Der innere Ort, von dem aus „ich“ handele – die Welt, auf die „ich“ mich beziehe. Leben in der Wahrheit und/oder in Lüge (frei nach Václav Havel)


Der Begriff vom inneren Ort, von dem aus ich berate und mich in die Welt einmische – gewissermaßen mein Rückzugsort und Startplatz, war für mich hilfreich, Standpunkt und Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Er hat sich für mich als nützlich erwiesen, um die Koordinaten meines Handelns in der Innen- und Außenwelt zu bestimmen.


Verloren gegangene Koordinaten und Normen


In den letzten Jahren, so scheint es mir, ist es schwerer geworden, den Ort, von dem aus (jeweils) ich handele, zu bestimmen. In den vergangenen Jahren ist etwas geschehen, was offensichtlich die Koordinaten durcheinandergebracht hat. Bezugsgrößen und Wahrheiten haben sich in einem Maße verändert, so dass viele Menschen sich in ihren Welten nicht zurechtfinden, etwas ist ins Rutschen geraten. Wo ist das Subjekt oder wo sind die Subjekte dieser Veränderung?

Kontrolle und Repression (und die Angst vor ihnen) sind schon fast normaler Bestandteil des Lebens. Normen und Regeln wurden neu gesetzt, mit mehr oder weniger großer Zustimmung, der gesellschaftliche Friede ist in Frage gestellt, von wachsender Spaltung und Aggression ist die Rede. Was heißt das für unser Zusammenleben, für die Art und Weise, wie wir unseren Beruf ausüben – wie berührt uns das existenziell?
Zumindest einige Anregungen zur Beantwortung dieser Fragen fand ich bei Václav Havel. Es war das multipolar-magazin das seinen Essay, Versuch in der Wahrheit zu leben ausgegraben hatte. Ich werde darauf im weiteren Verlauf zurückkommen. Zudem scheint mir der Titel Havels ein guter Bezugspunkt für die Gegenwartsfragen, mit denen wir uns herumschlagen.


Zweifellos ist es die Pandemie, die ihr folgenden politischen Maßnahmen, die Einschätzungen und Fehleinschätzungen, der Umgang mit Fehlern und Irrtümern, das Flirren aufscheinender und verborgener Interessen, die den Eindruck befeuern, dass eine Umwertung von Werten im großen Maßstab vor sich geht. Und dass es nicht nur um ein Virus und um Gesundheit ging. Fragliche Evidenz und Kohärenz, unerwartet schroffe Kappungen öffentlicher Diskurse trugen und tragen zum Eindruck einer absichtsvollen Schockstrategie (Naomi Klein) bei. Wer das beispielhaft veranschaulicht haben möchte, kann sich hier und hier noch einmal in Zusammenfassungen einlesen.


Mit dem Krieg in der Ukraine ist nun ein weiterer Schauplatz der Um- und Neunormierung für das Sag- und Denkbare hinzugekommen. Wie schon in der Pandemie praktiziert, gehört die Verächtlichmachung und Herabsetzung von Menschen anderer Meinung (und nun auch) anderer Nationalität und Herkunft bis hin zum Rassismus, der Russen und Asiaten eine angeborene Rücksichtslosigkeit und Brutalität zuschreibt, zum Arsenal der Denker und Lenker im Land. Keine Empörungswelle aus der Politik und aus den Rundfunkanstalten. Wo führt diese Entfesselung und dieser Versuch einer Zerstörung wissenschaftlicher, sozialer, sozialstaatlicher und zivilisatorischer Normen hin – und wie kann man sich in solch fremder und entfremdeter Welt einrichten, wenn es denn überhaupt möglich ist?


