In der Schulpsychologie – aber nicht nur dort – hören wir sehr viel von systemischen Arbeitsansätzen. Wenn auch vieles im Dunkeln bleibt, was damit gemeint sein könnte, so wird damit doch ein Stück Modernität signalisiert. Bei all den Schönheiten, die systemische Sichten bieten, verwundert es, dass (zumindest gefühlt) Krisen und Katastrophen zunehmen. Irgendwas schiebt sich wohl dazwischen. Im Laufe dieses Textes werde ich auf einen Text hinweisen, der vielleicht einer systemischen Sicht neue Impulse zu geben vermag.
Es handelt sich beim systemischen Ansatz nicht um die eine bestimmte Methode, sondern um einen allgemeinen Denk- und Analyseansatz. Vermutlich kann man unterschiedliche, methodische Ansätze – wenn man denn will – mit einem systemischen Ansatz unterlegen. Es handelt sich dann wohl um eine systemische Erweiterung, vielleicht auch Aufwertung eines vordem einfachen oder vereinfachenden Ansatzes.
Wenn ich mich recht erinnere, wurde unter systemischem Ansatz in der Schulpsychologie oft verstanden, dass man sich bei der Erklärung eines Lern- oder Verhaltensproblems nicht auf die vom Anmelder vorgetragene Ursachenzuschreibung – oft: „Das Kind hat/ist … “ – einlassen wollte, mit der Folge einer Engführung von Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, abgesehen von einer impliziten oder expliziten Schuldzuweisung an das Kind und seine Familie. Eine systemische Sicht konnte den Blick auf die Entwicklungsgeschichte des Kindes lenken, auf besondere Erfahrungen, Spannungen und Widersprüche in der Herkunftsfamilie. Die Sicht lässt sich auf Besonderheiten der Lehrerpersönlichkeit lenken (seine/ihre Vorerfahrungen, Deutungsgewohnheiten, was die Möglichkeit ins Spiel bringt, dass Schüler- und Lehrerpersönlichkeit ineinandergreifen und wie programmiert Reiz und Reaktion folgen bis hin zu Lern- und Entwicklungsblockaden.)
Eine systemische Sicht eröffnet auch die Möglichkeit, die Einzelpersonen im Verhältnis zu den Besonderheiten ihrer Organisation zu betrachten: Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Personen und der Organisation (Selbstverständnis, Tradition, Lage im Stadtteil). Direkt oder indirekt urteilen Personen, bewusst, halb- oder unbewusst im Kontext ihrer Umwelt (familienhistorisch, sozial, institutionell, gesellschaftlich).
Politisch-gesellschaftliche Dimension und systemische Sicht
Ein Feld, das nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die politischen und verwaltungsmäßigen systemischen Wirkungen auf die Beteiligten. Welche Ziele verfolgen politische Akteure, wie verhalten sich Theorie und Praxis zueinander? Welche Erwartungen bezüglich der zu erreichenden Ziele gibt es im Publikum? Und wer ist das?
Nun wird es kaum darum gehen können, alle denkbaren systemischen Wirkfaktoren bis ins Detail aufzulisten. Zunächst einmal geht es „nur“ darum, sensibel und aufgeschlossen zu sein für systemische Wirkungen im Feld, also den Wahrnehmungshorizont zu weiten und ihn nicht engzuführen. Dann ließe sich reflektiert zu ihnen verhalten, sie vielleicht nicht immer nutzend, wohl aber sie im Hinterkopf behaltend für Handlungsoptionen, möglicherweise brauchbar als entlastende Information. Etwa wenn kurzgreifende, blockierende Schuldzuweisungen und Psychologisierungen den Entwicklungsprozess zu hemmen drohen. Es kann sich herausstellen, dass Probleme und Konflikte auf anderen Ebenen entstanden sind und nicht dort, wo sie in Erscheinung treten.
Qua Macht und Möglichkeit können hierarchisch höhere Ebenen Problemlösedruck erzeugen, indem sie Aufträge erteilen, Anreize setzen, verführen – wobei unter Umständen die nachgeordneten Ebenen gar nicht die Ressourcen haben, die für eine Lösung wichtig wären. Gerade Verantwortungs-, Konflikt- und Problemverschiebungen sind Ereignisse, die ohne systemische Sicht kaum bearbeitet werden könnten.
