Respekt vor Persönlichkeit oder Klassifizierung?

Unzulänglichkeiten der Typisierungskataloge von ICD und DSM

Das hier zur Debatte stehende Thema ist wahrhaftig nicht nur eines der Psychiatrie, sondern auch der Psychologie und psychologisch fundierter Beratung. Psychologie in Schule und Gesundheitswesen und anderen Einrichtungen steht unter dem Druck, sich für die geforderten Anpassungsaufgaben als nützlich zu erweisen. Sie gibt dafür in Ausbildung und Praxis der Illusion nach, menschliches Verhalten ließe sich vermessen. Sie gibt der Illusion nach (und sie verstärkt sie), typ- und symptomgerecht − also industrialisiert und kostengünstig  − die geforderte Leistung erbringen zu können. Zum Schaden der Empfänger von Hilfe, der Professionellen selbst und der beteiligten Professionen.

Der Psychiater Norbert Andersch schreibt hier in einem Artikel der jungen welt, welche Probleme aus der reduktionistischen ICD, DSM,Evidenzbasierungs-Logik entstehen. Und er macht Vorschläge, welche Richtung Psychiatrie und Psychologie einschlagen könnten, damit die Dinge besser werden. Wer sich weiter damit befassen möchte, findet wohl hier weiteren Aufschluss.

 

Nur wenige junge Psychiater, Neurologen und Psychologen haben noch Zeit und Lust, die Vereinnahmung in einen industrialisierten Medizinbetrieb zu hinterfragen. Aufgewachsen in der scheinbar verifizierbaren Welt evidenzbasierter Psychiatrie, und widerstandslos adaptiert an das »Processing« ihrer Patienten durch standardisierte Behandlungsschritte toleriert die große Mehrheit die Schubladendiagnosen der Klassifikationssysteme und deren philosophische Grundierung durch eine phänomenologische Psychopathologie, vermittelt diese doch zumindest auf dem Papier den Eindruck, der einzelne Patient werde gehört und seine Individualität bestimme den Gang der Therapie – auch wenn jeder Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen weiß, dass das pure Fiktion ist.

Hilfreich für das wirkliche Verständnis der komplizierten Kommunikationsstörungen, die psychischen Erkrankungen zugrundeliegen, wäre ein tätigkeits- und gestaltorientiertes Modell, das als interaktive, muster- und symbolbasierte Matrix menschlicher Bewusstheit verstanden werden sollte.

 

Die Homogenisierung der Welt

Was ist gesund und reif – und wer?

Die fünfte Version des DSM – Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – steht vor ihrer Veröffentlichung. Götz Eisenberg setzt sich kritisch mit dem DSM auseinander, welches nicht nur in der Psychiatrie  Wirkung entfaltet. Vielfach orientieren sich auch Psychologen und andere Beratungsberufe an diesem Konzept. Durchaus zu unrecht und jedenfalls mit problematischen Folgen. Hier ein kurzer Auszug aus seinem Kommentar:

Unter der befriedeten Oberfläche unseres Alltagslebens vollzieht sich ein permanenter Krieg, der umso beschwerlicher ist, als er sich nicht genau bestimmen lässt. In Form von Nervosität, Ärger und Gereiztheit werden wir vom Alltag pausenlos mobilisiert, aber für eine unsichtbare Schlacht und gegen einen Feind, der sich schwer ausmachen lässt. Herrschaft tarnt sich als Technik, Ausbeutung und Unterdrückung verstecken sich hinter Marktgesetzen und Sachzwängen. Wir haben es nicht mit einem einzelnen Gegner zu tun, sondern mit tausend undeutlichen Widrigkeiten, auf die unser Körper ganz von allein reagiert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Unser Leben ist zugleich unruhig und monoton, wir sind erschöpft und gleichzeitig stößt uns nichts zu. Der Stress ist ein sprachloser Schmerz, der keine Geschichten macht und keine Ideen schenkt. Depressiv wird, hat Sloterdijk einmal gesagt, „wer Gewichte trägt, ohne zu wissen wozu.“