Und? Was wird nun aus Europa?

Abschied von der Demokratie – und ihren Bildungszielen

Ab und zu ist es notwendig, den mehr oder weniger fachlich begrenzten Blick zu heben. Wenn er sich dann auf das allgemeinpolitische Geschehen richtet, kommen Beunruhigung und Unglaube zum Vorschein. Genau genommen läuft es jedoch andersherum. Die Nachrichten lassen einen fragen: Welche Wirkung hat das politische Geschehen auf Bildung, Beratung, Lernen? Die Verfassungen und Schulgesetze legen uns nahe, Schule und Erziehung auf Humanität und Solidarität auszurichten, auf die Achtung der Menschenwürde. Und nicht zuletzt auf eine Demokratie, die der Humanität verpflichtet ist.
Und was erleben wir in diesen Tagen, wenn auch nicht erst in jüngster Zeit? Eine Erosion der Demokratie, des Mitgefühls, der Vernunft, der Humanität.

Das vermeintliche Spiel ist auch deshalb tödlich, weil immer mehr verzweifelte kranke Menschen in Griechenland nicht mehr behandelt werden können und zum Sterben auf den Fluren der wenigen, noch nicht geschlossenen, Krankenhäuser abgestellt werden. Denn die Troika hat darauf bestanden, dass die Ausgaben für überlebenswichtige Medikamente und für geschultes medizinisches Personal drastisch gekürzt wurden. Würde diese Katastrophe in Afrika oder Asien stattfinden, wären längst schon internationale Hilfsprogramme angelaufen. Im Fall des EU-Mitglieds Griechenland regt sich nichts, außer einigen gutgemeinten privaten Initiativen.

Frau Merkel übergibt die ihr von Bürgern erteilte demokratische Macht an einen Lobbyistenverein, den IWF, zur Vertretung von Anlegerinteressen. Kurzfristige Wahlinteressen verbiegen die ökonomische Vernunft. Ressentiments werden geschürt – die Folgen lastet man den Schwachen auf.
Und Gabriel mischt munter mit, sollte aber stattdessen mal »seinen« Vorwärts lesen

Wir sollten uns nichts vormachen: Es geht am wenigsten um die Griechen und um Griechenland. Hier werden uns die Werkzeuge gezeigt, die auf uns angewendet werden, wenn wir uns nicht im Sinne der Anlegerinteressen verhalten. Den kolonialen, gutsherrlichen Stil haben schon die Hartz IV-Empfänger zu spüren bekommen. Den Postlern wird ohne viel Erstaunen abverlangt, auf zwanzig Prozent ihres Lohns zu verzichten, eine Schmerzklinik schließt, weil der Profit nicht stimmt.
Umfassend und tief, durchaus systemisch, wie ich finde, analysiert Jürgen Habermas, wenn auch mit dem betrüblichen Schlusssatz

Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.

Bedauerlicherweise muss man davon ausgehen, dass auch in Betrieben,  Verwaltungen und Behörden der koloniale und diktatorische Habitus stilbildend geworden ist. Es wird nicht diskutiert und entwickelt, sondern dekretiert – Pech für die Menschen und die Sache, wenn sie sich nicht danach richten. Die kleinen und größeren Egoismen werden die hohen Ziele der Verfassungen und Schulgesetze zerlegen. Weil der Mensch sich nicht gern erniedrigt sieht und nicht verzweifeln will und nicht gern seine Weltsicht ändert,  wird es immer noch genügend Menschen geben, die das Gute sehen wollen und mitmachen. Lesenswert und aktuell: die letzten Tage der Menschheit, von Karl Kraus, aus dem Jahre 1919.  Darin unter anderem Gespräche zwischen dem Optimisten und dem Nörgler …

Und? Werden wir uns emanzipieren?

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