Alles ist möglich

Ich höre von Bekannten und erlebe es in meinem etwas kleiner gewordenen Lebenskreis selbst, dass man nicht selten von Belehrungen, gut gemeinten Erinnerungen zu korrektem Benehmen in Corona-Zeiten angehalten wird. Diejenigen, die sie aussprechen wirken nicht selten autoritär, gereizt und so, als habe man in nicht allzu ferner Zukunft eine schwere Explosion zu gewärtigen. Ich will damit sagen: Man bekommt signalisiert, dass man mit dem äußersten rechnen sollte: Abbruch der Beziehung, Exkommunikation. Man möchte spontan dagegenhalten, maulen und meckern. Immerhin gilt es besonnen zu bleiben, obwohl doch die Bekannten und Kolleg’inn’en, manchmal gar Freunde, sich mit Ungereimtheiten der Datenlage, mit einer Aussetzung der Grundrechte einverstanden erklären. – Etc.

Man ist ja gleich weg und hat nicht vor, 15 Minuten an einem ungastlichen Ort zu bleiben. Die Entfernung ist doch mindestens doppelt so groß, wie die angeratenen 1,50 Meter. Und dass man mir auf einem Bürgersteig, wo man in Bruchteilen von Sekunden aneinander vorbei ist, mit einem ostentativen Sprung ausweicht, ist doch nicht nur übertrieben, sondern auch beschämend. Was soll das? Da will mir jemand etwas zeigen. Dieser Jemand hat mir etwas voraus. Ganz bestimmt die regierungsamtliche Vernunft. Diese Aufpasser’innen fühlen sich im Aufwind. Sie wissen das, sonst würden sie sich nicht so selbtgewiss aufführen. sie haben wohl eine neue Partei gegründet, eine Partei der Ordnungsrufer’innen, die aufdringlich sein dürfen. Man möchte rebellieren angesichts solcher Anmaßungen. Und dabei womöglich noch in dieselbe Haltung verfallen. Ich lasse es lieber und beschäftige mich mit der Frage: Was ist hier los?


Vielleicht sind diese Erwachsenen doch nicht so erwachsen, wie sie scheinen? Was legt Corona – Nein. nicht Corona – sondern: was legen die Kommunikationspolitik und Verordnungen der Regierungen da von meinen Mitmenschen frei? So hatte ich so noch nicht gesehen. Ist da eine tiefe, große Lebensangst, die sie mit Hilfe ihrer Klugheit, mit Hilfe all dessen, was sie gelernt haben und mit ihrer Fertigkeit, sich anpassen zu können, verborgen haben? Zwar immer noch verkleidet aber doch erkennbar, soll es vorkommen, dass Kolleg’inn’en die Systemrelevanz ihrer Arbeit entdecken und vorfühlen, ob es nicht eine Gelegenheit gebe, sich in der Impfschlange nach vorn zu pfuschen. Ob die das im Supermarkt auch so machen? Nun gut. Andere wieder schämen sich für solche Kolleg’inn’en, fremdschämen genannt.


Was ich hier versuche, ist, kühlen und klaren Kopf zu bewahren. Man könnte fast sagen, dass das meine Lebensleistung ist (aus meiner Sicht). Ist das etwas, was ich auch von meinen klugen Interaktionspartner’inne’n erwarten darf? Etwa dass sie sich fragen,

  • ob sie unter Umständen eine Neigung zu Angst und Hysterie haben (was nicht verwerflich wäre),
  • die aus persönlicher Disposition und Erfahrung kommen mag, vielleicht auch
  • aus naivem Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Informationen, die sie aufnehmen und zur Grundlage ihres Handelns machen,
  • vielleicht könnte eine Befassung mit der Tatsache nützlich sein, dass Medien, wie Zeitungen, TV, Internetmedien aus politischen und sonstigen Motiven daran interessiert sein mögen, ihre Gefahreneinschätzung zu beeinflussen und zu verzerren?


Darf man das in einer aufgewühlten Lage fragen? Immerhin lege ich mir diese Fragen auch vor.
Ein Verbleiben in der Fokussierung auf das vorgesetzte und vorgefundene Objekt, von ihm gebannt zu sein, könnte zu einer Fehleinschätzung und zu einer Reduzierung der Spielräume für Lösungsansätze führen. Die Folge, von der Angst gebannt zu sein, schränkt Wahrnehmungsvermögen und Handlungsfähigkeit ein. Die Verfolgung des Dissidenten hält die Aufmerksamkeit von der eigenen möglichen Verstrickung in innere Dunkelzonen ab und sie lenkt ab von möglichem Schlimmerem der Regierungen ab. Lieber den eigenen Wahrnehmung und den Diskrepanzen der Information nicht nachgehen … könnte eine Lösung sein, eine der schwächeren Art.


