Tempo, Tempo

Wie Lernen als Drill zunimmt und wie Kinder und Lehrer sich vom Lernen entfernen – und damit auch von sich selbst

»Wir müssen damit rechnen, dass wir an den Rändern der Gesellschaft immer mehr Menschen verlieren, weil sie nicht die nötige Geschwindigkeit zum „take-off“ aufbringen.« Peter Hartz, Mitbegründer von Hartz IV, in: Job Revolution. Wie wir neue Arbeitsplätze gewinnen können. FAZ Buchverlag

Auch wenn die Datenbasis eines einzelnen Beraters oder einiger Berater oder Beraterinnen zu schmal ist, um wissenschaftlich aussagekräftig zu sein, so verstärkt sich doch der Eindruck, dass der Druck auf alle an Schule Beteiligten zunimmt – und jeder an der Schraube mitdreht. Das Wissen, dass Lernen und Erziehung Zeit brauchen, ist fast allen (noch) bekannt. In der Praxis aber ist die Versuchung groß, sich darüber hinwegzusetzen. Die Lehrerin hat den Lehrplan im Hinterkopf, sieht das Denis oder Fatima verglichen mit den Schwächen am Anfang schöne Fortschritte gemacht haben. Mit Hilfe des Psychologen ist es der Lehrerin gelungen, die Blockaden und Motivationsschwächen zu verstehen, mit passenden Kommentierungen, die Beziehungen vertrauensvoll und ermutigend zu gestalten. Es gibt gute Gründe, weshalb bei den beiden Nachzüglern Lesen, Schreiben, Rechnen nicht in dem Tempo vorangehen, wie der Lehrplan es vorsieht und wie die Lehrerin es sich angesichts der Lernstandsuntersuchungen und angesichts der Verantwortung, die sie für das Lernergebnis übernimmt und zugeschrieben bekommt, wünscht.

Gibt es nicht vielleicht doch eine Fördermaßnahme, die alles rasch auf Normalmaß bringt? Sollte sie vielleicht nicht doch noch dieses oder jenes Institut empfehlen? Oder die Eltern kommen selbst auf diese Idee?

Kinder und Erwachsene haben immer wieder das Gefühl: Die Erwartungen sind höher als das, was an Leistung erbracht wird. Ein Dauergefühl des Ungenügens stellt sich ein. So kann es geschehen, dass sich Kinder im Laufe eines knappen Jahres langsam aus ihrer Reggression und aus ihrer Abwehrhaltung der Welt gegenüber herausbewegen und auf die Schule zu – ein enormer Kraftakt. Aber sie werden direkt oder indirekt damit drangsaliert, dass es immer noch nicht reicht. Ihnen wird vermittelt: »Du genügst den Anforderungen nicht.« Wie sollen da Freude am Lernen und Selbstvertrauen entstehen?

Die Vorstellung, Menschen könnten und sollten lernen wie eine Maschine, findet immer mehr Verbreitung. Die Zurichtung auf Leistung wird von immer mehr Menschen geteilt, auch wenn sie das für Wahnsinn halten. Irgendwo gibt es vielleicht doch die Fördermaßnahme oder das Medikament, welches Erlösung bringt.

Eingespannt in Ängste vor dem Absturz in eine aussichtslose Zukunft, in den Zwang zum Erfolg bei Strafe des Verlusts der Zugehörigkeit zur Gesellschaft, werden die wichtigsten Grundlagen, die in den vergangenen Jahren in das Bewusstsein der Lehrer und der Eltern traten, ignoriert: Lernen ist nur dann die Persönlichkeit stärkend und nachhaltig, wenn es an den subjektiven Lagen anknüpft, wenn Umwege erlaubt sind bzw. das, was der außenstehende Beobachter für einen Umweg hält. Ignoriert wird, dass Fehler Informationsquellen und erkenntnisfördernd sind, obwohl einst die Fehlerfreundlichkeit so gelobt wurde. Wenn Lebensgeschichten und -erfahrungen aber vermeintlich den Lernprozess stören und das Kind ohne (!) sie lernen soll – dann ist keine Zeit mehr für den einzelnen, in seiner Art einmaligen Menschen. Wenn alle in die industrielle Produktion von Leistung eingespannt sind, braucht es auch keine Psychologie mehr. Die Verdichtung der Lehrerarbeitszeit und die Fokussierung der Lehrer auf Unterricht und auf das, was unmittelbar mit ihm zusammenhängt, lassen einer humanen Schule immer weniger Raum.

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