Lehrer/innen im Zwiespalt (IV)

Lehrerinnen verstehen etwas von Erziehung und vom Unterrichten. Das zermürbt sie nicht selten. Sie haben für Kinder und ihre Eltern zahlreiche Empfehlungen. Sie nehmen ihren Auftrag sehr ernst. Um so verzweifelter sind sie, wenn ihre Ratschläge nicht befolgt werden. Für sie ist es das Logischste von der Welt zu glauben, dass es ein Leichtes sei, ihren Ratschlägen zu folgen, zumal sie ihre Ansprüche senken, wie sie nicht selten sagen. Was soll daran schwierig sein, das Kind zu fragen, ob es seine Hausaufgaben erledigt hat, es aufzufordern, sie einem zu zeigen und sich für sie zu interessieren?
Versucht man zu forschen und zu klären, wie es zu solchen Nachlässigkeiten kommt, erscheint das leicht als Rechtfertigung und Parteinahme. Zu sagen, dass (Lehrer-) Vernünftigkeit im Leben von Lehrern Platz hat, aber nicht im Leben von allen Menschen, birgt Risiken. Man zieht den Zorn auf sich, den als erste die erwähnten Eltern schon auf sich zogen. Das Gespräch könnte rasch beendet sein.
Vielleicht gelingt es aber, sich mit viel Sensibilität (und Beharrlichkeit) dem Punkt zu nähern und zu verstehen, wo und warum die Lehrerin ihre Fassung verlor. Also zum Beispiel dort, wo sie sich nicht vorstellen kann, dass es in einem anderen Leben keinen Sinn machen könnte, aufmerksam oder ausdauernd zu sein. Oder dort, wo die Erfahrung mit den eigenen Eltern es nicht hergibt, dass es Aufgabe von Eltern sein könnte, sich für Hausaufgaben zu interessieren; wo es als Schönfärberei oder Verhöhnung verstanden werden kann, von Sicherheit und Aufstieg durch Lernen zu sprechen, wo man doch selbst mit der Schule überwiegend Scheitern in Verbindung bringt. Vielleicht gilt das gar schon für die Eltern der Eltern.

Ein Mädchen soll nach Auffassung der Lehrerin und der Schulleiterin, auch nach dem Wunsch der Schülerin und seiner Klassenkameraden an der Abschlussfahrt der Grundschulklasse teilnehmen. Die Eltern lehnen das ab. Es fehlt den Eltern an Geld, sie leben in der Familie von Hartz IV. Der Förderverein könnte Geld zuschießen, das könnte vor der Klasse und den anderen Eltern geheim bleiben … Wie klingt das für die Eltern? Für den Vater, zu dessen Wertesystem es gehört, seine Familie „ernähren“ zu können? Es mag auch sein, dass die Abwesenheit des Mädchens eine Lücke in die Stabilität der Familie reißt … Das kann sich kaum eine Lehrerin dieser Schule vorstellen – vielleicht aber doch, wenn sie Zeit hätte, in Ruhe darüber nachzudenken. Aber wohin würde das führen?
Vielleicht zu der Befürchtung, versagt zu haben. Vielleicht zu der Erkenntnis, dass man im Grunde glaubt(e), alles im Griff haben zu können und zu müssen, Verantwortung in engster Verbindung mit Steuerung und Vernachlässigung solcher Faktoren, wie des Eigensinns anderer. Vielleicht zur Ahnung dessen, dass die eigene Wahrnehmungs- und Handlungsgrundlage löchrig ist; eine bedrohliche Erkenntnis vermutlich, die vielleicht dazu animiert, kompensatorisch das vernünftige Verhalten der anderen einzufordern. Vielleicht kämen wir zu Schuldängsten. Vielleicht kämen wir zu der Möglichkeit, dass sie sich – als Verstrickte in diesem System – an Beschämungen beteiligt haben, die sie selbst, weil sie wissen, wie das System funktioniert, befürchten.
Auf diese Themen zu kommen ist keinesfalls sicher. Lehrer/innen beantworten Versuche, die Schüler- und Elternseite zu verstehen und Anregungen zu geben, nicht selten mit dem Hinweis, sie könnten nicht auch noch die Therapie übernehmen. Andersherum geschieht es, dass Lehrer/innen den Versuch, ihre Welt, ihren Zorn, ihre Verzweiflung zu verstehen, damit beantworten, dass sie behaupten, es ginge nicht um sie, sie brauchten keine Therapie.
Sie sollen nicht therapeutisch tätig werden, sie sollen keine Therapie aufgezwungen bekommen. Aber warum endet ihre Wut, ihre Frustration so oft in einer Verurteilung, die still oder laut sein kann, oder in Empfehlungen, die nicht in die Welt der Kinder/Eltern passen? Sie beklagen andererseits viele Rücksichtslosigkeiten der Politik: Marode Gebäude, fehlende Kolleg/inn/en. Sie kompensieren Nachlässigkeiten der Politik und Verwaltung mit Mehrarbeit und auf der anderen Seite erwecken sie den Eindruck, als könnten Kinder und Eltern erfolgreich sein, wenn sie sich anstrengten und den Empfehlungen nachkämen. Als wären da nicht fundamentale Probleme, Identitätskrisen, Spannungen, Ausgrenzungserfahrungen, die ein Aufnehmen und Zuhören schwer machen.

Können wir uns solidarisch desillusionieren, uns ent-täuschen? Es könnte Stress reduzieren und Verständigung ermöglichen.

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