Zur Entfaltung ihres Potenzials braucht die Schulpsychologie mehr Profil

von Jürgen Mietz

Vorschlag für ein Profil der Schulpsychologie

Schulpsychologie ist in den letzten Jahren in den Medien gut gelitten. Keine schulische Bedrohungs- oder Krisensituation, bei der nicht ein Schulpsychologe um Rat gefragt wird. Vielfach wurden gar neue Stellen geschaffen, die explizit mit Krisenintervention begründet wurden. Nicht wenige Schulpsychologinnen und Schulpsychologen fühlen sich von diesem Tätigkeitsfeld angesprochen. Es erfreut sich öffentlicher, politischer, finanzieller und organisatorischer Anerkennung, zumindest in einigen Bundesländern. Demgegenüber steht die alltägliche Beratungs- und Reflexionsarbeit mit Kindern, Lehr- und Leitungskräften und Eltern wie eh und je im Hintergrund, obwohl sie doch – zumindest teilweise – dazu geeignet ist, Krisen in der Schule und persönlichen Katastrophen vorzubeugen. Zwar unternehmen Verbände und die Sektion Schulpsychologie des BDP immer wieder Vorstöße, Kollegen und Politik zu erreichen – in der breiten Kollegenschaft aber gibt es kaum eine Debatte über Erfahrungen mit unterschiedlichen Organisationsformen, Multiprofessionalität, Eigenständigkeit und Eingebundenheit in Schulbehörden. Wie kooperieren unterschiedliche Berufsgruppen und wie grenzen sie sich voneinander ab? Wie müssen Organisations- und Führungskonzepte beschaffen sein, damit sich das Potenzial der Schulpsychologie und das anderer Professionen entfalten kann. Hier einige Aspekte, die für eine Debatte von Bedeutung sein könnten:

  1. Beitrag der Schulpsychologie zum Aufbau einer personenbezogenen Lern- und Lehrkultur (eventuell in Verbindung mit Schulreformen)
  2. Nachfragedruck und knappe Ressourcen machen Aufgabenschärfung und Schwerpunktbildung nötig, sowie Beschreibung der Nutzungs- und Kooperationsmöglichkeiten durch Lehrkräfte
  3. Entwicklung von Kooperationsformen, die der inneren Schulentwicklung, sowie der Stärkung von Schule, Lehrern und Lehrerinnen dienen (multiplikatorische Wirkung)

Ansatzpunkt: Veränderte Lehr-Lernformen und Schulpsychologie

Alle Schriften zur Neuorientierung der Schule (und zu Schulreformen) zeigen, dass die Erwartungen an Lehrerinnen und Lehrer zunehmen und vielfältiger werden. Unter anderem sollen sie die Individualität der Kinder tiefer erfassen. Da Lernen (wie auch das Lehren), wenn es bildend sein soll, subjektbezogen ist, muss die Persönlichkeit mehr denn je in den schulischen Prozess integriert sein. Das gilt für Schüler und für Lehrer. Zugänge zu einem praktischen Begriff der Persönlichkeit im Lehr- und Lernprozess kann Schulpsychologie ermöglichen.

Mit den neuen Zielen und Leitlinien der Schule sind Umbrüche im Lehrer(selbst)bild verbunden, die professionell reflektiert sein sollten, damit sie nicht – angesichts fortschreitender Forderungen – zu einer Überlastung der Lehrkräfte und zu einer Deformation der Reform führen. Lehrer müssen systematisch, personenbezogen und rollenbewusst mit Schülern, Schülerinnen und Eltern, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen kommunizieren.

Moderne Lehrmethoden spielen in der reformierten Schule zu Recht eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig sind aber für ihren Erfolg und Nutzen Persönlichkeit, Bindung und Beziehung. Das zu unterschätzen hieße, das Potenzial der Methoden zu verspielen. Persönlichkeit, Bindung und Beziehung können mit Hilfe der Schulpsychologie und der Kooperation Lehrer – Schulpsychologe in den Lernprozess integriert werden.