Relativierung könnte helfen, Ängste zu reduzieren und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Mit Relativieren meine ich hier: Verknüpfungen herzustellen zu anderen Atemwegserkrankungen, zu anderen tatsächlichen und vermeintlichen Bedrohungen, die zurzeit kaum mehr zu existieren scheinen. Zu einer Relativierung kann auch gehören, sich zu fragen, welche Risiken in einer Fokussierung liegen und was durch sie übersehen wird. Welche Wirkung mag das regelmäßige Testen für das Selbst- und Körpergefühl eines Kindes haben? Treten ihm Mutter und Vater als fürsorgliche Personen gegenüber oder auch als Überträger’innen von Angst und Misstrauen?


Sinnvolle Relativierungen können auch darüber möglich werden, sich mit der Aussagekraft und Verlässlichkeit von Tests zu befassen. Relativierungen sind auch darüber möglich, sich mit den Sterbezahlenzahlen zu befassen, mit Vergleichen zu früheren Jahren, mit den methodischen Schurkereien in der Datenerhebung und ihrer medialen Darbietung. Wäre es nicht denkbar, dass Entspannung als Gegenpol zur Angst einen Schutz bieten kann?


Vielleicht sind auch jene, die der Meinung sind, dass es uns im Großen und Ganzen gut gehe, der Meinung, dass Medien aus unterschiedlichen Gründen eigene Interessen verfolgen könnten. So könnte es sein, dass das Muster der Skandalisierung und Sensationalisierung (auch in Gestalt von aufgeblasenen Bedrohungszenarien) ihnen gut dazu dienen kann, Einfluss und Gewinne zu stärken, bestimmte Leser’innengruppen zu bedienen, weil sie sehr wohl wissen, wie sie ticken. Das heißt: Wir könnten lernen, zu berücksichtigen, dass wir in Kategorien und Mustern denken und handeln, die uns nicht immer bewusst sind.

Das, was wir tun und lassen, was wir wollen und sollen, was falsch und was richtig ist, ist vorgeformt, in Generationenarbeit, in biografischen Leistungen, mündend in Vorstellungen von der Welt. Wir „mentalisieren“ in Strukturen (im Inhaltsverzeichnis auf die Überschrift „BB192“ klicken), die wir in der Regel kaum reflektieren, die gleichwohl unser Denken wesentlich beeinflussen. So könnte es sein, dass in der Absicht, Handlungsfähigkeit zu gewinnen und wieder ein „gutes Gefühl“ zu haben, wir nach einfachen Lösungen suchen, möglichst wenige Umbauten machen wollen. Durch den Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit und der Sehnsucht danach, dass die Eltern doch gute Eltern sein müssen und nicht eigene Interessen haben dürfen oder sich fremden Interessen unterwerfen dürfen, scheuen wir uns vielleicht, Widersprüchen nachzugehen. Könnte es sein, dass die dahinter wartenden Antworten uns „umwerfen“ könnten?

Solche und ähnliche Verläufe und Mechanismen finden sich in Erklärungen, die großen Umbrüchen (wie konnte es zur Nazi-Herrschaft kommen, wie wurde in der Nachkriegsgesellschaft „mentalisiert“?) mit immensen Folgen nachgehen, zum Beispiel Erich Fromm, Arno Grün.

Angesichts dessen, dass uns unsere Inneneinrichtung lieb geworden ist und Umbauten immer Risiken mit sich bringen, ist es vielleicht (auf den ersten Blick) leichter, der vertrauten Regierung und der vertrauten Verwaltung Optimierung abzuverlangen und dem „verrückt“ gewordenen Kollegen, Freund, Bekannten zu unterstellen, er sei einer Verschwörung verfallen. Damit könnte man sich allerdings zum Komplizen oder zur Komplizin eines ganz anderen Vergehens (oder Schlimmerem) eben dieser Behörden und Regierungen machen; denn Behörden und Regierungen und ihnen verpflichtete Medien untergraben mit Grundrechtseinschränkungen, mit der Ausschaltung eines Dialogs unterschiedlicher Standpunkte, mit der Missachtung methodologischer Grundlagen der Datenerhebung und -präsentation Erkenntnis und Zusammenhalt der Gesellschaft

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Das Erschreckende ist, dass viele der Corona-Bekenner (als Gegenpol zu den Corona-Leugnern gesagt), Aktivist’Inn’en, Achtsamen und Fürsorglichen das gar nicht zur Kenntnis nehmen wollen, weil sie in ihrer Verängstigung und Panik ihren Wahrnehmungshorizont so eingeschränkt haben, dass sie abwinken, Alternativen zurückweisen und lieber der Güte und Wohltätigkeit der Regierenden vertrauen, deren Melodie und Rhythmus sie folgen. Und das auch denn, wenn sie selbst unter de Politik der Regierenden und der Verwaltung zu leiden hatten und haben und/oder die Politik viele Jahre kritisierten. Mich erschreckt, wie die Verängstigten im Schulterschluss mit den Regierenden nach Disziplinierung, Kontrolle und Überwachung verlangen – und dabei die Unversehrtheit der Kinder aufs Spiel gesetzt. Wofür es immerhin Evidenzen gibt. Also: Erzeuge ein Bedrohungsgefühl und alles ist möglich.

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