Schulpsychologie als löchriges Auffangnetz für die Folgen der Selektiviät?

Die inklusive Schule ist eine Chance für die Entfaltung der Schulpsychologie

Der Umbau des Schulwesens wirft die Frage auf, was die neuen Konzepte (Inklusion, Individualisierung, Förderung der Persönlichkeit des Kindes, Teamarbeit der Lehrer und Lehrerinnen) für die Schulpsychologie bedeuten.

Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sind in ihrer Arbeit in hohem Maße damit beschäftigt, die Folgen des selektiven Schulsystems zu mildern. Die Testdiagnostik ist oft nicht Teil einer Potenzialanalyse, die der Lern- und Persönlichkeitsentwicklung dient. Sie ist eher der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob das Kind nicht eine Störung hat und woanders hingehört. Vielleicht könnte man sich langwierige Anpassungen des Unterrichts oder ungewohnte Formen der Kommunikation sparen, mag ein Gedankengang sein.

Ein anderes Thema von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sind die mehr oder weniger offensichtlichen psychischen Folgen der Ausschlussmechanismen von Schule. Wenn etwa die Kinder spüren, dass sie nicht für sich, für die Entwicklung ihrer Talente lernen, sondern sie für Zielerreichung bewertet werden. Zu versagen und abgehängt zu werden kann alles Lernen mehr oder weniger stark durchdringen und Schule zu einem »heiklen« Ort machen. Beschämung und Bloßstellung zu vermeiden sind eine wesentliche Motivation; die Erleichterung, wenn man feststellt, dass andere schlechter sind als man selbst. Aggressives Verhalten entsteht aus Kränkungen, die auch Schule verursachen kann. Es kann ein Versuch der Selbstbehauptung und der Rollenfindung sein, bevor es in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Eine andere Reaktion kann der Rückzug, die Regression sein: die Abkehr von schulischen (und auch anderen) Forderungen, um nicht weiter dem Versagen und der Beschämung ausgesetzt zu sein. – Die Folgen der Selektivität des Schulsystems einzuhegen und aufzufangen kostet den Schülern und Schülerinnen, den Lehrern und den Schulpsychologinnen und Schulpsychologen viel Energie. Energie, die der Entwicklung und dem »bedrohungsfreien« Bearbeiten von Lern- und Persönlichkeitsproblemen entzogen ist.

Man könnte sagen, dass erst die inklusive und reformierte Schule den humanitären Ansprüchen der Psychologie und Schulpsychologie entsprechen kann. Im alten selektiven Schulsystem werden die Ziele der Psychologie (Individuation, Kommunikationsfähigkeit, Interessenerkennung, Kompromissfähigkeit, Achtung und Einfühlungsfähigkeit) verzerrt, deformiert oder verfehlt, weil das Gesamtsetting von Schule dafür sorgt, dass sich angesichts der Ängste vor Ausschluss und Verlust nicht ein stabiles Bewusstsein des eigenen Selbst entwickeln kann.

In der relativen Abwesenheit von Ausschluss- und Zeitdruck könnten sich die Potenziale der Psychologie für Schule erst entfalten. Das psychologisch fundierte Verstehen des Schülers kann in den pädagogischen Prozess einfließen, ohne dass es von den bedrohlichen und bedrückenden »Sachzwängen« des drohenden Ausschlusses und der Entwertung unterlaufen würde. Das Kommunikations-Know-how der Psychologie kann den kollegialen und Schulentwicklungsprozess ungebrochen unterstützen. Eine Psychologie als Unterstützung für Lehrer und Schule könnte den Neuerungsprozess begleiten, ohne dass sie am Ende dann doch zweifelhaft ist, weil sie an der Realität der Selektivität mit ihren Tiefenwirkungen scheitert.

Im Allgemeinen sind die schulpsychologischen Dienste, die – auch in der Einzelfallarbeit mit dem Kind – schulsystem-/lehrerbezogen arbeiten, für solche Aufgaben vorbereitet. Sie sind in der Regel schul- und schulverwaltungsfern, mit ihren Settings der Eigenständigkeit und Neutralität für die Schulen extern und auch von der Verwaltung so anerkannt und akzeptiert. Dieser Rahmen schafft die Voraussetzung für Kontrakte auf »Augenhöhe« und für den fremden Blick von außen.

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