Der Verfassungsschutzbericht 2021 macht »fremde Mächte« aus, die unser demokratisches Leben und die freiheitliche Gesellschaft (worin sie für wen besteht, wird nicht ausgeführt) bedrohen. Die Unbedingtheit und die Allgemeingültigkeit der Meinungsfreiheit drohen im kaum definierbaren

»Phänomenbereich „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“«

verlorenzugehen. Demgegenüber soll die aktuell bestehende Staatsform als freiheitlich, demokratisch und gerecht vorgestellt und gefestigt werden. Dazu, so scheint es, müssen Grundrechte auch außer Kraft gesetzt werden dürfen. Außerhalb der Reflexion bleibt, dass die aktuelle Regierungsführung möglicherweise nicht an demokratischen Leitlinien interessiert sein könnte, sondern an Macht- und Durchsetzungsinteressen, dass dafür Spielräume der Gesetze genutzt oder sie (mit formaldemokratisch legitimiertem, im demokratischen Geist jedoch fragwürdigen Vorgehen) umgeschrieben werden könnten und dieses womöglich „verstörende Spiel“ von Teilen der Bevölkerung als demokratiefeindlich und gemeinwohlschädigend interpretiert wird.

Der Sprachduktus des Verfassungsschutzberichts, wie auch die Verlautbarungen des Ministeriums machen deutlich, dass das Böse und Bedrohliche immer von außen kommen, nie Resultat einer fehlgegangenen oder missratenen Politik sein können. Einzelne Instrumentalisierungsversuche von Rechtsextremisten können offensichtlich einer Politik, die einen autoritären Staat will, selbst Instrumentalisierungsmaterial bieten.


Verlust von Debattenräumen


Man erkennt leicht, dass hier Interpretation gegen Interpretation steht und Dialog und Verständigung, die imstande sein könnten, Unklarheiten, Grautöne, Wirklichkeitsnuancen zu klären, in dieser politisch gewollten Zuspitzung nicht mehr möglich sind. Spiel- und Diskussionsräume, die für demokratische Debatten von zentraler Bedeutung sind, sind in den letzten Jahren geschrumpft. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und große Teile der privat- und großwirtschaftlich verfassten Medien sehen sich mehr als Vertreter und Multiplikatoren der Regierungsrationalität (samt der ihnen folgenden Institutionen). Größere Teile der Bevölkerung und weite Strecken des Meinunsspektrums kommen in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten nicht mehr vor, obwohl dafür in den Rundfunkstaatsverträgen eine Verpflichtung besteht. Kann es wirklich überraschen, dass nach dem Sinn, dem Hintergrund und den Folgen dieser Wende gefragt wird und dabei auch an antidemokratische Absichten gedacht wird?

Und selbst wenn man meint, man habe (in Bezug auf die Pandemie) aus einer unübersichtlichen, möglicherweise bedrohlichen Lage heraus entscheiden müssen, wäre es nur logisch und demokratiestützend dringlich, in einer breiten Debatte sich an die Wahrheitsfindung zu machen. Nicht zuletzt als Voraussetzung für Heilung und Versöhnung. Der Hauptdiskurs allerdings bleibt, dass Rechtsextremisten versuchten, Ängste und soziale Krisen für ihre Zwecke auszubeuten und die Regierung (und die ihr folgenden Institutionen) alles richtig machten. Dass es aber unter anderem (siehe beispielsweise das sog. Schockpapier des Innenministeriums vom März 2020, aktuell nicht mehr im Netz verfügbar) gar Ziel der Regierungspolitik war, Angst zu erzeugen, bleibt außerhalb der Debatte.


Als Gefahr wird im Verfassungsschutzbericht und von Frau Faeser, der Innenministerin, ausgemacht, dass durch Kritik der Staat delegitimiert werde und delegitimiert werden solle. Sorgt der Staat nicht selbst dafür, dass er sich delegitimiert?


Irritierende Inkonsistenzen, machtpolitische Versuche, Narrative zu erzeugen, durchzusetzen, herbeizubiegen und Zweifel daran mit einem politisch-medialen Bann zu belegen, zeigen sich auch in der Betrachtung des Ukraine-Krieges, seiner historischen und geopolitischen Voraussetzungen und Interessenlagen. Die Zuspitzungen auf einen vorgeblichen Kampf zwischen Gut und Böse sollen das Denken, Zweifeln, die Zwischen- und Grautöne ausschalten.

