Marktgläubigkeit untergräbt Zusammenhalt, Unmut bei Bürgern wächst

„Das erfordert u.a. den Verzicht auf einen gnadenlosen und ungesunden Konkurrenz- und Leistungsdruck, die Aufteilung der Lebensarbeitszeit in Phasen der Beschäftigung und der Weiterbildung und vor allem die Beseitigung aller Nachteile, die den Frauen heute durch die Entscheidung für ein Kind, entstehen. Parallel dazu, muss unser selektionsorientiertes Bildungssystem zu einem finanziell und personell gut ausgestatteten System der Begabungsförderung für Kinder- und Jugendliche aus allen sozialen Schichten werden, in dem kein Kind mehr zurückgelassen werden darf.“

Das ist ein Auszug aus einem Essay von Joachim Weiner, der am 25.12.2009 im Deutschlandfunk zu hören war. In aller Klarheit zeigt der Autor, in welch gigantischem Ausmaß die Bildungspolitik, aber auch die Gesamtpolitik auf Ziele ausgerichtet ist, die die Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft untergräbt.

Der Unmut über diese Politik wächst, auch wenn sich das bisher nicht in Wahlergebnissen niederschlägt. Nachzulesen hier Unzufriedenheit mit Politik wächst oder hier Unzufriedenheit mit Politik wächst – Bertelsmann-Stiftung

Hier der Link zum vollständigen Essay Joachim Weiner und hier noch ein Auszug aus dem Essay:

„Kaum weniger als die Alten, hat die Jugend unter der hegemonial gewordenen Jugendlichkeitskultur zu leiden. Von allen Seiten als Zukunft unserer Gesellschaft beschworen, in die aber die Politik nicht bereit ist zu investieren, – man denke nur an den katastrophalen Zustand unseres Bildungssystems und das Fehlen einer ressortübergreifenden Jugendpolitik- hat sie heute erhebliche Schwierigkeiten gegen die Normen, Werte und Lebensstile der Erwachsenenwelt eine eigenständige Identität und Lebensform zu entwickeln. Was immer sie in dieser Hinsicht unternimmt, wird von dem unablässig nach Jugendlichkeit dürstenden Markt aufgesogen und als Konsumgut für die Erwachsenengesellschaft aufbereitet. Die sitzt um ihren Bedarf an Jugendlichkeit zu decken der Jugend wie ein Parasit im Nacken, der seinen Wirt unablässig zur Entwicklung immer neuer Jugendkulturen nötigt, um sich ihrer sofort zu bemächtigen. Der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme, zeichnet in seinem Aufsatz Das Verewigen und das Veralten der Jugend ein sehr anschauliches Bild des permanenten Enteignungsprozesses, dem die Jugend heute unterworfen ist:

„Noch niemals wurde jede Attitüde, jede neue oder pseudoneue Regung, Expressivität oder Tonlage in irgendeiner jugendlichen Subkultur, beinahe noch in statu nascendi, vom weltweiten Netz der Scouts aufgespürt, von Verwertungsexperten kalkuliert und von Trendmachern medial aufbereitet. Jugend wird rückstandslos professionalisiert, in Zirkulation gebracht, verbraucht, recycelt, vermüllt. ( … ) Jugend heißt, als Markt entdeckt und als Promotionfaktor in allen anderen Marktsegmenten implementiert worden zu sein.“

Während der überwiegende Teil der mit ausreichenden Bildungskapital ausgestatteten Jugendlichen heute frühzeitig vor dem Konkurrenz- und Leistungsdiktat der Jugendlichkeitsgesellschaft kapituliert und weitgehend illusionslos in die Schlacht um Geld, Macht und Status zieht, bleiben die Bildungsverlierer aus den Unterschichtmilieus frühzeitig auf der Strecke, weil es für sie keine Plätze gibt. Gebraucht werden sie allenfalls von den Medien, die sie in eigens auf die Unterschicht zugeschnittenen Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder den nachmittäglichen Talkshows, einem grölenden Publikum, als sozial und intellektuell defizitäre Subjekte präsentiert, die den Menschen zu Hause am Bildschirm ein beglückendes Überlegenheitsgefühl verschaffen.

Der Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes in den letzten beiden Jahrzehnten, macht deutlich, dass Jugendlichkeit ein verhängnisvolles Leitbild für unsere schrumpfende und alternde Gesellschaft ist. Spielt doch die hegemoniale Jugendlichkeitskultur einer renditefixierten Ökonomie in die Hände, in deren Rahmen der grundlegende Umbau des Arbeitsmarktes, des Bildungssystems und der sozialen Sicherungssysteme, den die demografischen Entwicklung erfordert, kaum denkbar ist. Eine Gesellschaft, in der die Kohorte der über 65 jährigen größer ist, als die der unter 25jährigen, kann es sich nicht leisten, die Menschen über 50 aus dem Arbeitsmarkt herauszudrücken und einen erheblichen Teil der nachwachsenden Generation durch die Maschen eines hoch selektiven Bildungssystems fallen lassen. In ihr muss die Arbeit so umverteilt und an die Leistungsfähigkeit der einzelnen Alterskohorten angepasst werden, dass die unumgängliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit von den Menschen als Gewinn und nicht als Zumutung erfahren wird.

Das erfordert u.a. den Verzicht auf einen gnadenlosen und ungesunden Konkurrenz- und Leistungsdruck, die Aufteilung der Lebensarbeitszeit in Phasen der Beschäftigung und der Weiterbildung und vor allem die Beseitigung aller Nachteile, die den Frauen heute durch die Entscheidung für ein Kind, entstehen. Parallel dazu, muss unser selektionsorientiertes Bildungssystem zu einem finanziell und personell gut ausgestatteten System der Begabungsförderung für Kinder- und Jugendliche aus allen sozialen Schichten werden, in dem kein Kind mehr zurückgelassen werden darf.

Diese und alle darüber hinaus notwendigen Strukturveränderungen, erfordern ein grundlegend anderes Steuersystem, eine erhebliche Verringerung der Lohnspreizung und der Renditeerwartungen sowie ein Gesundheits- und Altersvorsorgesystem, in das alle Bürger entsprechend ihrer Einkünfte einzahlen.

Nichts davon lässt sich im Rahmen unserer auf Jugendlichkeit fixierten Marktgesellschaft auch nur ansatzweise umsetzen, solange die Politik die Lösung der zentralen Probleme, die uns der demographische Wandel beschert, an den Markt delegiert.

Derzeit sieht es daher so aus, als ob wir nur die Wahl hätten uns von der Jugendlichkeitskultur, und mit ihr von einer Ökonomie zu verabschieden, die sich von der Gesellschaft soweit abgenabelt hat, dass sie ihre Funktion, den anderen sozialen Systemen die für Funktionieren notwendigen Finanzressourcen zur Verfügung zu stellen, nicht mehr erfüllt, oder aber auf dem in den 90er-Jahren eingeschlagenen Weg fortzuschreiten, an dessen Ende uns eine totalitäre, verrohte und gnadenlose Leistungsgesellschaft erwartet, in der der Markt alles und der Einzelne Nichts ist.“

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