Bildungspläne und ein überholter Bildungsbegriff


In Hamburg wird mal wieder gestritten. Um die beste Bildung. Eigentlich überflüssig, könnte man meinen, wenn man dem Schulsenator Ties Rabe glaubt. Großzügig räumt er in paternalistischer Güte ein, »die Tür zum Dialog zu öffnen«, bekennt, alle mitnehmen zu wollen. Er weiß schon jetzt, »dass die neuen Bildungspläne eingeführt werden und dass wir uns in zwei Jahren rückwirkend sagen: Eigentlich war es genau richtig.«

Was ist das anderes als die Botschaft: Vertraut mir. Ändern könnt ihr sowieso nichts. In aller Kürze, worum es geht: Schriftliche Prüfungen sollen ein höheres Gewicht erhalten als sie es bisher hatten. Und sie sollen eine höhere Verbindlichkeit erlangen.

Debatte in alten Schleifen – kein Ende des Weiter-so in Sicht

Das Pro und das Contra, das weiter unten skizziert wird, wirkt nicht gerade neu. Die einen fordern Leistung und Verbindlichkeit und sehen sich im Kampf gegen einen vermeintlichen Schlendrian, gegen Minderwertigkeit von Abschlüssen und damit gegen den Verfall „unseres“ angeblich erfolgreichen (Senator Rabe) Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Die anderen beklagen, dass die neuen Pläne weder auf soziale Gerechtigkeit, noch auf individuelle, selbstbestimmte Lernformen eingingen. So weit, so gut und so bekannt.

Blöd – mit Disziplin und Kontrolle ist die Zukunft nicht zu gewinnen. Vielleicht aber lässt sich Herrschaft erhalten

Diese Art der Positionierungen durchzieht die Geschichte der Bildungskämpfe: Disziplin und Kontrolle sichern Leistung und Lebensstandard – Disziplin und Kontrolle verhindern Emanzipation, Kooperation und Bildungsaufstieg. Dass ein Aufstieg durch Bildung nur im Einzelfall möglich ist und nicht als alltägliche Praxis und die soziale Herkunft (mehr als in anderen Ländern) weiterhin dominant beim Schulerfolg ist, zeigen die nahezu jährlich erscheinenden Untersuchungen. Ein Ergebnis, dass auch andere Forschungen, die in längerer Zeitperspektive zurückschauen, zum Beispiel die von Heinz-Elmar Tenorth, hervorbringen. Und ein Quell kooperativer, kreativer und evidenzbasierter Realitätsbeurteilung und Zukunftsgestaltung scheint Schule auch nicht gerade zu sein.


Der Elefant im Raum


Nun kann sich heute niemand mehr erlauben, gegen Bildungsaufstieg, Emanzipation, Innovation (Zukunft, Zukunft) usw. zu sein. Andererseits aber – und das bleibt in den wiederkehrenden Debatten außerhalb des Denk- und Sagbaren – ist Bildung nach wie vor ein Machtmittel, ein Zugang zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflussnahme, der wirtschaftlichen und kulturellen Hegemonie. Früher wohl Klassenkampf genannt.
Also kommt es den Macht- und Einflusshabenden darauf an, diesen Sachverhalt zu bewahren und zu verschleiern, denn noch gilt es, der Demokratie die Ehre zu erweisen.

Und wer aufsteigt, muss das durch den Filter der Standards und Messungen tun – damit sollte er oder sie ausreichend Muster sich einverleibt haben, um das durchlaufene System für gut zu finden. Wer es schafft, wird belobigt, kann zum Helden werden, wird zum Repräsentanten dieses Bildungssystems, das doch jedem und jeder eine Chance bietet, so das rechtfertigende Fazit. Die eigenen Entbehrungen, die emotionalen und Entfremdungskosten werden geadelt – und der freundlichen Umdeutung anheimgegeben.

Wer sich der Tortour unterzogen hat, wird leicht zum Follower der Macht

Dass das erfolgreich geschieht, stellte schon der Erziehungswissenschaftler Klaus Mollenhauer in den 1970 er Jahren fest. Sein Resümee aus mehreren Untersuchungen war, dass Arbeiterkinder, die die Hochschulreife erreicht hatten, dieses mit erheblichen Mühen und psychischen Belastungen geschafft hatten.


