Testen, Testen, Testen

Irgendwie die Welt besser machen, dürfte sich die Mutter gesagt haben, die der Zeit den Impuls gab, zu recherchieren, was es braucht, wenn man in Kindergärten oder Schule mehr testen will. Mit mehr Testen, Testen, Testen (so auch wieder in der Sendung von Markus Lanz am 24.3.2021) könne man in die Normalität zurückkehren.
Ich wil nicht grundsätzlich ausschließen, dass in bestimmten Konstellationen Testen sinnvoll sein kann. Sind solche Konstellationen und Voraussetzungen gegeben? Zweifel sind angebracht. So ist immer noch der Tatbestand öffentlich undiskutiert, ob sich Maßnahmen auf einen Test berufen sollten, der keine Erkrankungen misst. Ein weiteres Manko ist, dass die Aussagekraft der so genannten Inzidenzzahlen ebenfalls infrage steht.


Dazu im Gegensatz steht, dass das rituelle Testen uns eine Rückkehr in die Normalität verschaffen könnte. Diese Aussicht scheint verlockend – ein Nasenabstrich und alles wird gut. In dieser Sicht ist es nicht überraschend, dass es Elterninitiativen gibt, die Behörden dabei behilflich sein wollen, schneller und häufiger zu testen. Vermutlich versteht man das als Humanisierung einer trägen Bürokratie. Die Überzeugtheit, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen und zu den Guten zu gehören, beschwingt den Einsatz. Wenn nur alle dächten und täten wie „ich“, wäre die Welt doch ganz einfach eine bessere. Wo also liegt das Problem?


Vielleicht schon dort, wo man das Testen als eine Kleinigkeit betrachtet, die keinen Unterschied mache. Vielleicht aber auch dort, wo man sich implzit oder explizit von der großen Bedrohungserzählung infizieren lässt, die an die zu testenden Kinder weitergereicht wird. Sie sind dann ebenfalls verängstigt, was die einen als Hinführung zu Achtsamkeit verstehen mögen, aber andererseits auch zu einer Hypersensibilisierung für ein Problem beiträgt, das es geben mag, aber nicht eine Aufblähung mit Angst und Panik verdient hat. Vielleicht dort, wo man in der Absicht Gutes zu tun, einer neuen Normalität des industriellen Impfens und (Aus-) Sortierens den Weg ebnet und einen neuen Lebensstil der Kontrolle und Überwachung kreiert.


Was könnten die stillen Botschaften des erwähnten bürgerschaftlichen Engagements sein, das ans Streichen der Klassenräume oder an die Aushilfen bei Klassenfahrten erinnert? Wer sind wir (und wer werden wir) in so einem Engagement? Das regelmäßige Testen und Impfen signalisieren uns, dass wir uns als potenziell gefährliche Keimträger sehen und begegnen. Ein neues Feld der Ausgrenzung, der Herabsetzung und Überlegenheit wird eröffnet – die unterschiedlichen Betroffenheiten von Corona zeigen, wo es hingehen könnte. Die neue Hygiene und ihre Überwachung schaffen einen neuen optimierten (?) Sozialcharakter, der rituell auf die Notwendigkeit ständiger Selbst- und Fremdüberprüfung wegen seiner Infektiösität und potenziellen Schuldhaftigkeit gestimmt ist. Jede’r steht unter Verdacht und er oder sie muss seine Reinheit beweisen – mit Methoden, deren Voraussetzungen und Aussagekraft zu bezweifeln sind.


Das Testen, Überwachen und Sortieren hat schon in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung genommen – in Erinnerung ist mir die Forderung Hamburger Eltern im Rahmen einer gerechten Inklusionsumsetzung, mehr zu testen. Nicht mehr das Verstehen und Analysieren von Biografien und Erfahrungen, nicht die Reflexion dessen, was gewusste und nicht gewusste Erfahrungen bedeuten steht im Mittelpunkt (schul-) psychologischer Arbeit, sondern wie Kinder in den Normalbetrieb der schulischen Leistungszentren hineinprozessiert werden können und wie sie dem Anschein nach objektiv und damit gerecht an den knapp gehaltenen Fördermitteln teilhaben können. Insofern passen die Bemühungen um mehr Tests ins Bild einer gar nicht so neuen messenden Normalität. Vertrautes Terrain für die Beteiligten.