In aller Regel haben Lern- und Verhaltensprobleme eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Komponente, die auf die Persönlichkeit und auf Bindungs-/Beziehungsprobleme verweist. Lern- und Verhaltensprobleme übernehmen oft eine Funktion in der emotionalen und sozialen Balance von Personen oder Gruppen – jenseits des inhaltsbezogenen »eigentlichen« Lernprozesses. Sie haben eine – oft unverstandene – Bedeutung. Sie für Lehrkräfte nachvollziehbar und verstehbar zu machen, ist ein Beitrag der Schulpsychologie zu individueller Förderung der Schüler und Schülerinnen.

Veränderte Rollen

Die veränderten Erwartungen und Zuschreibungen bedeuten, dass die Lehrerinnen und Lehrer sich ein neues Rollenverständnis erarbeiten müssen, zu dem auch gehört, dass sie sich als Führungskraft gegenüber Kindern und Eltern mit dialogischen Fähigkeiten verstehen. Allgemein gesprochen benötigen sie Rollenbewusstheit, Abgrenzungsfähigkeit, Offenheit und Bereitschaft zu Reflexion. Darin können sie von Schulpsychologie unterstützt werden. Das lässt sich an drei Beispielen skizzieren.

Lernberater

Lehrer und Lehrerin sollen im neuen Schul- und Unterrichtsverständnis zu Lernberatern (mal wird dieser Begriff benutzt, mal wird ein solcher stillschweigend vorausgesetzt) werden. Das hat andere Formen der Begegnung und Beziehungsgestaltung zur Folge. Auf der Grundlage ihrer Persönlichkeit und ihres beruflichen Selbstverständnisses wie auch in Abstimmung mit dem schulischen Konzept wird sich die Lehrkraft ein neues Rollenverständnis erarbeiten.

Teil des Rollenverständnisses wird auch sein müssen, dass bei aller Beratungstätigkeit die Lehrkraft weiterhin Leistung und Verhalten beurteilen und über Bildungswege entscheiden wird, sie Verantwortung für den schulischen Erziehungs- und Bildungsprozess trägt – also nicht nur Beraterin sein kann. Dieser Aufgaben- und Rollenmix will verarbeitet sein, soll er nicht auf Dauer zu einer Belastung und schließlich Überforderung werden.

Schulpsychologie kann für diese Aufgaben der Selbst- und Rollenklärung eine wichtige Unterstützung sein.

Kommunikation mit Eltern

Eltern müssen und sollen in die schulische Arbeit einbezogen sein, ohne dass darüber die Eigenverantwortung der Schule für den Lehr-Lern-Prozess leidet. Gleichermaßen muss die Schule die Eigenständigkeit familialer Verantwortung und Identität respektieren und fördern. Und im Fall der Kindeswohlgefährdung muss Schule handlungsfähig in Bezug auf Jugendamt oder andere Institutionen sein. Auch hier ist unverkennbar, dass die Lehrkräfte schwierige Aufträge zu erfüllen haben und Balancen halten müssen. Darin sollten sie von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Unterstützung erhalten.

Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen

Lehrerinnen und Lehrer sollen mehr als in der Vergangenheit gemeinsam Verantwortung für die Kinder übernehmen, etwa für eine Jahrgangsstufe. Teamarbeit hat in Zukunft einen hohen Stellenwert. Persönlichkeit, Abstimmungsprozesse, Sensibilität für eigene und fremde Bedürfnisse sind in besonderem Maße gefordert. Beratend, supervisorisch, moderativ kann Schulpsychologie diese Aufgaben unterstützen.

Unterstützungssystem für die Erfüllung des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags

Schulpsychologinnen und Schulpsychologen arbeiten mit Lehrern und Lehrerinnen, Kindern und Jugendlichen, sowie mit ihren Eltern daran, die Persönlichkeit (Kognition, Verhalten, Emotion) der Beteiligten für den individuellen und Schulentwicklungsprozess zu stärken und zu nutzen und dafür auch die Kooperationsbeziehungen zu entwickeln. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen verstehen sich als Unterstützungssystem für Lehrer und Lehrerinnen in dem Sinne, dass Lehrkräfte sich besser auf komplexe Schülerpersönlichkeiten und Gruppenprozesse einstellen können sollen.

