Zunahme seelischer Probleme bei Kindern und Erwachsenen

Das wirft die Frage danach auf, wie wir leben, lernen und arbeiten wollen

Kurz vor den Weihnachtstagen berichtete das Hamburger Abendblatt am 20.12.2012 über »die Seelennöte der Hamburger Kinder«. Sie wollen so gar nicht zu Glanz und Glamour einer der reichsten Städte Deutschlands passen.
Das Blatt schrieb über die Studie »Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen: Die WHO-Jugendgesundheitsstudie für Hamburg«. Zum einen weisen die Ergebnisse darauf hin, dass es vielen Kindern in Deutschland nicht gut geht, zum anderen machen sie deutlich, dass es in Hamburg prozentual gesehen mehr Kindern schlecht geht als im Rest der Republik.
Laut Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) hänge das mit bestimmten »Risikokonstellationen« Hamburgs zusammen. »Diese Kinder und Jugendlichen kommen vor allem aus Familien mit niedrigem Einkommen, schlechten Bildungsstand oder Migrationshintergrund« wird eine andere Forscherin zitiert.
Folgt man dem Bericht des Abendblatts sind Forscher und Therapeuten der Auffassung, dass die Lösung in der Vermehrung der Zahl der Kinder- und Jugendpsychiater und im Ausbau tagesklinischer und häuslicher Betreuung liege. Und in der Prävention. So sollen die Kinder lernen, Anzeichen von Stress wahrzunehmen und damit umzugehen. »Dem (gemeint sind erhöhte Anforderungen und unsichere Zukunftsperspektiven) muss man etwas entgegensetzen, sodass sie lernen, mit den eigenen Ängsten und der Unsicherheit umzugehen. Wir sehen ja jetzt schon, dass immer mehr Menschen im Arbeitsleben mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben«, wird die Professorin Ulrike Ravens-Sieberer zitiert.
Einen Tag später, am 21.12.2012 in der selben Zeitung dann diese Überschrift: »Seelenprobleme: Hamburger oft mit 52 raus aus dem Job«. Mit dem Hinweis: Nur im Saarland gingen mehr Menschen frühzeitig aus dem Job als in Hamburg. Was ist da los in dieser stolzen Stadt?
Zum gleichen Thema schreibt die Süddeutsche Zeitung am 30.12.2012 passend, dass es in der Arbeitswelt nicht besser aussieht: Frühverrentungen wegen Burnout nehmen zu. (Hier weitere Artikel aus der Süddeutschen zum Thema Burnout.)

Gut, dass die seelischen Notlagen einer offensichtlich wachsenenden Zahl von Menschen in die Öffentlichkeit getragen werden. Leider fällt den Forschern und Therapeuten nichts anderes ein als die Pathologisierung voranzutreiben und das Selbstmanagement in der Verwertung der Ware Arbeitskraft zu verbessern.

Wie wäre es stattdessen, die »Risikokonstellationen« zu kritisieren? Etwa jene einer durchökonomisierten Gesellschaft (und Schule), die zwangsläufig Verlierer produziert – und nicht nur Gewinner. Verlangt wird Flexibilität für den Erfolg, worin immer er bestehen mag, für Wachstum und Markt – aber was sind die Folgen der damit einhergehenden Entwurzelung und Entwertung vieler Menschen?

Wir sollten beginnen,  die Verhältnisse infrage zu stellen, in denen die Lern-Lebens-Beziehungs- und Arbeitsprobleme entstehen und die in ihnen einen guten Nährboden haben. Der nährt nicht zuletzt das Krank- und Gesundheitswesen, welches zu einem Geschäftsmodell gemodelt wurde, das Gewinne für Anleger abwerfen oder sich ökonomisch rechnen muss, was sich wiederum dem Begriff der Lebensqualität entzieht.
Ähnlich nimmt die Liste der Tätigkeitsfelder der in Hamburg gegründeten Beratungsabteilungen der ReBBZ eine Sicht ein, die die Probleme und die Verantwortung den einzelnen Betroffenen zuweist. Die Wirkungen der gesellschaftlichen und institutionellen Konstruktionen auf die Subjekte bleibt in all diesen Beschreibungen außen vor. Damit sind die Lösungsmöglichkeiten von vornherein reduziert.

Es manifestiert sich ein Modell, das die Störung in den Schüler und seine Familie verlegt. Die Risikokonstellationen einer funktionalisierten und funktionalisierenden Schule bleiben unerwähnt. Wie mögen sich betroffene Schüler oder Eltern fühlen, die mit solchen Mängeln gekennzeichnet werden? Unerwähnt bleibt, dass es subjektive, gute Gründe gibt, sich zu verweigern und dass die Verweigerung selbst schon ein Lösungsversuch des Subjekts ist, ein Versuch, sich zu retten. (Eine gute Gelegenheit, auf einen Kongress in Berlin hinzuweisen).

Wie sollen Psychiatrie und Präventionskurse Verhältnisse kurieren, die menschliches Maß vermissen lassen? Menschliches Maß wäre, den Menschen in seiner Subjekthaftigkeit mit den Notwendigkeiten von Spiel- und Entwicklungsräumen anzuerkennen, ihn nicht auf Schritt und Tritt zu funktionalisieren für einen Zweck, der wiederum darin besteht, sich einer Ordnung einzufügen, die nicht mehr als den Zwang der Sache kennt. Ist das eine Zukunftsperspektive? (Wie sprach Lessing sinngemäß: In der Erziehung und Entwicklung des Menschen ist nicht der kürzeste Weg zwischen A und B erfolgversprechend, sondern es sind die Umwege)

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