Es sind höhere äußere Mächte und die Moral, die den Politikern praktisch die Entscheidungen aufzwingen, mit denen sie uns konfrontieren. Sie verschaffen sich damit Entlastung und unsere Demut – und damit Spielraum für die Verfolgung bestimmter Interessen. Der Bürger wird damit genötigt, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, sich selbst zu überprüfen und seinen Nachbarn. Es ist keine freie Entscheidung, sondern eine Entscheidung in von Regierungen und Institutionen vorgegebenen Leitplanken. Die Entscheidung wird damit zu einer Entscheidung über Loyalität zu den Regierenden oder gegen sie. Der erwachsene, selbstbewusste, kritische Bürger wird infantilisiert. Er soll folgsam sein, oder er muss mit Strafe rechnen, Ausschluss oder Ähnlichem. Solche Politik braucht bestimmte Sozialcharaktere, wie sie sie auch hervorbringt. Fehlen sie, kann es eine solche Politik auch nicht geben. (Darauf wird an anderer Stelle und zu einem anderen Zeitpunkt zurückzukommen sein.)

Tastende Gehversuche im Minenfeld zwischen Lüge und Wahrheit – wo führt das hin?

Wird begründet in Zweifel gezogen, dass die Justiz in politisch relevanten Bereichen nicht unabhängig ist (beispielhaft hier, hier oder hier), wäre es doch dringlich, hier die Fakten und Positionen auf den Tisch zu legen und mit den Dämonisierungen aufzuhören und ins Gespräch zu kommen. Gesprächsfäden werden in vielen Sektoren der Gesellschaft abgeschnitten – die Entschlossenheit des Durchregierens wird möglichen Widerstand als Delegitimierung markieren.

Bullshitjobs – Existieren zwischen Wahrheit und Lüge

Gekappte Gesprächsfäden waren schon vor Corona Erfahrungen, die sich in Behörden und Verwaltungen machen ließen, anfänglich versehen mit „Angeboten“ der Beteiligung. Spreche ich heute mit Menschen aus Behörden, bekomme ich den Eindruck, dass die Zweifel wachsen, man könne noch Teil eines sinnvollen Handelns sein. Eine Angst, in diesem Meer der Unvernunft und des Irrlichterns unterzugehen, scheint zuzunehmen. Die Überlebenswünsche führen nicht zwangsläufig zu mehr Kooperation und basisdemokratischer Aktivität, sondern zum Taktieren. Genauso ist es möglich, dass sich „Bullshitjobs“ vermehren und man an ihnen festhält – andere scheint es nicht zu geben. Und dort, wo es noch möglich scheint, sinnvoll arbeiten zu können, kann das von Leitungsebenen toleriert oder gefördert werden, gleichzeitig aber darf nicht darüber gesprochen werden, weil es nicht zu den Leitlinien der höheren Führungsebenen passt. So sind immer mehr Menschen in ein Geflecht von Lüge und Wahrheit eingespannt. Auf Dauer ist das weder gesund, noch produktiv, noch zukunftssichernd.

In welche Rollen und Verhältnisse geraten wir im allgemeinen Umgang miteinander und speziell in Bezug auf Beratung und Supervision bei diesem Kampf zwischen Lüge und Wahrheit? Das Beratungshandeln (wie auch das pädagogische Handeln) rückt näher an den politisch-ideologisch aufgeladenen Kampf heran.

In diesen an den Nerven zerrenden und sie verzehrenden Verwirrungen kommen wir zu einem „Lösungsvorschlag“, der schon einige Jahre alt ist. Natürlich handelt es sich nicht um Lösungsvorschlag, sondern um eine Anregung zur Vergewisserung und Selbstvergewisserung.

Václav Havels »Versuch, in der Wahrheit zu leben«

Es mag überraschend sein zu hören, dass ein Aufsatz, der 1978 in einem kommunistischen Land geschrieben wurde, Anregungen bieten könnte für ein Land, das sich wirtschaftsliberal und freiheitlich liberal verfasst sieht – zumindest in der „offiziellen“ Version und im allgemeinen Verständnis vieler Menschen, gemäß den monatlichen Stimmungsberichten der Forschungsinstitute und den bei Straßenbefragungen wiedergegebenen Berichten in Medien.

Václav Havel geht der Frage nach, wie gesellschaftlich über Wahrheit und Lüge verhandelt wird, welche Façetten der Wahrnehmungs- und Emotionsverarbeitung angesprochen sind und Wirkung entfalten, wenn Lüge und Wahrheit Teil des bewussten Lebens werden und konkurrierend aufeinandertreffen. Er zeigt, dass es nicht möglich ist, sich herauszuhalten, auch das Nichthandeln ist eine Mitarbeit an den Verhältnissen, so wie es auch nicht möglich ist, nicht nicht zu kommunizieren.


