Steuerung statt demokratischer Entwicklung. Ergebnis: Frust und Reibungsverlust

Dem Anschein nach gibt es eine einzige und damit selbstverständlich »alternativlose« Form der Beratungsorganisation, die im Zuge der Inklusionsumsetzung zu realisieren ist, wenn REBUS und neuerdings die Fusion der REBUS mit den noch zu gründenden Bildungszentren propagiert werden. Alles soll effizienter werden, Eigenständigkeiten sollen gewahrt bleiben – warum dann die Fusion? – Alles wird vorbildlicher, und noch dazu für die ganze Republik. Was in den wenigen Diskussionsgelegenheiten erkennbar wird, ist, dass die Fusion eine politische Vorgabe ist. Einen inhaltlichen Entwicklungsprozess durch Kommunikation gibt es nicht.
Wie bei Reformen der Schule häufig geht es nicht darum, endlich die Bedingungen für ein personenbezogenes Lernen zu schaffen, sondern darum, Steuerung und Kontrolle im Schulsystem zu erhöhen, und zwar im Sinne eines unternehmerischen, auf Rentabilität orientierten Modells. Im Namen der Übersichtlichkeit und des Abbaus von bürokratischem Wildwuchs, werden Organisationen geschaffen, die Eingriffe und Steuerung erleichtern (sollen). Das spricht manche Wünsche, auch pädagogische, sowie Ressentiments an: Muss nicht wirklich etwas geschehen angesichts der wachsendenden Störungen im Schulsystem? – In diesem Sinne hat sich dann auch Beratung zu formieren. Eine von außen strukturierte, mit divergierenden Beratungsverständnissen und Aufträgen aufgeblähte Organisation soll der notleidenden Schule ein elegantes Aussehen verleihen.

REBUS – Keim der idealen Beratungsorganisation in Zeiten der Inklusion?

Zur Strategie der Umsetzung der Inklusionsforderung gehört, dass viele Schul- und Kultusministerien eine neue begleitende Institution zur Beratung schaffen oder bestehende anpassen. Verbleibende Sonderschulen sollen nicht nur den Anspruch auf weiterbestehende exklusive (exkludierende) Beschulung sichern, sondern sie sollen als (Bildungs- oder Kompetenz-) Zentren die unterrichtliche, informatorische und qualifikatorische Begleitung der inklusiven Regelschulen sichern. Damit aber nicht genug: Sie sollen in Hamburg mit den um das Jahr 2000 gegründeten REBUS (Regionale Beratungs- und Unterstützungsstelle(n)) fusionieren. Der in ihnen – historisch bedingt – pädagogisch und sonderpädagogisch geprägte Beratungsbegriff der REBUS wird sich in dieser Entwicklung festigen und sich auf das schulpolitisch/schulbehördlich definierte Inklusions- und Beratungsverständnis verengen.
Das Modell der REBUS soll die Blaupause für andere Bundesländer sein. In Hamburg wurde schon vor mehr als zehn Jahren ein Teil der Sonderschulen aufgelöst. Ihr Personal wanderte in die neue Organisation der REBUS. Ebenso wurde der schulpsychologische Dienst, Schülerhilfe genannt, aufgelöst. Dessen Personal wurde in die neue Organisation überführt. Im Ergebnis handelt(e) es sich um eine stark sonderpädagogisch geprägte Institution, sowohl in Folge der personellen Zusammensetzung als auch in Folge der organisatorisch-hierarchischen Einbindung. (Schul-) Psychologische Beratungs- und Handlungskonzepte vereinzelten oder konnten sich im schulpädagogisch geprägten Beratungsverständnis kaum halten oder entfalten.
Die Zusammenführung der unterschiedlichen Arbeits- und Beratungsverständnisse von Psychologen, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen wurde unzureichend reflektiert. Gewinne und Verluste an Identität und Arbeitsplatzqualität wurden nicht in einem gemeinsamen bewussten Prozess verarbeitet. So entwickelte sich kein von innen und von außen erkennbares, differenziertes Profil. Was blieb, sind unterschiedlich gut funktionierende Arrangements.
Den REBUS in Hamburg steht nun ein neuerlicher Integrationsprozess (vielleicht auch ein Assimilisierungs- oder Marginalisierungsprozess) ins Haus. Was »damals« überwiegend die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen durchlebten, scheinen nun die inzwischen rebussozialisierten Sonderpädagoginnen zu durchleben: Wie kann das Eigene (und Neu-Erworbene) bewahrt werden? Damals wie heute sind die Aussichten gering, dass es sich um einen bewusst und demokratisch gestalteten Prozess handeln wird.
Man greift zu kurz, wollte man Widerstände aus dem vermeintlich notorischen Bewegungsunwillen der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ableiten. Eher entziehen sich mit solch oberflächlicher Begründung Entscheider auf höheren Hierarchieebenen einer inhaltlichen Debatte und lassen die anzweifelbaren Begründungen, es gehe um Effizienz und Bürgernähe undiskutiert.
Die Bildungsplaner träumen von der einen Telefonnummer, die die neue, von oben fusionierte Organisation haben soll, und von der der Nachfrager ans Ziel seiner Wünsche geleitet wird. Dass so etwas voraussetzungsreich wäre, und unter anderem jedem, der Telefondienst hat, ein hohes Maß an Identifizierung mit der Organisation, an Klarheit über Funktion(en) und Roll(en) der Mitarbeiter und der Organisation abverlangt, wird übersehen. Eher ist zu befürchten, dass es der Basis »in Selbstorganisation« überlassen bleibt, mit keinen oder wenigen Ressourcen (»mit Ihrer Kompetenz werden Sie das doch auch ’so‘ schaffen«) die größten Reibungsverluste auszuräumen. Die Argumente, die dann zählen, werden die der größten Zahl und der größten Nähe zu einflussreichen Personen sein.
Von der einen Telefonnummer, über angeblich passgenaue Abstimmung von Hilfen bis hin zum angeblich hilfreichen Zwang zur Kooperation – immer sind es technokratische Träume, die das Leben leichter machen sollen, und den Mitarbeiter/inne/n Beine. Mit einer intelligenten Konstruktion der Abläufe einer Organisation soll das erreicht werden, was sich Planer des Großen und Ganzen nicht vorstellen können: Es kommt wesentlich auf Sachkunde, auf persönliche Einstellungen, auf Sensibilität für Entwicklungsgeschichte/Historie, auf Sensibilität für Differenzen und Identitäten, auf Kommunikationsfähigkeit, auf Anerkennung der Eigenständigkeit des anderen an. Und auf die Bereitschaft und Gelegenheit zu Reflexion.
Es scheint eine Eigenart moderner – nicht guter – Integrationsprozesse zu sein, dass sie nicht tatsächlich integrieren, sondern bedrohen, marginalisieren, kolonisieren, auch wenn sie anderes behaupten. »Lasst viele Blumen blühen« wird gern als Beschreibung einer guten Schule genommen und könnte auch die Leitlinie für die Gestaltung einer guten Beratung sein. Tatsächlich wird die Aufforderung zu einer romantischen Vorstellung degradiert. Die erforderliche Gartenarbeit will man sich sparen.

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