeben habe, dass es einen Zusammenhang zwischen einem einseitig leistungsfixierten Schulklima und der wachsenden Gewaltbereitschaft von Schülern gibt. Aber derartige Schlussfolgerungen aus dem Massaker seien schnell wieder beiseite gedrängt worden, als der sog. PISA-Schock die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. „Seither wird weiter an der Leistungsschraube gedreht, und es wird standardisiert, evaluiert und modularisiert, was das Zeug hält. In dem Maße, wie Schulen sich als effiziente Zuliefererbetriebe für Industrie und Markt begreifen, werden sie verschärft zu Orten der Konkurrenz, der Selektion und damit auch der Kränkung. Da gleichzeitig bei den Heranwachsenden die Fähigkeit zur angemessenen Kränkungsverarbeitung immer weniger erworben wird, entsteht hier jede Menge schulischer Sprengstoff.““

Und hier der Link zur Buchbesprechung: Rezension des Buchs von Götz Eisenberg über Amok

Götz Eisenberg, Damit mich kein Mensch mehr vergisst. Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind.
Pattloch Verlag 2010
303 Seiten
Preis: 16.95 Euro

Amoklauf – sozial induzierte Psychose?

„Woher also der Hass? Die blinde Wut? Auch noch so viele Psychiater werden dieses Geheimnis nicht lüften, solange sie den Wahnsinn nicht dort verorten, wo er sich wirklich befindet. Denn Schulamokläufer sind zweifellos psychologische Grenzfälle, aber zugleich sind sie die Seismographen einer kranken Gesellschaft. Tanja O. sei kein „Monster“, liest man in der Presse. Natürlich ist sie das nicht. Verwirrt ist sie und ein Kind der Umstände. Diese Verwirrung und auch die Umstände gehören aufgeklärt.“ Woher der Hass?

Amok – nur krank oder an der Gesellschaft krank geworden?

Amoktaten, Sicherheitstrakte, und vielleicht ein wenig Schulentwicklung und Schulpsychologie

Bitte etwas genauer hinschauen

Ein Schüler hat tragischerweise einen seiner ehemaligen Lehrer getötet, weil er sich von ihm ungerecht behandelt fühlte. Und schon ist wieder von einer Amoktat (handelt es sich um blinde, voraussetzunglose Wut?) und von Amoktrainings (Polizeigewerkschafter Wendt) die Rede. (Wer trainiert da wen worin und wer dreht da eigentlich durch?) In den öffentlichen Berichten Schulen zu Sicherheitstrakten Weiterlesen „Amoktaten, Sicherheitstrakte, und vielleicht ein wenig Schulentwicklung und Schulpsychologie“