Havel lässt einen Gemüsehändler durch die Kapitel seines Buches ziehen und macht mit seiner Hilfe die unterschiedlichsten Schattierungen des Themas „Leben in der Lüge – Leben in der Wahrheit“ deutlich. Der Gemüsehändler hat in seinem Laden ein Plakat mit dem Spruch aufgehängt „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ aufgehängt. Havel fragt unter anderem:


»Ist er wirklich persönlich so für die Idee der Vereinigung der Proletarier aller Länder begeistert?«
Auszug aus Versuch, in der Wahrheit zu leben, Václav Havel, Kap. 3

Als Motiv, das der Gemüsehändler haben könnte, geht Václav Havel von einem selbstverständlichen Antrieb aus:


»weil das alle tun, weil es so sein muß. Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen; man könnte ihm Vorwürfe machen, daß er keine «Dekoration» hat; irgend jemand könnte ihn sogar der Illoyalität bezichtigen. Er hat es deshalb getan, weil es «dazu gehört», wenn man im Leben durchkommen will; weil das eine von Tausenden «Kleinigkeiten» ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben «im Einklang mit der Gesellschaft» sichern.«

Aber auch wenn der semantische Inhalt dem Gemüsehändler gleichgültig sein sollte, bedeutete seine Handlung nicht, dass sie kein Motiv und keinen Sinn habe. Sie enthält eine ganz bestimmte Mitteilung, sie ist ein Zeichen. Ich zitiere nun etwas ausführlicher, weil es um die innere Verfassung eines Menschen geht und das Thema des „inneren Ortes“ berührt ist:


»Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlaß, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben. Diese Mitteilung hat selbstverständlich ihren Adressaten: Sie ist «nach oben» gerichtet, an die Vorgesetzten des Gemüsehändlers, und ist zugleich ein Schild, hinter dem sich der Gemüsehändler vor eventuellen Denunzianten versteckt.«

Auszug aus Versuch, in der Wahrheit zu leben, Václav Havel, Kap. 3

Die Bedeutungsklärung wird verstärkt und vereinfacht, wenn man ein paar Zeilen weiter liest:


»Beachten wir: Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole «Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam» in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. Obwohl eben dieser Inhalt sich mit der verborgenen Bedeutung des Spruchbandes im Schaufenster diesmal absolut deckt. Der Gemüsehändler würde sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über seine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen, es wäre ihm peinlich, er würde sich schämen. Selbstverständlich – er ist doch ein Mensch und hat folglich ein Gefühl für menschliche Würde.« (a.a.O.)

Ich muss gestehen, ich kam nicht umhin, an die Loyalitätsbekundungen hiesiger Zeitgenossen zu denken, wie sie die Aufforderungen zum Maskentragen, zur vermeintlichen Rationalität der Maßnahmen, der Impfungen etc befolgten. Wie an den Geschäften die Aufforderung und der Zwang zum Maskentragen präsentiert wurden. Wie auch ich mitmachte.
Es war zu spüren, wie in der Konformität das Versprechen lag und aufgesogen wurde, man könne „dazu“ gehören und den Ausschluss vermeiden. Die Kunst, das Gewissen zu betrügen.


»Es ist ein Schleier, mit dem der Mensch seinen «Existenzverfall», seine Verflachung und seine Anpassung an die gegebene Lage verschleiern kann. Es ist ein Alibi, das für alle verwendbar ist – von dem Gemüsehändler, der seine Furcht, seine Stellung zu verlieren, durch sein angebliches Interesse um die Vereinigung der Proletarier aller Länder maskiert, bis zum höchsten Funktionär, der sein Interesse, sich an der Macht zu halten, in Worte von seinem Dienst an der Arbeiterklasse kleiden kann.« (a.a.O.)

