Die Falle des »Nur-Gut-Meinens« – Urstoff für Lehrer, Psychologen, Sozialpädagogen?

Angekommen in der »Schönen, neuen Welt« von Aldous Huxley
In der Ausgabe 37 des »Freitag« (2014) fand sich ein Artikel, der sich mit den Fragen der Beeinflussung der Bürgerinnen und Bürger durch Regierungen befasst. Anlass war, dass das Kanzleramt eine Stellenanzeige ins Netz gestellt hatte. Es waren Posten für »wirksames Regieren« zu besetzen, um den »Nutzen für Bürgerinnen und Bürger (zu) erhöhen«. Die Autorin Katja Kullmann berichtet, dass staatliche Stellen auch international damit beschäftigt seien, mit Hilfe von Marketing- und Werbestrategien Bürger/innen zu Entscheidungen zu »schubsen« (nudging), die zu seinem Besten sein sollen.

Die Vorstellung der Politiker und Experten ist, dass das Differenzierungsvermögen des Bürgers in der unübersichtlichen Welt nicht ausreicht, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.
Bemerkenswert daran ist, wie ohne Debatte der so genannte »Libertäre Paternalismus« – man könnte auch sagen: die fürsorgliche Belagerung – zu einer Maxime staatlichen Handelns wird. Wir werden darin nicht als mündige Bürger gesehen, die urteilsfähig, die zu informieren sind, die sich informieren können und wollen. Nein, wir sind in diesem Entwurf unmündige Kinder, die der Führung bedürfen. „Sie sehen uns Bürger nicht als Leute, mit denen man reden oder streiten kann, sondern als Problemfälle, die überarbeitet werden müssen,“ zitiert sie den Journalisten Brendan O’Neill.


Es ist schon seit Längerem zu beobachten, dass Schule Bildung nicht mehr will – auch wenn sie ununterbrochen davon redet –, sondern funktionierende Lerner und Absolventen. Persönlichkeitsentwicklung, kritische Urteilsfähigkeit, Autonomie sind in der für den Arbeitsmarkt ökonomisierten Schule störend. Das wurde jüngst hier prägnant beschrieben. Es hätte doch der Kern der Bildung in einer Demokratie zu sein, Bürger in die Lage zu versetzen, sich ein Urteil zu bilden (!) und sie nicht als tendenziell unzurechnungsfähig wie ein Mündel in die Obhut autokratischer Steuerungsapparate zu nehmen.

Der sanften Steuerung soll unter anderem das Mittel der Beratung dienen, ein Begriff, mit dem man Harmlosigkeit assoziieren mag, aber auch Horizonterweiterung, Selbstbestimmung und ähnlich Angenehmes mehr. In wachsendem Maße wird der Begriff der Beratung jedoch da benutzt, wo tatsächlich belehrt und gesteuert wird oder gesteuert werden soll. Ein Beispiel ist hier nachzulesen

In der Hamburger Schulberatung können wir in diesen Wochen erleben, wie sich die Bedingungen für eine Beratung, die Klärung für Klienten (Lehrer, Schüler Eltern) will, radikal verschlechtern. Klärung heißt hier: Verstehen der subjektiven und individuellen Grundlagen, Erfassung dessen, was Ereignisse, Probleme für die Person(en) bedeuten. Wie kommen Interpretationen und Deutungen zustande und wie können sie weiterentwickelt werden, unter Stärkung der Verantwortung und Einsicht? Die Berater/innen werden de facto zu Agenturen der Schulaufsicht, wenn sie Aufgaben der Begutachtung, Zuschreibung, Kategorisierung zugewiesen bekommen.

Erkenntnis, Reflexion, Verstehen innerer und äußerer Dynamiken werden in diesem fürsorglichen und vorauswissenden (was gut ist und richtig) System schlicht hinfällig. Dialog und Verständigung zwischen gleichwertigen Menschen/Bürgern werden erschwert. Die Berater/innen werden zu Experten für Steuerung. Beratung wird so zunehmend auch im psychosozialen und pädagogischen Feld die Konnotation von Manipulation hervorrufen und zu einem Unwort werden.
Proteste gegen diesen Trend halten sich in Grenzen. Man könnte sich gar fragen, ob sich staatliches Regierungshandeln im Sinne des »Libertären Paternalismus« und ein unzureichend reflektiertes pädagogisches (auch psychologisches) Verständnis vom unerzogenen, ungebildeten Menschen nicht die Hand reichen. War es nicht schon immer schon „hilfreich“ und „nötig“, Kindern und auch Eltern einen „Schubs“ zu geben – selbstverständlich zu ihrem eigenen, wohlverstandenen Besten? Im Rahmen der »alten« Schule – ohne sie schönreden zu wollen –, bot sie unter Umständen bei allen Deformierungsgelegenheiten doch Räume (die vielleicht hingenommene, zufällige Nischen waren) für Widerstand, Rebellion, Auseinandersetzung, Ausweichen. Sie hielt damit ungeplant Orte der Persönlichkeitsentwicklung vor, die das Zusammenspiel von Lehrer und staatlicher Schule relativierten.
Im Zeitalter durchrationalisierter (Auflösung der Nischen) Anpassungsforderung, Modul- und Fristkompatibilität (keiner geht verloren, was ja nicht nur fürsorglich gemeint sein muss, sondern auch warnend: niemand hat sich zu entziehen und niemand entkommt) könnte sich nun, da Regierungshandeln »gut gemeintes« Schubsen einschließt und Marketing-Strategien ihren Platz in der demokratisch gewählten Regierung finden, der berufsbedingte Zug zu Beeinflussung und Wirksamkeit in eine erneuerte Legitimierung von Manipulation auswachsen. Dieses um so mehr und eher, als es keine Debatte über Werte (wie Autonomie, Verantwortung, Unabhängigkeit/Selbstbestimmung) gibt.

Beeinflussung gehört sicherlich zum pädagogischen Handeln. Sie wird jedoch zum Risiko, wenn ihr nicht Gelegenheit, Forderung und Bereitschaft zur Kritik und Selbstkritik gegenübergestellt ist. Im neuen Staatsverständnis könnten Regierung und Schule vorab wissen, was gut für uns ist und was wir wollen sollen.

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