Notorische Matheschwächen in Hamburg

Gute Note auf Verordnung

Die Schüler sollen nicht unter den Folgen kurzatmiger Politik leiden

Hätte Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg, diesen Verwaltungsakt nicht vollzogen, hätte er vermutlich mit Klagen rechnen müssen; denn die Ergebnisse der Klausur gehen mit fünf Prozent in die Mathenote des Abiturs ein. Damit hält er sich vielleicht einen juristischen und medialen Shitstorm vom Hals. Man kommt jetzt darauf, dass man nicht weiß, ob die Aufgaben zu schwer gewesen sein könnten oder ob die Schüler zu schlecht vorbereitet wurden. Eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Bundesländern fehlt. Eine sehr mangelhafte Versuchsanordnung. Gehören Statistik und Versuchsanordnung nicht zur Methodik bei der Planung eines Großversuchs?

Die verwaltungsmäßige Heraufsetzung der Note bietet natürlich Anlass zu jeder Menge Häme. Im NDR-Fernsehen tauchte die Frage der Bilanzfälschung auf, aber nur rhetorisch und um dem Senator die Gelegenheit zu geben, einer solchen Schlussfolgerung zu widersprechen.

Eine andere Frage könnte sein, ob das Zentralabitur überhaupt eine gute Idee ist. Wir hören viel von der Vergleichbarkeit der Noten, also werden die Schüler alle auf ein und dasselbe Ziel trainiert. Zur Erinnerung: Wie war das noch mit der Vielfalt und dem Furor gegen die – selbstverständlich – sozialistische Einheitsschule? Was wissen wir darüber, was die Schülerinnen wirklich können, was sagen 0,7 Punkte Differenz zur letzten Leistung aus? Wir hörten in den letzten Jahren von den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler – Stichwort soziale Herkunft -: wie verhält sich das zur Vereinheitlichung des Abiturs? 

Lernen für den Test

Rankings helfen, nicht mehr nach den Inhalten schauen zu müssen. Vielmehr wird verglichen und angetrieben, 0,3 Punkte Steigerung oder Abstieg. Hier noch eine technische Maßnahme, dort noch eine Stunde draufgesattelt. Man kann besichtigen, was aus dem Lernen wird: Pauken und Trainieren, Lernen für den Test. Mit Verstehen und Verantwortung für das Wozu hat das nicht viel zu tun. Jetzt werden von der Behörde und vom Abendblatt („Dabei stehen die Lehrer in der Verantwortung, ihren Schülern die bestmöglich Hilfe anzubieten“) die Lehrer und Lehrerinnen in die Pflicht genommen – wohlfeil.

Niemand ist perfekt, doch der Hamburger ist nah dran

Tatsächlich werden die Lehrer/innen in die Pflicht genommen. Sie müssen – vermutlich ohne zusätzliches Personal – die aufgelegten aufgelegten Förderprogramme umsetzen. Was müssen die Schulen weglassen, um die Forderungen erfüllen zu können? Dass damit wieder einmal von oben verordnet und nicht gemeinsam entwickelt wird, bleibt der GEW überlassen zu sagen.  Wir kehren zur Obrigkeitsschule im modernen Gewand zurück, dekoriert mit der Rede der selbstverantworteten Schule. Eine Probeklausur mag eine gute Idee sein. Aber im Übereifer, super und Erster sein zu wollen, ist Senator Rabe wie immer gestartet und hat sie schlecht vorbereitet. Nun stellt er sich als entschlossen, handlungsfähig und als Retter dar. Die Hamburger Medien werden sich kaum mit den Hintergründen der Angelegenheit der Sache befassen.

Möglicherweise ist der Matheschwäche nicht mit Förderprogrammen beizukommen. Sie scheint verbreitet zu sein. Sie ist bekannt, aber gegen sie ist kein Kraut gewachsen. Die Elbphilharmonie (Eröffnung heute) sollte knapp 80 Millionen kosten. Schließlich wurden es 800 Millionen. Von der HSH Nordbank hört man nicht mehr so viel, wird von den Medien so gar nicht erörtert. Und doch sind die Hamburger und Schleswig-Holsteiner bald dran. 10 Milliarden

 

Was lernen und was vermeiden Kinder in unseren Schulen?

Über fehlgeschlagene Individualisierung, Lerndiktate, RTI …

In einem Interview der Nachdenkseiten schaut Magda von Garrel mit „anderem“ Blick auf das Schulsystem. Konkurrenz, Anpassung und Vermeidung enfernen die Kinder von Persönlichkeitsentwicklung und Fähigkeit zur Autonomie.

Über das schwierige Verhältnis von Messen und Denken

Der hier empfohlene Artikel – ebenfalls  von der Gesellschaft für Bildung und Wissen geliefert – geht auf den vorangegangenen Artikel ein und setzt sich darüber hinaus mit der Zweifelhaftigkeit von Bildungsprognosen auseinander. Er hat den Titel: Wenn das Messen das Denken ersetzt.

Die in diesem und im vorangehenden Beitrag konstatierte Denkschwäche ist eine Schwäche mit Folgen. Die glatt polierte Oberfläche einer angeblichen Wissenschaftlichkeit ist eine schiefe Ebene, die die Akteure und Absolventen eines solchen Bildungssystems gefügig und ohnmächtig macht, sie ihrer Individualität und Verantwortungsfähigkeit beraubt. Wenngleich wir in ein solches System hineinsozialisert werden (sollen), gibt es keine Automatismen. Kommerzialisierung und Standardisierung von Bildung und Lernen stoßen auf den Eigensinn der Subjekte. Unter anderem kann das zu Demotivation und Lernversagen führen. Wir sollten im Hinterkopf behalten, dass es in solchem Fall nicht nur die Individuen sind, mit denen etwas nicht stimmen könnte – es könnte auch mit der (falschen) Vorstellung im System darüber, wie Lernen geht, zusammenhängen. Wenn Wolfram Meyerhöfer schreibt:

Kompetenzmodelle sind in der Empirischen Bildungsforschung immer Kompetenzstufenmodelle. Das liegt daran, dass das Ziel dieser Disziplin nicht ist, das Lernen zu verstehen und zu verbessern. Man müsste sich dann mit Lernen und Vergessen beschäftigen, mit Interesse und Langweile, mit Nutzen und Nutzlosigkeit, mit der Motivation und der Demotivation durch Schulnoten. Die Empirische Bildungsforschung will das Gelernte vermessen.
könnte es an der Psychologie und Schulpsychologie sein, Beiträge dazu zu leisten, das Lernen zu verstehen und mit der Individualisierung des Lernens vom Subjektstandpunkt ernst zu machen.