Liebe Liebhaber des Einheitsabiturs

Da ist sie nun wieder die Zeit, die voller Anspannung sein kann. Die Zeit des Abiturs beschäftigt die Geister. Halten die Nerven das aus oder kann ich entspannt sein? Schüler und Schülerinnen steuern auf einen Wendepunkt in ihrem Leben zu – Schule aus und dann? Und die Eltern fragen sich, was aus der Zukunft ihrer Sprößlinge werden kann. Und alle wissen: hinter dem Tor gibt es ein Land voller Ungewissheit. Überhaupt: Was ist das Abitur wert? Welchen Stellenwert besitzt es im landesweiten und globalen Wettkampf?


Das interessiert zum Beispiel das Hamburger Abendblatt in den vergangenen Tagen mit großer Dringlichkeit. Auf jeden Fall beruhigt der oberste Bildungsverantwortliche in Hamburg, Senator Rabe, schon einmal. »Das Abitur darf nicht leichter werden« findet sich als wichtigste Botschaft und Titelzeile über einem langen Interview, welches das Hamburger Abendblatt am 26.6.2017 veröffentlichte. Damit sollte die überwiegend konservative Leserschaft beruhigt sein. Schwer ist schon mal gut – oder? Da können sich Spreu und Weizen trennen. Wehe, wenn nicht!

Zwischen den Zeilen: Spreu und Weizen

Um Vergleichbarkeit – Tenor: Ist das bayerische oder schleswig-holsteinische Abitur mehr wert als das hamburgische? – geht es eigentlich immer im Interview. Wenn 55 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, muss es doch leichter geworden und weniger wert sein, ist die unausgesprochene Schlussfolgerung, die zwischen den Zeilen wabert. Und noch dazu, wenn jeder Vierte mit einer 1 vor dem Komma abschließt.
Selbst wenn der Senator in Teilen eine entspannte Haltung zeigt – er ist besessen vom Fantom der Vergleichbarkeit. Dafür will er gar den Unterricht der Oberstufe »einheitlichen Normen« unterwerfen, wenn die Schulminister/innen der übrigen Bundesländer darauf bestehen würden. Lernen für den normierten Stoff also. Hm.

Individualisierung und örtliche Besonderheiten ohne Wert

War da nicht mal was mit Individualisierung? Jedem Kind und Jugendlichen gerecht werden? Den landestypischen Besonderheiten und historischen Charakteristika Rechnung tragen, Vielfalt pflegen und entwickeln? Nah dran wäre man ja in der Kommune und in den Schulen, um ein „individuelles“ Abitur zu schaffen. Zugegeben: es ist schwierig Individualisierung und Vergleichbarkeit in eine Balance zu bringen. Davon aber ist im Interview nicht die Rede.
Ist Individualisierung, Länderbesonderheit den Eltern, Schülern, Politikern nicht wichtig? Sollte man nicht mal darüber reden, was alles im Vereinheitlichungswahn verloren gehen kann? Also: Was ist der Wert von Individualität und Heterogenität in einer Welt, die doch verschiedenste Zugänge zu ihrer Entwicklung benötigt. Wo geht die ganze Kreativität hin, wenn alles Lernen über den normierenden Kamm geschoren wird?

Was sollen die Schüler können?

Herr Rabe klingt so, als habe er durchaus Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer vollständigen Angleichung, – er benutzt den Komparativ: Ähnlicher, vergleichbarer – aber er geht nicht in die Offensive für die Frage, die er selbst stellt: Was sollen Schüler heute können? Und man kann ja auch mal fragen: Was lernen Schüler/innen auf ihrem Weg zum Abitur und wer sind sie, wenn sie es in der Tasche haben? Sind sie »kluge Köpfe«, die Herr Rabe sich so sehr wünscht? Oder werden sie sich im Programmierungsprozess der Schulminister/innen an eine übergeordnete Aufgabe der Anpassung an und Unterwerfung unter die „klugen Köpfe“ „da oben“ gewöhnt haben? „Kompetent“ für Marktkonformität auf den globalen Märkten?
Also: In welchem Verhältnis sollten Individualisierung und Norm stehen? Welche Ziele und Zwecke verfolgt die eine und die andere? Spannende Fragen. Um sich mit ihnen zu befassen, wäre es aber gut, man könnte sich – erst einmal für die Dauer eines Gesprächs vielleicht – vom Vergleichen nach Zahlen freimachen. Und davon, dass einem als Erstes entgegengeschleudert wird: »Aber der Wettbewerb, der Wettbewerb!« Der ist stupid! Und: Vergleichen lässt sich nur Vergleichbares.
Immerhin geht der Senator so weit zu sagen, dass ihn auch 70 Prozent Abiturienten nicht stören, sofern sie denn einen »hohen Bildungsstandard« hätten (von Bildung hat er nicht gesprochen). Das wird den Streit verewigen; und den Schulleistungsdiagnostikern und Untersuchungsdesignern ihre Arbeitsplätze sichern. Denn aus der Politik werden die Einwürfe kommen, dass man die Voraussetzungen von A keinesfalls mit denen von B vergleichen könne; denn die Startbedingungen, Lebensbedingungen von B seien doch ganz andere als die von A. (So ist es).

Und dann gehen die Untersuchungsdesigner hin, bilden Untergruppen, rechnen Effekte heraus oder herein. Bilden Hypothesen darüber, welche Effekte die Traditionen einer Region auf die bevorzugten Wahrnehmungs- oder Lernstile der Menschen haben und womöglich auch aufs Abitur … Soll man das nun zugunsten eines Einheitsabiturs (Oho. Wie war das noch mit der Teufelin Einheitsschule) einebnen? Stellen fest, dass die Gruppe zu klein, die Unterschiede also keineswegs signfikant seien, bestenfalls einen Trend abbildeten … Und dann?

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