Eine systemische Sicht kann Problemlösungen unterstützen, indem sie hilft, sich zu vergegenwärtigen, in welcher Art und Weise Menschen mit anderen Menschen und Organisation verbunden sind, welche Anschluss- und Kopplungsstellen es zwischen ihnen gibt, welche Abhängigkeiten und Verantwortungsspielräume vorhanden sind.
Bei all den Schönheiten, die systemische Sichten bieten, verwundert es, dass (zumindest gefühlt) Krisen und Katastrophen zunehmen. Irgendwas schiebt sich wohl dazwischen. Fahren auf (enge) Sicht scheint attraktiver als weite Sicht. Gewohnheiten und Interessenlagen, Macht- und Ohnmachtspositionen scheinen sich so zu konstellieren, dass Engführungen, herrschaftliche Konzepte und Unterordnungs-/Folgsamkeitskonzepte als Lösung erscheinen. Und wenn das nicht hilft, wird die Dosis erhöht – mehr Desselben, das schon vorher nicht geholfen hat. Dabei glaubten wir uns aufgeklärt und fähig zu eigenständigem Denken.
Vielleicht ist es sinnvoll, im Nebel der Krisen und Katastrophen, ihre Muster und Abläufe noch einmal in den Blick zu nehmen. Solche Aufmerksamkeitslenkung wäre so etwas wie rückblickende Beforschung, Ausfindigmachen von Schwachstellen mit Aussicht auf Besserung. Vielleicht lassen sich damit einige Prozente an Rationalität gewinnen, vielleicht so viel Prozente, wie nötig sind, um einen Kipppunkt zu bekommen, von dem aus es vernünftiger werden kann.
Ein Artikel auf einem wirtschaftspolitischen Portal brachte vor ein paar Wochen einige Hinweise, die sich vielleicht für solchen Zweck nutzen ließen. Der Autor Rainer Fischbach stellt fest: Bei „anderer“ Betrachtungsweise
»[werden] Naturkatastrophen so zu gesellschaftlichen Katastrophen, und die Abgrenzung zwischen beiden Arten wird oft strittig«.
Demnach seien Ursachenzuschreibungen nicht selten falsch oder unvollständig, weil sie Geltung einschränkende (zum Beispiel statistische) Methoden benutzen, die einen mehr oder weniger zweifelhaften Wirklichkeitsbezug haben. Fischbach verallgemeinert seine an Beispielen erläuterten Defizite als Steuerungsversagen.
»1. Die Ziele der Steuerung sind möglicherweise mit der Stabilität des zu steuernden Systems nicht vereinbar, im Besonderen nicht hinreichend präzise formuliert, unrealistisch oder sogar widersprüchlich.
2. Der Zustand des zu steuernden Systems, insbesondere die mögliche Abweichung von einem sicheren oder mit den Zielen vereinbaren Bereich, ist nicht ausreichend bekannt oder es bestehen fehlerhafte Vorstellungen darüber.
3. Die Mittel, die geeignet wären, um den Systemzustand mit den Zielen in Einklang zu bringen und insbesondere einen sicheren Zustand aufrechtzuerhalten, stehen nicht zur Verfügung, sind nicht bekannt oder werden nicht angewendet. Möglicherweise eingesetzte Mittel, die als wirksam angesehen werden, erweisen sich als unwirksam, arbeiten den Zielen entgegen oder haben sogar destabilisierende Auswirkungen.«
Beispielhaft wendet Fischbach die genannten Leitlinien auf die Titanic-Katastrophe an. Es erstaunt einen, wenn man liest, dass seinerzeit auf problemlos machbare, sichere astronomische Positionsbestimmung verzichtet wurde. Man scheint sich stattdessen auf die Fortschreibung von Daten verlassen zu haben, gleichsam auf eine Art Modellrechnung.
Weiterhin wurden leicht vorab erkennbare lückenhafte Normen nicht auf den Stand der Zeit und Technik verbessert. So wurden Normen nur formal erfüllt, die dem Ziel der Sicherheit nicht gerecht wurden.
