Wer braucht die Schulpsychologie wozu?

Muss es immer ein schlechtes Zeichen sein, wenn die Schulpsychologie übersehen wird? Und in welchen Fällen kann sie überhaupt zu Lösungen beitragen?

Einige Beobachtungen von Jürgen Mietz

An allen Ecken und Enden des Schulsystems brechen Mängel auf: Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen sind weiterhin hin ein großes Problem. Allein schon unter dem Aspekt kommunaler Kosten (§ 35a) nimmt das Problem an Bedeutung zu und führt zu neuen Anstrengungen. Deren Ergebnisse aber tragen die Spuren der üblichen Lösungsversuche: Projektförmigkeit, Improvisiertheit, technokratische Vorgehensweise, die den zentralen Aspekt grundlegenden Lernens – der Begegnung von Mensch zu Mensch, der Vertrauens- und Beziehungsgebundenheit – leugnet.

Die Schulpsychologie hat man in das Projekt gar nicht erst einbezogen. Vielleicht ein gutes Zeichen, dass die Schulpsychologie bei der Ausgestaltung des Projekts vergessen wurde? Denn: Wie sollte sie mit ihren Ansprüchen an Kontinuität, Individualisierung, Reflexion und Zeit da hineinpassen?

Auch an anderer Stelle vertraut man irrer Weise auf die technokratische Strategie. Immer mehr behinderte Kinder kommen mit einem Integrationshelfer. Und schon haben wir ein neues Problem, zumindest häufig. Sie verändern die Beziehungsdynamik in der Schulklasse, werfen Fragen nach Hierarchie der Erwachsenen im Klassenraum auf (wer hat wem was zu sagen), nach ihrem Selbstverständnis und ihrer Rolle. Neue Konkurrenzen können sich herausbilden. Welche Loyalität haben die Integrationshelfer? Sind sie menschliche Spyware und am Ende oder im Zweifelsfall subversiv? Welche Sprache sprechen sie und wer hat ihnen was zu sagen? Wie bewegt sich die Lehrkraft, die nicht nach dieser Person gefragt hat, dieser gegenüber?

In jedem Fall entsteht neuer Abstimmungsbedarf. Ob und wie der bearbeitet wird, ist den Handelnden vor Ort überlassen – für ein Problem, das sie nicht verursacht haben. Leitungen verschiedener Ebenen stehen ratlos davor. Die eine kann das Problem verstehen, macht aber nichts. Was soll sie schon machen? Die andere drängt mehr oder weniger rigoros, dass man sich arrangieren müsse; die Welt sei nun mal so, wie sie sei. Was natürlich Widerstand auslösen kann, oder auch Freude darüber, dass man endlich mal wieder kreativ sein kann. Ein gehöriges Maß an Bewegung – sichtbar oder unsichtbar, gezielt oder ziellos – ist also gesichert.

Kommt man als supervisorisch arbeitender Schulpsychologe in ein solches Geschiebe, bleibt einem kaum mehr als die Verhältnisse ansatzweise zu klären. Ein klassischer Fall von Verantwortungs-, Konflikt- und Problemverschiebung. Andererseits ist die Qualität der Kooperationsbeziehungen vor Ort in der Regel nicht so, dass ein Austausch über das Problem unkompliziert stattfinden könnte. Dass eine Problemanalyse durch die Leitungskräfte in Verantwortung nötig wäre, fällt diesen kaum auf. Käme es zu einer Problemanalyse auf der Verantwortlichen, könnte Schulpsychologie sinnvoll mitwirken. Aber wer kommt schon darauf und wo gibt es solch vorausschauende Kooperation? Da kommt man doch als Schulpsychologe schnell zu dem Schluss, dass man mit solchem Geschiebe nichts zu tun haben möchte. Was auch, denn einen Sinn wird es doch haben, wenn solche Art Kompetenz nicht gefragt ist. Aber nein! Eine vorausschauende Kooperation gibt es doch. Bei der Krisenintervention: wenn die Beteiligten Angst haben, man könnte ihnen Tote und Verletzte zum Vorwurf machen.

Was sich auch beobachten lässt: Es gibt Generalieninhaber, oder Ansprechpartner, die das Auseinanderstrebende oder Unvereinbare bündeln sollen. Sie sollen uns das Vertrauen geben, dass doch irgendwo in diesem Gewirre fester Halt zu gewinnen sei, dass sich irgendwo die Fäden zu einem sinnvollen Gewebe verbinden. Was wir dann aber erfahren, wenn nach vielen Versuchen der Gesprächspartner erreicht ist, ist, dass sie auch sehr wenig Zeit hätten, Herr oder Frau xy für diese Frage zuständig seien, man auch von dem Problem gehört habe, man aber wie gesagt, nicht Genaues dazu sagen könne und dem anderen auch nicht ins Werk pfuschen wolle. Bekommt man den zu sprechen, wird man schnell hören, dass dem auch nicht wohl sei (weil das Projekt so knapp angelegt sei, so viele Bezugspersonen auf ein Kind einwirkten, so viel Unruhe im Kollegium entstünde, viel zu wenige Kinder davon profitierten). »Aber was wollen Sie machen? Wir müssen doch froh sein, dass wir überhaupt die paar Mittel bekommen. Soll ich die liegen lassen?« Na denn.

Hm, hm. Ist die Schulpsychologie dazu auserkoren, Sinnesleere aufzufüllen?

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