»Am Ende aber zeigte sich ein überraschendes Resultat: Ihre in Pubertät und Adoleszenz in Übereinstimmung mit ihren Eltern noch kritische Haltung gegenüber Gesellschaft und Bildungswesen war verschwunden; ihre politische Einstellung war konservativ geworden; über die Schicht, aus der sie stammten, urteilten sie hart und verständnislos; das Schulsystem, das ihnen zunächst soviel zu schaffen gemacht hatte, erschien ihnen gut und gerecht; sie plädierten für harte Ausleseverfahren und vertraten die Meinung, daß die unteren Sozialschichten von Natur aus weniger begabt seien, sie selbst dagegen eine gerecht ausgwählte Elite darstellen. Kurz: Sie vertraten eine konservative Idelogie.«

Klaus Mollenhauer: Jugend und Schule im Spannungsfeld gesellschaftlicher Widersprüche, S. 104, in: Erziehung und Emanzipation, Polemische Skizzen, 7. Auflage, juventa 1977

Die erfahrene Konfrontation mit der Macht, die nur Folgsamkeit oder Aufgeben und Weichen zuließ, hat(te) einen Anteil der aktiven Zustimmung zu der Unterwerfung unter die Regeln des bürgerlichen Schulwesens. Die Einwilligung darin, einen Teil von sich selbst, der eigenen kulturellen Zugehörigkeit aufzugeben, ist schmerzhaft und wohl nicht ohne Selbstverachtung und Beschämung zu haben. Sie sich bewusst zu machen, diesen Gedanken zuzulassen ist schwer, kostet Energie und hält einen in einem Zustand des Gespaltenseins, des Unbehagens u.ä.m.

Die Identifikation mit der Macht, die nun selbst praktizierte Verurteilung der eigenen Klasse schafft dagegen Klarheit, Zugehörigkeit – eine Stabilisierung der Verhältnisse ist erreicht. Wozu hätte man all die Opfer gebracht, wenn andere es sich nun leicht machen könnten? So kommt es zu einer Komplizenschaft mit den Machtmitteln der Macht, unter denen man einst gelitten haben mag.


Dazugehören wollen, die Vorstellung, „es“ irgendwann geschafft zu haben und ein Gespür für die realen Machtverhältnisse lassen die sympathischen Ambitionen der Bildungsplankritiker immer wieder ins Leere laufen. Solange die Perspektive nicht auf die kritikwürdigen Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse geweitet wird, auf die Funktion der Bildung im Verteilungskampf, bleiben die Vorschläge der Kritiker „interessant“ – und Spielmaterial für angebliche Gesprächsbereitschaft und Konzilianz der Verfechter von Standardisierung und Kontrolle.

Standardisierung und Verbindlichkeit als Mittel der Kontrolle


Da aber das Bedürfnis der Macht und der Mächtigen nach Disziplin- und Anpassungsbereitschaft mit den zunehmenden Erschütterungen des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems mitwachsen wird, wird auch die nächste Runde der Forderungen nach Standardisierung, Verbindlichkeit etc. kommen. Wie Hannah Arendt schon anmerkte, sind demgegenüber Räume der Nichtkontrolle, eines fehlenden Zugriffs, die nicht kontrollierten menschlichen Bindungen eine Bedrohung für die Mächtigen.


Was Behörden und nicht zuletzt Eltern die Standardisierung so vehement fordern lässt, ist die Vergleichbarkeit, die Vermeidung eines Wettbewerbsnachteils im aktuellen ständigen (politisch gewollten) Wettbewerb. Flickenteppiche, die den schlechten Geschmack der Willkür und Beliebigkeit (und nicht des produktiven patchworks) trägen, können nicht hingenommen werden. Wenn auch ansonsten von Vielfalt und Offenheit und vom Von-einander-lernen geschwärmt wird.