Václav Havel bezeichnet das politische System der CSSR als posttotalitäres System, gemacht aus Heuchelei und Lüge, Verkehrungen von Begrifflichkeiten, wie sie in der westlichen Debatte der 2020 er Jahre häufiger als Orwell’sches Denken und Sprechen beschrieben wurde:


»die Ausbreitung des imperialen Einflusses wird für Unterstützung der Unterdrückten ausgegeben; Unfreiheit des Wortes für die höchste Form der Freiheit; …«
(a.a.O., Kap. 4)

„Der Mensch muß nicht an alle diese Mystifikationen glauben. Er muß sich aber so benehmen, als ob er an sie glaubt, muß sie zumindest schweigend tolerieren oder sich wenigstens gut mit denen stellen, die mit den Mystifikationen operieren. Schon deshalb muß er aber in Lüge leben.“
(a.a.O. Kap. 4)

Václav Havel zeichnet die Folgen dieser Scharaden noch detailliert aus.
Erzeugt werde ein Panorama, vielleicht zu verstehen als Zeichnung einer Wirklichkeit, die aus Illusion gebaut ist. Die unterschiedlichen Akteure, die ihre Zustimmungen bekunden, passen sich den Verhältnissen an – gerade dadurch aber konstituieren sie diese Verhältnisse. Jeder Mensch ist in die Machtstruktur einbezogen, was sie so stabil macht. Das beschrieben schon Harald Welzer und Detlev Peukert, als sie sich mit der Frage befassten, wie es möglich war, dass der Nationalsozialismus Realität werden und Stabilität bewahren konnte. (Peukert, Detlev: Rassismus als Bildungs- und Sozialpolitik, in: Beiträge zur XXIII. Wissenschaftlichen Jahrestagung »Was heißt Aufarbeiten nationalsozialistischer Vergangenheit?« Vom 27. bis 28. Oktober 1988 in Frankfurt. Welzer, Harald: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Fischer e-book, 2007; zitiert in: Jürgen Mietz: Die Beugsamen, Überlegungen zum Charakter ethischer Leitlinien in der Gegenwartspsychologie, 2022)


Kann es zum Widerstand kommen?


Bestehen Menschen darauf, in der Wahrheit zu leben, kommt es zu harten Auseinandersetzungen.


»Da das «Leben in Lüge» die Grundstütze des Systems ist, ist es kein Wunder, daß das «Leben in Wahrheit» eine Grundbedrohung für das System bedeutet. Deshalb muß es härter verfolgt werden als alles andere.«
(a.a.O., Kap. 7)

Wie vollzieht sich das Leben in der Wahrheit? Offensichtlich ist es nicht notwendig, in großer Geste heldenhaft die eigene Existenz und das eigene Leben zu riskieren. Eher scheint es um den Versuch zu gehen, auch im Kleinen in der Wahrheit zu leben – und dafür empfänglich zu werden, dass andere es auch auf ihre Weise tun:


»Es kann alles mögliche sein, womit sich ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen gegen ihre Manipulierung auflehnt: Von einem Brief der Intellektuellen bis zu einem Arbeiterstreik, von einem Rockkonzert bis zu einer Studentendemonstration, von der Ablehnung, sich an der Wahlposse zu beteiligen, über einen offenen Auftritt bei irgendeinem offiziellen Kongreß bis zu einem Hungerstreik. Wenn das posttotalitäre System die Intentionen des Lebens komplex unterdrückt, und es basiert ja auf der komplexen Manipulierung aller Lebenserscheinungen, dann wird es auch gleichzeitig durch jede freie Lebenserscheinung indirekt politisch bedroht. Auch durch eine solche Erscheinung, der in anderen gesellschaftlichen Verhältnissen niemand irgendeine potentielle, geschweige denn explosive, politische Bedeutung beimessen würde.«
(a.a.O., Kap. 8)

Das Leben in der Lüge und der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben wirken auf Dauer krisenverschärfend. Die Beziehungen zum eigenen Selbst, zum Mitmenschen, zu den Institutionen und gesellschaftlichen Kräften, stehen auf unsicherem Boden. Kontakte werden weniger verlässlich. Für Herrscher und Beherrschte wird der Umgang miteinander zu einem Vabanque-Spiel. Andererseits kommt es darauf an, neue Zeichen und Zeichensysteme zu entwickeln und für sie sensibel zu werden.