»Das Desaster der Titanic war das Ergebnis unklarer und unvollständiger Zielsetzungen, mangelhafter Systemanalyse und der daraus resultierenden kognitiven und operativen Unfähigkeit, die Navigation sicher durchzuführen und die gefährdeten Menschen zu retten.«
Im ebenfalls beispielhaft behandelten Fall COVID-19 (»COVID-19: Im Rausch des Handelns«) macht Rainer Fischbach »einen Mangel an klaren und ausgewogenen Zielen« aus. »Ein Aktionismus« habe unabhängige, objektive Bewertungskriterien verhindert. Das Ziel des Wohlergehens der Bevölkerung sei aus den Augen verloren worden. Die Zielsetzungen hätten nicht mit dem vorhandenen Wissen über die Natur eines respiratorischen Virus zusammengepasst.
So wie man im Falle der Titanic (u.a.) auf die leicht mögliche astronomische Positionsbestimmung verzichtet habe, habe man im Falle von Covid-19 auf leicht mögliche Beurteilungen der Gefährlichkeit durch methodisch angelegte Untersuchungen verzichtet.
Fischbach erkennt im Agieren der Politik und der Medien eine eindimensionale Weltsicht. Diese sieht er auch im Streben der Regierung und Teilen der Bevölkerung nach Klimaneutralität. So sei das Ziel der Klimaneutralität »noch vor dem Jahr 2050« genannt.
»Dieses Ziel wurde ohne eine Aussage darüber formuliert, wie das Leben, wie Wirtschaft und Gesellschaft, doch auch die Naturräume des Landes dann aussehen sollen. Wie also soll die gesellschaftliche Reproduktion erfolgen? Wie und in welchen Dimensionen soll der dadurch implizierte Stoffwechsel mit der Natur stattfinden? Woher sollen die Einkommen kommen, woher die Güter, deren das Leben bedarf, und welcher Art sollen diese sein? Auch die Frage, ob die Bundesrepublik dann noch ein Industrieland sein wird, drängt sich auf. Alle diese Fragen müssten Bestandteil der Zielsuche sein.«
Rainer Fischbach führt weitere Beispiele an. Es scheint so, als sei eine systemische Sicht, die Zusammenhänge und Wirkungsketten aufspürt, gar nicht mehr beabsichtigt oder gar möglich. So als gebe es eine Selbstverständlichkeit der eindimensionalen Weltsicht. Stattdessen scheint man zu glauben, dass allein schon ein politischer Wille Berge versetzen könne. Dieses voluntaristische „Alles ist möglich“ birgt die Gefahr der Ideologisierung und in nächsten Schritten die des Totalitarismus. Vorgetragen, so scheint es mir, wird das mit einer subjektiven Überzeugung und Inbrunst, die ihre Kräfte aus einer Art Religiosität beziehen. Aus ihr scheinen sich Formen der systemischen Inkompetenz entwickeln zu können.
Eine Frage ist, wie denn Schulpsychologie und Schule dastünden, legte man an sie das Fischbach’sche Beurteilungsschema an. Wie passen die Mittel im Verhältnis zu verfassungsmäßig vorgegebenen Zielen? Was bedeutet für „unseren“ gesellschaftlichen Sektor „Schule/Bildung“ „Wohlergehen für die Bevölkerung?“ Was sollen Kinder und Jugendliche können?
Mit welchem Wissen und mit welchen Begegnungsformen sollten Schüler und Schülerinnen den Zielen entsprechend in Berührung kommen? Wie hätte eine entsprechende Lehrerausbildung auszusehen? Wie müssen nach dem Stand der Forschung ausgerichtete materielle und immaterielle Mittel beschaffen sein, wenn definierte Ziele erreicht werden sollen?
Vielleicht wäre ein solches ernsthaftes und dauerhaftes Nachfragen – weil es um die Sache geht – ein Gegenmittel gegen Ideologisierung und Moralisierung (»Bildungsrepublik Deutschland«) und deren Engführungen.
Aus einer breiten Debatte über Ziele (welche Bildung für welche Gesellschaft?), über erwartete Fähigkeiten, über die dafür nach Erfahrung und Forschung erforderlichen Bedingungen pädagogischer und finanzieller Art ließen sich im Dialog Grundlinien einer realistischen Bildungspolitik und pädagogischer/psychologischer Praxis gewinnen. Wie sich denken lässt, wäre in einem solchen Prozess eine rein formale Orientierung an Normen verpönt – war das doch einer der Gründe für den Untergang der Titanic.