Multiprofessionalität braucht Teamentwicklung

Multiprofessionalität gilt in vielen Aufgabenfeldern als Lösungsweg aus Verkrustungen und überkommenen ständischen Eitelkeiten. Multiprofessionalität soll eine neue Produktivkraft sein. Sie ist Ausweis von Modernität und Fortschritt. Wie auch beim Thema der Interdisziplinarität lohnt es sich jedoch, genauer hinzuschauen. Welche Praxis entwickelt sich im Gewand der Modernität? Schafft sie neue Zugänge zu Lösungen und Entwicklung der Fachlichkeit? Oder ist sie im Machtkampf der Professionen und Personen ein Mittel, um Herrschaft und Einfluss zu sichern, möglicherweise entfernt davon, was Sach- und Fachlichkeit erforderten? Deshalb hier einige Überlegungen zur Multiprofessionalität.

Multiprofessionalität schafft dann einen »Mehrwert«, wenn unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen bei der Problem- oder Fallanalyse ihren Platz finden. Ein Problem oder eine Entwicklungsaufgabe können im günstigen Fall umfassender verstanden und gelöst werden. Multiprofessionalität weiß um den Wert und Beitrag der eigenen Profession und um den der »anderen«. Es kann vieles gelernt werden, was den Beteiligten ein tieferes Verständnis vom Charakter eines Problems oder einer Aufgabe ermöglicht. Das, was jeder tut, sollte relativ, in bewusster Relation zum »Nachbarn«, getan werden und nicht losgelöst von ihm. Das Ziel der Multiprofessionalität ist nicht die Überwindung oder Auslöschung des Anderen. Ebenso wenig ist ihr Ziel, dass alle das Gleiche tun. Ein Aufgehen des Einen im Anderen oder eine Vermischung zur Unkenntlichkeit wäre ein Entwicklungsverlust.

Multiprofessionalität und Rollen

In beruflichen Rollen und Aufgabenbeschreibungen kommen gesellschaftliche, politische, institutionelle und fachliche Verständnisse zum Ausdruck. In ihnen kristallisieren sich Interessen und Machtverhältnisse. Was wir an Rollen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten vorfinden, ist die Momentaufnahme eines dynamischen Prozesses, auch wenn sie gelegentlich bei uns den Eindruck erwecken, sie besäßen Ewigkeitswert. Immerhin geben sie uns als Professionellen oder als Klient Sicherheit und Orientierung, (wenngleich nicht alle immer unter gleichen Bezeichnungen Gleiches verstehen).
Grenzüberschreitungen lassen sich nicht immer vermeiden, sind gar wünschenswert – wie sollte sonst Neuland erkundet werden und Befruchtung stattfinden können? In dem Spannungsfeld von Sicherheit/Orientierung und Grenzüberschreitung/Transzendenz sind Berufsrollen immer auch ambivalent. Sie stören das Vertrauen in den Ewigkeitswert, der uns Orientierung verschafft, ermöglichen aber im günstigen Fall eine Reflexion des »eigenen« Berufes sowie die Reflexion im Verhältnis zu angrenzenden Berufen und eine Neujustierung der professionellen Felder.
Im ungünstigen Fall treten Spannungen und Widersprüche auf, die nicht konstruktiv aufgehoben werden können.

Multiprofessionalität, Rollen und ihre Weiterentwicklung

Die Vorzüge der Multiprofessionalität stellen sich nicht automatisch ein. Sie sind »nur zu haben«, wenn Multiprofessionalität und die sich daraus ergebenden Spannungen/Widersprüche in einem kontinuierlichen Prozess auf unterschiedlichen Verantwortungsebenen reflektiert werden. Basis ist das Verstehen der Grundvoraussetzungen des fremden Berufes und wie die konkreten Träger ihn verstehen.
Findet diese Arbeit nicht statt, können sich destruktive Wirkungen der Multiprofessionalität einstellen. Beispielsweise:

  • Die Entwicklungen der unterschiedlichen Berufspraxen zur Erfüllung der Aufgaben vollziehen sich in einem ungesteuerten Prozess, mehr oder weniger hinter dem Rücken der Beteiligten;
  • unter Umständen wuchernd und konkurrierend;
  • persönliche Vorlieben, Abneigungen und Machtpositionen werden bedeutsamer als die Arbeitsaufgabe;
  • die Offenheit der Multiprofessionalität wird zur Möglichkeit, die eventuell ungeliebte eigene Berufsrolle zu verlassen; die Folgen, auch jene der Vakanz, bleiben unreflektiert;
  • sowohl nach innen wie nach außen kommt es zu Zuständigkeits- und Verantwortungsdiffusionen;
  • die Berufstätigkeiten lösen sich von einem gemeinsam getragenen Aufgabenverständnis.

Natürlich muss es nicht so schlimm kommen. Die hier angestellten Überlegungen mögen dafür sensibilisieren, dass Multiprofessionalität ein hoher Anspruch ist, den Beschäftigte und Leitungen sehr bewusst immer wieder einlösen müssen.

Beratung als Ort von Multiprofessionalität

»Beratung« als spezielle Interventionsform steht innerhalb psychosozialer Arbeitsfelder nicht selten in einer Konkurrenz unterschiedlicher Beratungsansätze und Grundberufe. Zudem steht »Beratung« trotz aller Professionalisierungsanstrengungen vergangener Jahrzehnte in Konkurrenz zu Alltagsverständnissen des Begriffs; danach gehört Beratung zu den alltäglichen Verrichtungen menschlichen Beisammenseins, die im Grunde keine besondere Qualität habe. So ist »Beratung« in verschiedenerlei Hinsicht umstritten.
Unterschiedliche Beratungsverständnisse innerhalb der Berufs- oder eventueller Themenschwerpunktgruppen (mit Personen aus unterschiedlichen Grundberufen), müssen transparent werden können, sie müssen »erlaubt« sein und dürfen keinem Denk- und Sprechverbot unterliegen. Bei aller Meinungsverschiedenheit oder auch Konkurrenz muss in Kollegialität auf das gemeinsame Dritte des Arbeitsauftrags Bezug genommen werden. Der sollte die Professionellen in Relation bringen. Daran wird deutlich, dass Multiprofessionalität an kontinuierliche Team- und Organisationsentwicklung gebunden ist.

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