Neue Zeichen

Vielleicht sind in der Gegenwartsgesellschaft ähnliche Bewegungen möglich und nötig, wie sie Václav Havel für sein Land beschrieb. Die unterschiedlichen, nebeneinander existierenden, mehr oder weniger formellen Gruppen erkannten, dass sie das gemeinsame Motto verband, in der Wahrheit leben zu wollen.


»Viele Gruppen und Strömungen, die bisher isoliert und zurückhaltend waren oder sich so unterschiedlich engagierten, daß sie schwer zusammenarbeiten konnten, haben plötzlich stark und gemeinsam empfunden, daß die Freiheit unteilbar ist: Sie begriffen alle, daß der Angriff gegen den tschechischen Musik-Underground ein Angriff gegen das elementare und allerwichtigste ist, gegen das, was sie eigentlich alle verband: Gegen das «Leben in Wahrheit», gegen die wirklichen Intentionen des Lebens. Die Freiheit der Rockmusik wurde als Freiheit des Menschen begriffen, also auch als Freiheit der philosophischen und politischen Reflexion, als Freiheit der Literatur, als Freiheit, die unterschiedlichsten sozialen und politischen Belange der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen und zu verteidigen.“
(a.a.O., Kap. 10)

Anmerkungen


Was Václav Havel 1979 schrieb, spielte sich auch im Kontext der West-Ost-Auseinandersetzung, der Auseinandersetzungen zwischen unfreiem, kommunistischem und freiem, demokratischen Westen ab. (Hier in der Terminologie des Westens ausgedrückt.) Ob Havel tatsächlich den Westen als vorbildlich ansah, bezweifle ich. So lesen wir in Kapitel 20:


»Wirklich: Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen parlamentarischen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der «Eigenbewegung» der technischen Zivilisation, der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könnte. Auch sie befinden sich in ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. Nur ist die Art, wie sie den Menschen manipulieren, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären Systems. …
… Aber dieser ganze statische Komplex der erstarrten, konzeptionslosen und politisch nur noch zweckbedingt handelnden politischen Massenparteien, die von professionellen Apparaten beherrscht werden und den Bürger von jeglicher konkreter und persönlicher Verantwortung entbinden, diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze Informationsflut – all dies, schon so oft analysiert und beschrieben, kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der Mensch wieder zu sich selbst findet.«

Havel bezeichnet die politischen Systeme der CSSR und der sog. Ostblock-Staaten als posttotalitär. Er begründet und relativiert das folgendermaßen:


»Durch das Wörtchen «post» will ich jedoch nicht sagen, daß es sich um ein System handle, daß nicht mehr totalitär ist, ich will nur sagen, daß es auf eine grundsätzlich andere Art totalitär ist als die «klassischen» Diktaturen, mit denen wir üblicherweise den Begriff der Totalität verbinden.« (Kap. 2)

Was in aktuellen Debatten um den Zustand der westlichen Gesellschaften als postdemokratisch und Hinwendung zu autokratischen Modellen beschrieben wird, scheint mir mit dem Havel’schen Begriff des Posttotalitären verwandt.


Die westliche, antikommunistische Rezeption und Verwertung der Havel’schen Überlegungen ist irreführend und mag von den Schattenseiten des westlichen, kapitalistischen Modells abgelenkt haben, wie auch die Eingebundenheit in den Ost-West-Konflikt Anhänger eines sozialistischen Wegs davon abgehalten haben mag, die Defizite des sozialistischen Modells in den Fokus zu nehmen. Zumindest zeigt sich nun, da der „sozialistische“ Kontrahent verschwunden ist, wie sehr die Havel’schen Überlegungen auch für das westliche Modell aufklärend sein können, wenn man will.

Wer mit einer Kritik an meinen Überlegungen schnell fertig werden will, könnte sie als Relativierung von Unrechtsregimen und als Relativierung des Leidens von Menschen in „kommunistischen“ Ländern lesen. Er könnte auf die Idee kommen zu sagen, dass man das eine nicht mit dem anderen (die Krise des aktuellen Westens mit der damaligen des Ostens) vergleichen dürfe. Doch, darf man, denn: Vergleichen ist nicht Gleichsetzen. Und Havel war klüger: Er schrieb seinen Essay nicht in einem Kontext des Entweder-oder, West gegen Ost. Er wusste, dass auch im Westen etwas nicht stimmt. Danke, Václav Havel.

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