Wie modernes Verwaltungshandeln und unverarbeitete Widersprüche Fachlichkeit gefährden (IV)

Widersprüche ohne Verarbeitung

Die Beschäftigten sollen zwar einerseits loyal, dauerhaft und zuverlässig Ziele verfolgen, kein Kind zurücklassen, deren individuellen Fähigkeiten, Lebenslagen und Notwendigkeiten nachgehen, mit internen und externen Personen und Systemen kooperieren. Gleichzeitig aber sollen sie sich den von außen gesetzten Veränderungen (Verkürzung der Schulzeit, Kopfnoten und ihre Rücknahme, Verlängerung von Arbeitszeiten, erweiterte Aufgaben) klaglos anpassen und in der Lage sein, sich von »alten« Aufgabe zu verabschieden. So sind sie nicht selten gezwungen, das eine oder das andere zu ignorieren und individuelle Auswege zu suchen, um mit inneren Konflikten fertig zu werden. Die selbstgestellten, wie auch die fremdgestellten Ansprüche können oft nicht in die neuen Forderungskataloge eingearbeitet werden.

Da der Druck groß ist, die Ressourcen knapp sind, Bestimmungen über Inhalte und Grenzen eigener Tätigkeit kaum vorgenommen werden, werden angrenzende Systeme der Beratung und Unterstützung tendenziell unter dem Gesichtspunkt der Entlastung von Problemen und der Möglichkeit ihrer Verschiebung genutzt und nicht unter dem Gesichtspunkt des besseren Verstehens der Problemlage und der Sicherung der Entwicklungsfähigkeit des eigenen Systems. Subjektiv ist Zeitmangel ein Argument, aber auch Nahelegungen durch Teile der Behörde selbst. Diese verweist gern, um nicht Adressat von Forderungen aus der Lehrerschaft zu sein, auf die angeblichen Hilfeleistungen von Beratungs- und Unterstützungssystemen, die diese in einem solchen Kontext der Problem- und Verantwortungsverschiebungen, auf Dauer kaum befriedigend erbringen kann.

Es werden Partner gesucht, die sich der »Problemverursacher« (Kinder, Jugendliche, Eltern) annehmen. Diese Partner, aus Beratungs- und Sozialdiensten meistens, definieren ihre Aufgaben durchaus nicht kongruent und »wehren« sich, aus ihren Aufgaben und Selbstverständnissen heraus, gegen solcher Art Zuschreibungen. Es gibt durchaus gelungene Übernahme von Verantwortungen und die Teilung von Aufgaben. Aber es gibt auch Abgrenzungen und Grenzüberschreitungen, die Möglichkeiten der Selbstverbesserung ignorieren und Hindernisse für Kooperationen darstellen. Um sie zu überwinden und sie nicht nur als »schlechte« Eigenschaften der »anderen« zu verstehen, wären Selbstklärung und regelmäßiger Austausch auf Systemebenen erforderlich. Unter den gegebenen Bedingungen des Zeitmangels, einer unreflektiert bleibenden Abneigung gegen unnütze Besprechungen, und der »Notwendigkeit« zügigen Regierens und Verwaltens bleibt in der Regel der ganze Kommunikationsprozess auf der Strecke. Die viel beschworene Autonomie und Verantwortung des einzelnen Mitarbeiters ebenso.

Weitere Widersprüche gibt es in großer Zahl: So sind an Schule und ihre Pädagogen (und im Weiteren an die Beratungssysteme) hohe Erwartungen gerichtet. Sie sollen für Moral und Sittlichkeit – Erziehung zu Gemeinschaftsfähigkeit und Minderung des Egoismus – sorgen, sie sollen die Zukunft des Planeten sichern. Sie sollen aber auch tagesaktuell die Fitness für den Arbeitsmarkt gewährleisten. Sie wenden – auch systemkonform – Beurteilungsmechanismen an, die Ausschluss und Angst davor zur Folge haben und Integrationsforderungen zuwiderlaufen.

Schulen und Beratungssysteme sind unter anderem mit den Folgen einer konkurrenz- und siegerorientierten Philosophie konfrontiert. Nichtsdestotrotz sollen Schulen und Beratungssysteme davon absehend und Widersprüche ignorierend Lernfreude initiieren, Gewaltvorbeugung und -verhinderung betreiben, lückenlose Informationsweitergabe und Maßnahmen garantieren, die das Bild einer handlungsfähigen, sach- und fachgerechten Politik und Verwaltung aufrechterhalten. Diese Widersprüche werden kaum gemeinschaftlich auf Systemebene bearbeitet, sie werden in der Regel, wenn sie denn wahrgenommen werden, nicht bearbeitet.

Einerseits wird ein Bild von Schule, Beratungssystem und Verwaltung als lernender Organisation gezeichnet, andererseits gibt es keine Mechainismen gegenseitigen kontinuierlichen Austauschs zwischen den unterschiedlichen Verantwortungsebenen. Tatsächlich werden Organisationsentwicklungsprozesse eingefroren und unterbrochen – nicht zuletzt mit der scheinbar beruhigenden Aussage, Systeme hätten sich konsolidiert, nicht selten zum Wohlgefallen von Beschäftigten, die den Strategien und Konzepten der oberen Hierarchieebenen skeptisch und defensiv gegenüber stehen.

Beratungs- und Unterstützungssysteme sind behördlichen und schulischen Erwartungen ausgesetzt, oft nicht, wie angedeutet, auf der Basis einer Verständigung über Aufgabenbeschreibungen. Dabei drohen wichtige Prinzipien der Beratungs- und Unterstützungsarbeit untergraben zu werden. Formal wird der Anspruch auf die Anwendung der guten Fachlichkeit der Beratungs aufrechterhalten (Unabhängigkeit, Neutralität, Ergebnisoffenheit, Freiwilligkeit etc.). Tatsächlich aber ist sie in Gefahr. Etwa dann, wenn Beratungseinrichtungen mit Sanktionierungsaufgaben beauftragt sind und Einwände ignoriert werden. Oder wenn von zentraler Stelle Schulleitungen empfohlen wird, Eltern dazu zu bewegen, sich bei einer Beratungsstelle zu melden. Täten sie es nicht, ließe sich damit der Kooperationswille von Eltern prüfen, mit der Möglichkeit der Anwendung repressiver Maßnahmen. Das bringt nicht nur Berater und Beraterinnen in eine peinliche Lage gegenüber den potenziellen Nachfragern. Darüber hinaus wird der Schule – eine potenzielle Nachfragerin von Beratung – ein Bild von Beratung vermittelt, das Beratung als instrumentalisierbar zeichnet – nicht unbedingt attraktiv für die Bereitschaft, sich vertrauensvoll an diese Beratungseinrichtung zu wenden.

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