Schulpflicht und Persönlichkeitsrechte im Konflikt

Die Schulpflicht in Deutschland gehört zu den Paradoxien, in denen wir uns wohl alle zurechtfinden mussten, mal mit mehr Erfolg, mal mit weniger. Auch ansonsten eher kritisch eingestelle Zeitgenoss’inn’en reagieren auf Zweifel mit einer Verteidigung des Zwangs. Der Schulbesuch auch unter der Bedingung des Zwangs biete die Chance, benachteiligenden Lebensbedinungen oder desinteressierten oder überforderten Eltern zu entkommen. Ob allerdings eine andere Art der Fremdbestimmung und Unterwerfung dem Ziel der Persönlichkeitsbildung gerecht wird, darf bezweifelt werden. Die Zweifel werden in diesem Artikel dargestellt.

In fast jedem Schulcurriculum deutscher Bundesländer heißt es, Schüler/innen sollen „Freude am Lernen“ und ein Interesse am eigenen Lernfortschritt entwickeln. Doch wie soll Freude und Interesse da sein, wenn Lernen Pflicht ist? Die „Lernzuwächse“ sind nicht freiwillig erworben, werden dazu permanent und ungefragt bewertet — „das ist, als würde man ohne sein Einverständnis zu einem Wettbewerb angemeldet und dann auch noch für sein schlechtes Abschneiden kritisiert“.

Die neue alte Ständegesellschaft: Sozialer Status erblich

Schon lange bekannt. Aber immer wieder nötig, sich daran zu erinnern: Um die Aufstiegsmöglichkeiten im deutschen Bildungssystem ist es schlecht bestellt. Anders formuliert: Das Bildungssystem hat eine zentrale Funktion für Machterhalt und für den Ausschluss von Macht. Davon ist auf den Websites der Schulministerien nicht die Rede. Sie kommen in feinster PR-Rede daher, als fehle nur noch ein kleines Quäntchen zum Bildungsglück. Projekte und Wettbewerbe halten Lehrer, Kinder und Eltern bei Laune, absorbieren die Energie von Menschen, die durchaus wissen, dass es Probleme gibt. Diese Energie fehlt für die politische und rechtliche Absicherung  von Chancengleichheit.

Dazu ein Kommentar auf Deuschlandfunkkultur

Für Interessierte hier noch einmal ein Hinweis auf Arbeiterkind.de

Pharmazeutisch-technische Zurichtung/Normalsierung von Heimkindern

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, kam 2015 durch eine Doktorarbeit heraus, dass zwischen 1950 und 1975 zahlreiche Kinder, die sich in Obhut des Jugendamts oder der Landschaftsverbände befanden, in großem Maßstab gräßlichen medizinischen und pharmazeutischen Experimenten ausgesetzt waren. Deutschlandfunkkultur widmete dem Geschehen ein Feature.

Digitalkritik

Es ist schon verdächtig

mit welcher Vehemenz diese Partner (Bundesregierung, die meisten Parteien, Konzerne) nun die Erlösung von allen pädagogischen Übeln durch die Digitalisierung anpreisen. Wie ja auch die Globalisierung Wohlstand für alle bringen sollte. Das sollte uns misstrauisch machen.

Zu dem Thema erschien ein Artikel in der Süddeutschen. Lesenswert, weil er doch am Titel dieser Website anknüpft.

Bei der Gelegenheit gleich noch ein weiterer Lesehinweis, der zum Thema passt und schon ein paar Tage älter ist.

Wissenschaft als Geschäftsmodell

fördert Korrumpierbarkeit

Die um sich greifende Ökonomisierung des wissenschaftlichen Betriebs – Veröffentlichungen überwiegend in Englisch, Kleinstveröffentlichungen mit methodisch fragwürdigen Untersuchungen, Hebung der Zitierraten – korrumpieren Wissenschaft. Bullshit-Wissenschaft, die die Gesellschaft, die sie immerhin noch überwiegend finanziert, „vergisst“ und ihr immer weniger zurückgibt.

