Pädagogische und politische Diskurse im Gestus der Rechtschaffenheit

Die Guten. Das sind doch wir

Das Denken und Reden über zeitgemäßes Handeln findet in Formen und Strukturen statt, die sich bereichsübergreifend ähneln. Ein Beispiel sind eine konkrete schulische Praxis und die Einlassung des Bundesaußenministers. Sie benutzen beide die Vorstellung, Menschen wollten leistungslos sich einen Vorteil erschleichen. Dem gelte es, einen Riegel aus Konsequenz und Fordern entgegenzustellen. Beide verkennen die tatsächlichen Leistungen der Schuldner.

Ein Schüler ist von der Rolle. Arbeitsaufforderungen kommt er gar nicht oder nur für kürzeste Zeiträume nach. Gegenüber Lehrern und Mitschülern ist der Schüler ausfallend und verbal aggressiv. Manche Mitschüler fürchten sich vor ihm. Die ärztlich verschriebenen Tabletten einzunehmen weigert er sich. Was durch pädagogische Maßnahmen erkennbar ist: Auf persönliche Zuwendung reagiert der Junge positiv. „Präsenz“ der Pädagogen hilft. Zuwendung und Präsenz lassen sich jedoch auf Dauer im Schulalltag nicht durchhalten. „Es muss etwas passieren!“ fordert die Lehrerin. Und der Schulleiter: „Sofort, umgehend!“ Man habe dem Klienten gegeben, was man könne: Geduld und Chancen über Chancen. Was schlicht ignoriert wird, sind Lebenslage und Geschichte des Jungen und seiner Familie: Mit fünf Personen lebt sie in einer zu kleinen Wohnung, sie ist von Abschiebung bedroht.

Der Außenminister sieht sich von gierigen Schuldnern wie Griechenland bedroht.  Dabei haben die Griechen mehr „Leistung“ erbracht als Deutschland an Einsparung mit der Agenda 2010 je erbrachte. »Wir Deutsche erwarten von niemandem in Europa mehr als wir selber auch unseren eigenen Bürgern zugemutet haben«, sagte der Minister dennoch am 261.20112 in Brüssel. Dass die eingeschlagenen Strategien der Hilfe den Klienten und Schuldner schwächen statt stärken, dass man ihn als Herrenmensch von oben herab betrachtet, fällt noch nicht einmal auf. Wie soll es da zu einem gedeihlichen Zusammenleben kommen? Egal? Im Gegenteil: Deutschland sei vorbildlich in der Solidarität, meint der Außenminister(1).

Der Glaube an die eigene Rechtschaffenheit verleiht Flügel − und versperrt einen Zugang zu Selbstkritik und Mitgefühl. Der andere wird dämonisiert als Feind und mein Ausbeuter. Der Ausweg: Schutz, Fordern, Konsequenz und − perspektivisch, warum nicht, militärisch preußische − Disziplin. Ansonsten: Fort, wegtreten.

(1) http://www.wiwo.de/economy-business-und-finance-westerwelle-lehnt-hoehere-deutsche-finanzhilfen-ab/6119352.html, 27.01.2012

 

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