Ministerin Sommer geht in die Vollen – aber wo will sie hin?

1000 neue Schulpsychologen – ein Durchbruch für die Schulpsychologie, die Schule, die Lehrer und Schüler?

Amokläufe und Gewalttaten treiben Lösungsvorschläge der Politik hervor. So will die Schulministerin aus NRW, Barbara Sommer, 1000 neue Schulpsychologen einstellen. Jedoch: Der Finanzierungsvorschlag macht skeptisch. Dass die Psychologinnen und Psychologen auf Kosten von Lehrerstellen erwirtschaftet werden sollen, lässt befürchten, dass es um eine Feuerwehrmaßnahme geht, um einen Medieneffekt, aber nicht um ein neues Bildungsverständnis.

Ministerin Sommer ließ aufhorchen, als sie – ganz Politikerin – Handlungsfähigkeit beweisen wollte und eine erstaunliche Zahl heraushaute. (Siehe Artikel der Westdeutschen Zeitung).  Mehr Experten sollen endlich Früherkennung von Gewalttaten gewährleisten. Sie liegt damit ganz auf der Linie anderer „Experten“. Die kümmern sich nicht um die pädagogischen Probleme, die nicht zuletzt durch ein beschränktes Leistungsverständnis, durch zunehmende Überlastung der Lehrkräfte, durch Industrialisierung des Lernens und Lehrens, durch Dauerüberprüfungen forciert werden.

Der grassierende Sinnverlust des Lernens, der Verlust an Bildung taucht in der politischen und gesellschaftflichen Debatte kaum auf. Stattdessen geht es vornehmlich darum diejenigen, die gerade wegen dieses Verlusts scheitern und rabiat werden, früh zu erkennen, sie zu isolieren und einer Behandlung zuzuführen. Nicht dass das immer falsch wäre. Aber ohne Humanisierung der Schule heißt das, die Repressionsschraube anzudrehen und schlechten Lern- und Lehrbedingungen so zu lassen wie sie sind. Nach Amokereignissen aber auch dazwischen haben die Verfechter von mehr Kontrolle und Beobachtung das Debattenheft in der Hand. (Siehe Artikel der Netzeitung)

Geredet wird nicht vom Präventionsziel einer humanen Schule. Das Ziel scheint eher zu sein zu verhindern, dass Schüler in ihrer Verzweiflung ausflippen. Eine Verzweiflung, die auch schulgemacht ist. Und der Schule sich stellen sollte. Schule ist ein Verstärker von Verzweiflung – ohne dass damit ausgemacht ist, dass sie immer auch die Urheberin ist. Aber die Frage bleibt: Wie stellt sich Schule auf die jungen Menschen ein, die doch offensichtlich etwas von ihr (auch als öffentlichem Ort und öffentlicher Einrichtung) wollen? Immerhin wenden sie sich in Gestalt ihrer Aggressionen an Schule (und nicht an Eltern, Diskotheken, Kaufhäuser, Schützenverereine).

Bei der Beantwortung dieser Fragen und bei der Entschlüsselung dieser Botschaften können Schulpsychologinnen und Schulpsychologen helfen – gemeinsam mit Lehrern. Gemeinsam mit ihnen könnten sie lernen zu verstehen und nach einer Wende in der Schule suchen.

Hinsehen

Einverstanden. Eine Kultur des Hinsehens kann helfen, Gewalt zu erkennen und die zerstörerische Zuspitzung zu vermeiden. Aber was wäre das ohne eine Kultur der Achtsamkeit, des Zeithabens, der Nachdenklichkeit? Ohne Achtsamkeit wäre das Hinsehen Ausddruck einer Kultur der misstrauischen Beobachtung und Denunziation. Wir hören stattdessen viel von ausgeklügelten Ablaufplänen, Sondergruppen, eindeutigen Befehlsstrukturen undsoweiter. Die Sicherheit – und wer will keine Sicherheit? – gebiete das. Dieses Sicherheitsdenken allerdings vernebelt, dass (früh) Erkennen ohne Anerkennen neue Gefahren heraufbeschwört. Das Anerkennen des Werts und der Würde des anderen ist eine große pädagogische, kulturelle und gesellschaftliche Aufgabe. Wenn man will könnte man das als Präventione bezeichnen. Wollen die Schulministerin, der Lehrerverbandsvoristzende, der Chef der Polizeigewerkschaft davon etwas wissen? Und nicht zuletzt: Wollen die Schulpsychologen davon etwas wissen?

Neue Stellen für Schulpsychologen aus Lehrerstellen finanzieren zu wollen, ignoriert die Erkenntnis, dass das Schulwesen chronisch unterfinanziert, die Arbeitsbelastung der Lehrer ist außerordentlich hoch ist. Die Lasten müssten auf mehr Schultern verteilt werden statt auf wenigere. Die Lehrer müssen Gelegenheit bekommen, mehr persönliche Beziehung zum Schüler aufzubauen statt weniger. Kommt das Programm der Ministerin durch, könnten die Psychologen in die Lage kommen, die Arbeit machen zu müssen, die ihnen durch Lehrerstellenreduzierung entstanden ist. Man darf gespannt sein, wie die Schulpsychologen und ihre Verbände auf dieses vergiftete Geschenk reagieren werden.

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