Die Beziehungsdynamik Lehrkraft – Schüler auf der Grundlage ihrer Persönlichkeiten und Rollen zu verstehen und so den bestmöglichen Lehr-Lern-Erfolg zu erzielen, ist eine Aufgabe schulpsychologischer Arbeit. Dazu kann auch gehören, dass die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen mit Schülerinnen und Schülern, Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen individuelle und familiale Muster herausarbeiten und weiterentwickeln. Für die Lehrkraft sollen die sich daraus ergebenden Erkenntnisse und Erfahrungen die Möglichkeit bieten, Unterricht und Erziehung an den speziellen Schüler anzupassen.

Die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen bieten den Lehrern und Lehrerinnen unterschiedliche Kooperationsformen an: Klassischerweise die schülerbezogene Einzelfallberatung. Darüber hinaus aber auch Fallbesprechungsgruppen für Lehrkräfte. Hier können problematische Schüler, schwierige Unterrichts- und Kommunikationssituationen vorgestellt und bearbeitet werden.

Dieses Angebot ist geeignet, Schule und Lehrkräfte zu stärken und ihren pädagogischen Spielraum zu erweitern. Nicht zuletzt trägt es mit diesem Verständnis von Individualisierung und Reflexion dazu bei, Stress und Burnout vorzubeugen. Der erweiterte pädagogische Spielraum der Lehrkräfte und eine reflektierte Berufshaltung kommen den Kindern und Jugendlichen in ihrem Bildungsprozess zugute.

Kooperation mit anderen Berufsgruppen innerhalb und außerhalb einer Beratungsstelle

Das oben beschriebene Selbstverständnis ist Bestandteil der Kooperation mit anderen Berufsgruppen. Ziel ist, dass es sich mit den Selbstverständnissen und Aufträgen der Kollegen anderer Berufsgruppen ergänzt. Auch sie arbeiten mit Begriffen wie Persönlichkeit, Beziehung, Bindung. Die Begriffe dürften jedoch bei verschiedenen Berufsgruppen mit unterschiedlichen Inhalten und Bedeutungen verbunden sein. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist im Umgang miteinander Sensibilität erforderlich, ebenso wie die Weiterentwicklung einer Diskussionskultur der Verständigung über Gemeinsames und Unterschiedliches.

Psychologen haben von ihrer Rolle, Ausbildung, Fortbildung einen eigenen Zugang zu Persönlichkeit, Identität, Beziehung, Rolle. Dass sie nicht ursprünglich aus dem schulpädagogischen Feld stammen und in dieser Hinsicht extern sind, verschafft ihnen besondere Möglichkeiten für das Feld Schule, aber es erlegt auch Grenzen auf. Mit ihrem Ausbildungs-, Fortbildungs- und Erfahrungshintergrund können die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Persönlichkeit und Persönlichkeit im institutionellen Kontext, zum Beispiel Schule und Familie, aus allgemein psychologischem und systemischem Blickwinkel betrachten und diese Sicht für Schule und Kind nutzbar machen.

Der Psychologe, die Psychologin kann die im weiteren Umfeld der Lern-Lehr-Situation liegenden Persönlichkeitsaspekte, (wie Identität, Beziehungsdynamiken, Bindungserfahrungen) in den in den Blick nehmen und damit die Beratungs- und Unterstützungsarbeit der Sonder- und Sozialpädagogen ergänzen.

Die Möglichkeit, Schulpsychologie im beschriebenen Sinne als Angebot zu persönlicher und institutioneller Entwicklung zu nutzen, hängt auch davon ab, ob sie dafür einen entsprechenden institutionellen, behördlichen Rahmen hat beziehungsweise sie ihn bekommt. Problematisch für die beschriebene Entwicklungsorientierung könnten alle Aufgaben sein/werden, die der Schulpsychologie einen gutachterlichen, feststellenden (oder ähnlichen) Status, mit Ressourcen gewährenden oder vorenthaltenden Zuständigkeiten zuweisen. Damit können Interessenfragen berührt sein, die der freien, unabhängigen Erörterung und Reflexion der Beratungsarbeit entgegenstehen und sie überlagern.

November 2009

Hier zur Druckversion: 100102 Profil Schulpsychologie

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