Spielräume der »Machtunterworfenen« im unwirtlichen Gelände der Beratung (II)

Die Zeit für Alternativen ist reif – die Menschen sind am Ende

Was ich im vorangehenden Beitrag geschildert habe, sind Folgen des unternehmerischen Denkens, wie es in Folge der neoliberalen Wende – Derugulierung, Privatisierung, Kürzung, Konkurrenz – zur Doktrin wurde. Damit machte man die Welterklärung und -gestaltung einfach. Alles Handeln und Gestalten geschehe dann effektiv, wenn man es in die Form eines Geschäfts, eines Deals, also einer Ware brachte. Dieses Schmalspurdenken ist nur dann eine Lösung, wenn man die Wirklichkeit ignoriert. Also ist es keine echte Lösung. Auch dann nicht, wenn man versucht, die Wirklichkeit an den Glauben/die Theorie anzupassen. Ich erspare es mir hier, das weiter auszuführen.


Denk- und Lösungsansätze fehlen uns heute nicht selten, weil die Austrocknung alternativen Denkens so erfolgreich war. So wurde subjektwissenschaftlichen Ansätzen kritischer Psychologie und der kritischen Psychologie nahezu vollständig der Garaus gemacht. Geistes- und Sozialwissenschaften wurde de facto ihre Nützlichkeit abgesprochen. Sie sollten sich naturwissenschaftlichen Prinzipien fügen. Gleichermaßen geriet die Volkswirtschaft in eine Monokultur. Ihre Risiken geraten nach der Wirtschafts- und Finanzkrise, die weder vorhergesehen noch überwunden wurde, allmählich in den Blick. Zur Austrocknung kreativen und kritischen Denkens und Handelns trug auch bei, dass der Neoliberalismus mit Rafinesse und Drohung daherkam.

Allerdings gilt auch: Die Menschen sind vom Neoliberalismus erschöpft. Immer mehr Menschen spüren, dass er ein Bereicherungsprogramm für Wenige und nicht ein Sicherungsprogramm für die Vielen ist. Die Blindheit der durchregierenden Politiker ist nicht zuletzt für die Untergebenen, für die »Machtunterworfenen« (Baecker) eine Zumutung. Sie erleben mehr und mehr unmittelbar im eigenen beruflichen Handeln die Hohlheit der Konzepte, die ihnen als Lösungen vorgestellt werden.
Es wird immer schwieriger, die Frage nach dem Sinn des eigenen Handelns positiv zu beantworten. Vielfältige Konditionierungen und Einschränkungen der beruflichen Existenz, wie auch der Maßnahmen für Hilfen wecken an der Vernünftigkeit der Ordnung der Dinge. Das Nachdenken über bessere, menschengerechte Strukturen, der Wunsch nach mehr Kooperation und weniger Konkurrenz bekommen wieder eine Chance.

Reden wir

Allerdings: Eine Erneuerung geht nicht mit einem „Fingerschnipps“ zu machen. Immerhin haben Schröder, Thatcher, Blair, Reagan & Co. soziale Gebäude, Orte der Mitmenschlichkeit oder weniger pathetisch gesagt, Systeme sozialen Zusammenhalts in Ruinen verwandelt. (Es geht nicht darum, zweifellos vorhandene Mängel der alten Strukturen schönzureden; aber wenn ein Gebäude Mängel hat, kann man es reparieren, erweitern, verkleinern – man legt es nicht in Schutt und Asche).

In Portugal und in Großbritannien zeichnet sich ein Wandel ab:
Wie schreibt Paul Mason im Freitag vom 5. Oktober 2017:

»Nur eine der traditionellen Parteien der europäischen Sozialdemokratie hat begonnen, den notwendigen Wandel einzuleiten – die Labour Partei in Großbritannien. Der diesjährige Parteitag verwandelte die engen Straßen der Stadt [Brighton] in einen summenden Debattierclub mit Gesprächen über die Politik und Ökonomie des modernen Sozialismus. Pubs, Straßenecken, Cafés, die endlosen Schlangen vor den Neben-Veranstaltungen, der Strand am Ärmelkanal – alles war voll von enthusiastischen, gebildeten Labour-Anhängern, die auf einen radikalen Wandel in Großbritannien hinarbeiten.«

Neue Sichtweisen sind auch aus der SPD, hier von Herta Däubler-Gmelin, zu vernehmen.
Warum sollte es in hiesigen Städten und Dörfern keinen Aufbruch geben? Wir brauchen bei allem Erneuerungsbedarf bei Wirtschaft und Sozialem auch Grundrisse einer neuen Beratungspolitik, einen weit angelegtem Begriff vom Individuum, seinen Bedürfnissen und Notwendigkeiten, von Strukturen, die einem humanen Lehren, Lernen, Sich-entwickeln etc gerecht werden. Wir müssen auf einen Wandel hinarbeiten und sollten nicht mit leeren Händen dastehen, wenn sich die Verhältnisse demokratisieren. Reden wir, in Konferenzen, Arbeitsgruppen, Berufsverbänden, Gewerkschaften.

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