Das Thema spielte auf diesen Seiten schon mal eine Rolle:

Forschung – ein eigenes Universum

Folgt man den Texten und Links fühlt man sich schon in die Strukturen einer eigentümlichen Forschungswelt eingebettet. Die Ausdrucksweise ist menschlicher Betroffenheit und Empathie entkleidet, sie ist sauber und labormäßig gefasst. Einiges wird uns auf Englisch präsentiert, mit fetzigen oder spielerischen Abkürzungen, die dem Außenstehenden nichts sagen und ihn womöglich abstoßen. Verständigt sich hier eine Elite unter sich? IDeA-Zentrum, LEAD Graduate School & Research Network- wow. Und die Sektion Schulpsychologie ist dabei. Auf jeden Fall Exzellenz.

 

Aus dem Leben eines Berufsverbandes

Psycholog’inn’en sind anfällig für die Verführung der Macht

So viel vorweg: Der hier verlinkte Artikel bezieht sich auf die amerikanische APA, für deutsche und internationale psychologische Berufsverbände wohl eine orientierende Größe. Sie war allerdings vor einigen Jahren in Verruf geraten, weil sie sich an Folterprogrammen beteiligt bzw. darin verwickelt war. Dieses Thema wird in dem Aufsatz noch einmal aufgenommen.

Interessant ist der Aufsatz aber noch aus anderen Gründen. Er beschreibt die Verstrickung eines Berufsverbandes mit den politisch Mächtigen. Demgegenüber missachtet er die eigene Fachlichkeit und ethische Grundsätze. So geht die Unabhängigkeit der Beratung verloren. Diese Frage taucht für den hiesigen Praktiker und die hiesige Praktikerin auf, (wenn er/sie es noch bemerkt) wenn er/sie dafür für Organisationen und Behörden für die Umsetzung einer bestimmten Politik eingesetzt sind.

Anschmiegung kann Karriere fördern und vielleicht sogar Stellen. Zu welchem Preis?

Herkunft und Status der Eltern definieren Chancen

Alle Jahre wieder

Wie verkümmert muss das Verantwortungsgefühl von Politikern und sonstigen Verantwortlichen sein (einschließlich der im Schulsystem Beschäftigten, denen die Kinder doch anvertraut sind), wenn sich diese Meldungen Jahr für Jahr wiederholen?

Herkunft und Status der Eltern definieren Chancen (zum Nachhören)

Auf derselben Seite finden sich weitere Links zum Thema.

Auf den Nachdenkseiten findet sich darüber hinaus ein Zitat aus einem OECD-Papier, das ein Licht auf die OECD wirft.

„Um das Haushaltsdefizit zu reduzieren, sind sehr substanzielle Einschnitte im Bereich der öffentlichen Investitionen oder die Kürzung der Mittel für laufende Kosten ohne jedes politische Risiko. Wenn Mittel für laufende Kosten gekürzt werden, dann sollte die Quantität der Dienstleistung nicht reduziert werden, auch wenn die Qualität darunter leidet. Beispielsweise lassen sich Haushaltsmittel für Schulen und Universitäten kürzen, aber es wäre gefährlich, die Zahl der Studierenden zu beschränken. Familien reagieren gewaltsam, wenn ihren Kindern der Zugang verweigert wird, aber nicht auf eine allmähliche Absenkung der Qualität der dargebotenen Bildung, und so kann die Schule immer mehr dazu übergehen, für bestimmte Zwecke von den Familien Eigenbeiträge zu verlangen, oder bestimmte Tätigkeiten ganz einstellen. Dabei sollte nur nach und nach so vorgegangen werden, z.B. in einer Schule, aber nicht in der benachbarten Einrichtung, um jede allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung zu vermeiden.“

Hat also auch die OECD selbst nicht mit dazu beigetragen, dass das deutsche Schulsystem – höflich formuliert – bestenfalls suboptimal funktioniert?

So etwas dürften die meisten nicht von der OECD erwartet werden.

Zurück in die Zukunft?

Wir kratzen an der Oberfläche, wir reden und schreiben uns die Finger wund, nichts wird besser

Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir das, was uns bewegt und schiebt nicht oder nur ungenau verstehen. Der Artikel von Cornelia Koppetsch im Merkur könnte helfen zu erfassen, was gerade geschieht.

Der Artikel ist frei zugänglich. Man sollte sich mit weiteren Beiträgen im Merkur beschäftigen.

Korrekturen an Artikeln

Der erste Teil des Büchleins „Zwischen Unabhängigkeit und Ordnungsfunktion“ enthielt zahlreiche Schreibfehler und Formulierungsschwächen. Ich habe ihn nun überarbeitet und damit – hoffentlich – lesbarer gemacht.