Vielleicht werden mit diesem Streben nach Messen und Objektivität Ängste abgewehrt und bewältigbar gemacht. Solange man kann und zu jenen gehört, die Aussicht auf Erfolg haben, ist das Messen ein Versprechen, sich absetzen zu können und dem Fluch der Bedrohung entkommen zu können. Man sollte Ängsten nachgehen und sie zu verstehen suchen. Das geschieht in der Regel nicht. Wer seine Angst – wo immer sie herkommen mag – in Fürsorglichkeit, Optimierung und perfektionierte Prozesse kleidet und darauf besteht, unter der Laterne zu suchen, weil es dort so hell ist, kann vor sich selbst und anderen sich noch seiner Menschlichkeit und Tatkraft rühmen. Die Leichtigkeit, mit der Bürokratie und Politik nicht selten sich als „übles“ Objekt der Kritik anbieten, ist auch ein Verführung dazu, sie verbessern zu wollen – und nicht, sie zu hinterfragen.


Die Mutter wollte wohl nicht lange nachdenken und reden, vielleicht schon zermürbt, sondern handeln. Das ist sympathisch, weil doch nicht so verkopft und umständlich. Doch wichtige, unangenehme Fragen werden damit umkurvt.


Was sind eigentlich die Grundlagen der Entscheidungen und Strategien, die in der Schlacht gegen das Virus verordnet werden? Welches Menschenbild transportieren die Maßnahmen? Wie kommt es, dass angeblich der Verordnungsweg, die Unterordnung der richtige Weg zu einem Sieg ist? Und warum zählt der offene und gleichberechtigte Dialog, „meine“ Urteilskraft und Eigenverantwortung so wenig? Die sollten sich doch in den Jahren der zunehmenden Exzellenz im Bildungswesen mit Kompetenzorientierung etc. herausgebildet haben. Und nun die Erwartung zu folgen und zu glauben. Alles nur Spiel und wenn es drauf ankommt, doch wieder die das alte autoritäre Konzept?


Die Zeit unterstützt dieses Engagement, es lässt sie nicht ruhen. Die Zeitung geht mit einer Recherche voran:


»Wir haben recherchiert, ob man tatsächlich mit selbst organisierten Tests einen Kindergarten, eine Schulklasse oder auch eine Bürogemeinschaft absichern könnte, welche Tests und welches Testkonzept es dafür braucht und was rechtlich und medizinisch zu beachten ist.«


Unter anderen kommt die ZEIT gegen Ende der Recherche auf den Punkt der Kosten:


»Zurzeit kostet ein Antigenschnelltest sechs Euro, Tendenz sinkend. Pro Kind müsste eine Familie also beim zweitägigen Testrhythmus 48 Euro im Monat investieren, beim Testen drei Mal die Woche sogar 72 Euro. Tatsächlich ist es möglich, diesen Preis zu halbieren oder zu dritteln: Dann, wenn sich immer zwei oder drei Kinder zusammen testen. Beim sogenannten Poolen werden mehrere Tupfer im selben Teströhrchen ausdrückt.«


Selber etwas tun zu wollen gegen eine große Bedrohung ist ein starkes Bedürfnis. Da wird nicht vor den komplexesten Vorgehensweisen zurückgeschreckt und die eigene Wohnung in ein Testlabor verwandelt (Unterpunkt: Wie macht man so einen Test?). Unvermeidlich die Frage: Wer hat solche Wohnungen und sonstige Voraussetzungen, um sich an die genannten Regeln zu halten? Man bekommt die Idee, dass die aktive Mutter nicht nur eine solche ist, sondern auch eine Zielgruppe.


Die Angst hat einen Reiz, sie ist anziehend, sie behindert den Rundumblick. Wenn man einmal in ihrem Bann ist, kommt man nur schwer von ihr los. Wir könnten uns fragen: Was misst der PCR-Test? Welches Bild vom Kind erzeugt die Aufgabe bei der Testerin? Welches Bild entsteht in Erziehenden von sich, wenn sie diese Aufgabe übernehmen und forcieren? Und was für Bilder entstehen im Kopf der Kinder von sich, von den Erziehenden? Mir scheint, Antworten darauf sind nicht banal. Selbstgewissheit scheint mir nicht ausreichend. Wir sollten wissen, worauf wir uns verlassen, wenn wir uns entscheiden, Autoritäten glauben. Was sind Inzidenzzahlen und Tests wert, die auf schwachen methodologischen Grundlagen stehen? Warum werden wir immer wieder mit Wellen (von Flüchtlingen, von Viren, von Toten und Kranken – bei über die Jahre ähnlichen Sterblichkeitsraten) konfrontiert? Wem nutzt das?

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