Insofern liegen Herr Rabe und Behörden vollkommen richtig, wenn sie – und das vereint mit einer großen Zahl von Interessenverbänden und Influencern – konsequent an Standardisierung und Kontrolle arbeiten. Zwangsläufige Folge ist, dass gemessen werden muss. So wird das zur Leistung, was gemessen werden kann. Andererseits träumen wir von Individualisierung, von menschlichen, lokalen, städtischen und landsmannschaftlichen Besonderheiten, die sich gerade in Bildung und Kultur, die uns doch so wichtig sind, wiederfinden sollen.


Solange die Kritikerinnen der Bildungspläne um diese oder jene Regelung feilschen und niemand den Elefanten der Verteilungs- und Gestaltungfrage , die in der Bildung steckt, als zentrale Frage anspricht, können Verantwortliche, wie der Bildungssenator Rabe in Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Zentrale Frage meint hier zum Beispiel: Bildung zu welchem Zweck mit welchen Inhalten? Worauf kommt es denn gesellschaftlich an? Für Herrn Rabe steht fest, dass im Grund alles gut ist: »sie [die Gesellschaft] ist stark und erfolgreich.« Es wird gerade nicht als Drohung und Gefährdung der Zukunft, sondern als Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein aufgefasst, wenn der Senator schreibt und spricht:


»Auf das Leben in dieser Leistungs-Gesellschaft und auf eine Teilhabe an dieser Leistungs-Gesellschaft bereiten die neuen Bildungspläne gezielt vor.«

Wenn wir nur einmal kurz den Zustand der Gesellschaft von der Seite betrachten und uns vom vorgegebenen Bestätigungszyklus lösen, dann könnte doch in den Blick kommen, dass Schule eine grundlegend neue Bedeutung bekommen sollte und müsste. War nicht zu hören, dass wir uns ein Weiter-so nicht mehr leisten können? Welche Abhängigkeiten aus Wirtschafts- und Lebensmodellen, daraus sich ableitenden Beziehungs- und Umgangsformen sind wir eingegangen? Wie kommen wir denn zur Heranbildung eines autonomen, kritischen Urteilsvermögens? Wozu könnten wir es gebrauchen? Oder sollten wir doch lieber den klugen Experten vertrauen, die mit ihren Entscheidungen, Algorithmen und mit ihrem Steuerungswissen die Kenntnis haben, was gut für uns ist? Wir in und als Funktion einer klugen Elite – ist das nicht eine beruhigende Perspektive?


Dürfen Zweifel und Kritik eines auf Verbindlichkeit, Standard und Messbarkeit angelegten Bildungsplans sein? Diese Zweifel aufzugreifen, müsste Aufgabe neuer Bildungsdebatten sein – und nicht die Einschwörung auf ein Weiter-so mit kleinen Verschiebungen des Anteils von Verbindlichkeiten. Eine öffentliche Debatte über Bildung wozu in einer anderen Welt ist dringlich. Wie können wir es zulassen und Herrn Rabe folgen, dass diese Gesellschaft stark und erfolgreich sei?

Das Trugbild des wehrhaften, entschlossenen Kämpfers an der Bildungsfront

Was verfängt, ist der wehrhaft entschlossene Stil des Senators, geradezu so, als verteidige er „uns“: »Wir werden uns nicht damit abfinden …«. Es geht dem Herrn Rabe um nicht weniger als darum, den Hamburger Schulabgängerinnen und -abgängern zu ihrem Traumberuf (!) zu verhelfen. Darunter macht es der Herr Senator nicht. Da ist natürlich viel zu tun, denn, wie es in der Rede selbst heißt, »[finden] 60 Prozent der Schulabgänger« (m/w/d) »mit Haupt- oder Realschulabschluss direkt nach der Schule keinen Ausbildungsplatz.«


Jenen, die die Sache nicht so sehen wie Senator Rabe, unterstellt er, sie würden »Leistungsstandards bekämpfen« und sich »wegmogeln«. Während er selbst mit offenem Visier in die Schlacht zieht, legt sein Sprachduktus nahe.
Der Politiker nimmt gar in Anspruch, dem Wesen der Kinder, ihren natürlichen Anlagen entgegenzukommen. Der Vorsteher einer Riesenbehörde, die verwaltet und steuert, und auch nicht viel anderes im Sinn hat und damit die Beschäftigten in einen ständigen Spagat zwischen Individualisierung und Behördenauftrag bringt (wenn sie sich noch so viel Empfindsamkeit bewahrt haben), macht sich nun zum Interessenvertreter der Kinder. Ja, er nimmt sogar deren Glück in Anspruch, um seine Anpassungen an Standards und Normen zu rechtfertigen.


