Schulreform pervertiert oder Desinformation der Medien?

Am 2.2. und am 3.2.2011 ließen Hamburger Abendblatt und Morgenpost (Meldung Morgenpost) die Alarmglocken klingeln. Was da zu lesen war, konnte einen in Scham, Wut und Empörung versetzen.
Scham, weil man sich nach den ersten Meldungen in all seinen Ambitionen, Lernen und Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen, hintergangen sah. Wie kann man Teil einer Behörde sein, die so gnadenlos die Grundlagen der Pädagogik und Menschenführung missachtet und sie durchKürzungswahn ersetzt? Und wie können Menschen in der Behörde, die in ihrem früheren Leben zu einem Teil Lehrer waren, sich zu solcher Desavouierung von Lehren, Lernen und Entwicklung hinreißen lassen?

Was als Einheit von Effizienzsteigerun, Humanisierung und Ausschöpfung des Humankapitals daherkam, schien nur noch eine auf die Spitze getriebene Perversion betriebswirtschaftlichen Denkens kurzsichtigster Art zu sein. 48 Euro sollten nach Darstellung der genannten Zeitungen pro Schüler und Schülerin für Förderung durch sogenannte Hilfslehrer zur Verfügung stehen. Diese wären bei sogenannten freien Bildungsträgern beschäftigt und hätten nicht unbedingt eine kind- und lernproblembezogene Ausbildung.

Die Defizite sollten innerhalb von vier bis acht Wochen behoben sein. Da konnte einen doch nur Wut und Verzweiflung befallen, wenn man nicht bereit ist an Wunder zu glauben, oder?

Die Logik des »Förder«ansatzes indes scheint so abstrus nicht. Schimmert doch in ihm durch, was wir von Hartz IV und von den Bildungsgutscheinen, die keine Bildung schaffen, kennen: Die Betroffenen sind knappzuhalten, sie sind der Gemeinschaft nicht zuzumuten, die Drohung der Überflüssigkeit lauert, ausgelagert auf Probe soll Anreiz sein, sich anzustrengen. Die mitgelieferte Botschaft: Wer betroffen ist, trägt Schuld und soll die Geduld der Gesellschaft nicht strapazieren.
Nun aber ist alles anders. Die taz Hamburg erklärt, »Grundlage des Ganzen war indes ein falsches Zitat aus einem Papier von Schulamtsleiter Norbert Rosenboom.«
Rosenboom – so die taz – schrieb nun, ab dem 1. Februar erhielten die Schulen besagte 48 Euro »je Schülerin/Schüler« der Klassen 4 und 7. Im Bericht des Abendblatt wurde daraus die Aussage, den genannten Betrag gebe es »pro zu förderndem Schüler«
»Das Geld gibt es für jeden Schüler eines Jahrgangs«, sagt Michael Gwosdz (GAL). Eingesetzt aber werde es nur »für die, die Förderung brauchen«.
So kämen bei etwa 15.000 SchülerInnen pro Jahrgang auf der einen Seite 720.000 Euro herein. Teile man dies durch die Zahl derjenigen 206, die im Vorjahr in Klasse 4 sitzengeblieben waren, entfielen auf jedes dieser Kinder 3.500 Euro, rechnet Gwosdz aus. In den 7. Klassen sind es demnach sogar 4.000 Euro.
»Kein Sparmodell«, sagt der GAL-Schulpolitiker, »im Gegenteil, zunächst muss Geld investiert werden«. Auch wolle man das Sitzenbleiben zwar reduzieren, aber nicht abschaffen: Auf Wunsch der Eltern könnten Kinder auch künftig eine Klasse wiederholen, wenn sie beispielsweise lange krank waren. Soweit die taz.
Alles wieder im Lot also und die Meldungen von Abendblatt und Morgenpost eine der gezielten Fehlinterpretationen, im Dienste der scheuerlgewendeten CDU? Gut möglich. Was bleibt, ist, dass die Frage »Wer fördert mit welcher Qualifikation wie lange?« keine Antwort gefunden hat. Und keineswegs ist ausgeschlossen, dass die Fördermittel nach Kassenlage und politischer Laune bereitgestellt werden – so wie bei Hartz IV und den sogenannten Bildungsgutscheinen. Als ausgegrenzte Minderheit könnten es die ehemaligen Sitzenbleiber schwer haben, genügend Fürsprecher zu finden. So ist es nun einmal in einer Wettbewerbsgesellschaft – oder? Wissensgesellschaft, Persönlichkeitsentwicklung, Emanzipation hin oder her.

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