In seiner Rede schmeichelt Herr Rabe den Abgeordneten. Sie säßen „hier“ im Parlament, weil sie sich den Leistungsforderungen erfolgreich gestellt hätten. Also haben wir es mit den Besten, mit einer Elite, mit Auserwählten der Leistungsgesellschaft zu tun.

»Und immer wieder müssen Sie [im Original Kleinschreibung, während Anreden im selben Kontext in Großschreibung verfasst sind] lesen, lesen, lesen, reden, reden, reden, schreiben, schreiben, schreiben.«

Und solches kann für die Schüler und ihre Bildungspläne wohl nicht schlecht sein. Weshalb die Abgeordneten dann wohl den Plänen des Senators zustimmen sollten, wenn sie sich des Senatoren-Lobes nicht unwürdig erweisen wollen.


Das Fazit zieht er mit einem ganz und gar populismusfreien Vergleich: man wolle schließlich Bundesliganiveau. (Ganz so hoch muss der Hamburger dann ja nicht hinaus. Hier ist man an die zweite Liga gewöhnt. Geht auch.)


Stimmen von Verbänden


Die GEW stellt einen »verkürzten Leistungsbegriff [fest], der nicht pädagogisch fundiert ist, sondern wie aus einem bildungsökonomischen Papier abgeschrieben wirkt.«


Die Elternkammer wendet ein: Die Bildungspläne seien überfrachtet, weniger Jugendliche würden die Abschlüsse schaffen.


Die Kritik aus der Linkspartei: Es gebe keine Unterstützung in der Stadt für die Bildungspläne (zumindest, was die Verbände angeht), die Entwürfe verschärften die Spaltung der Schülerschaft. Die Schülerinnen und Schüler würden mit vergänglichem Faktenwissen zugeschüttet. »Boeddinghaus: „Es müssen sich erst Öffentlichkeit, Schulen und Fachwissenschaft gemeinsam auf einen zeitgemäßen Bildungsbegriff verständigen, und auf dessen Grundlage Pläne für einen zukunftsgewandten Unterricht zusammen entwickelt werden!“«

Hamburg dürfe keinen Sonderweg einschlagen, meint die CDU Bildungssprecherin der Fraktion.


»Sie [die Bildungsplanentwürfe] verengen die Prüfungsgestaltung auf rein schriftliche Prüfungen – sie verhindern eine zeitgemäße Prüfungs- und damit Lernkultur«, kritisieren Schulleitungen und Elternräte der Stadtteilschulen. Diese sehen gar eine Rolle rückwärts und fordern stattdessen, Diversität der Gesellschaft und Teilhabemöglichkeit aller Rechnung zu tragen.

Worum es geht, zeigt dieses Interview recht anschaulich

Zusammenfassend: Was sind die Rankings wert, auf die sich Peter Ulrich Mayer, Kommentator des Hamburger Abenblatts, und Ties Rabe so gern beziehen? Sie verkörpern ja geradezu das Lern- und Beurteilungsmodell, das Messbarkeit und Standardisierung bevorzugt und verlangt. Und es behindert die Entwicklung der Besonderheiten und Individualitäten, die doch gerade so wichtig sind für eine andere Zukunft. Was Frau Boeddinghaus von den Linken sagt, ist schon richtig: Eigentlich müsste es um einen zeitgemäßen Bildungsbegriff gehen. Und auch der Kritik von Elternkammer und Schulleiterverbänden ist einiges abzugewinnen. Beim Bildungsbegriff könnte es interessant werden. Den lockert man nicht, wenn man sich auf Bildungspläne und Schulfrieden beschränkt. Von den Grünen habe ich keine Stimme gefunden.

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