Einige Anmerkungen zu einer schulpsychologischen Zeitschrift

Die Sektion Schulpsychologie im Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen gibt eine Zeitschrift »Praxis Schulpsychologie« heraus. Aufmachung und Inhalte lassen einen ins Grübeln kommen, wer da mit einem „spricht“ und wozu.

In einem Schwerpunktthema geht es um

Förderung des kritischen Umgangs mit Medien.

Geworben wird für ein Projekt, das widerstandsfähig gegen Propaganda machen will. Dass man es auch mit dem Bundeskriminalamt zu tun hat, erkennt man erst, wenn man auf den weiterführenden Link http://www.project-contra.org klickt. Verzichtet man darauf, bleibt der Eindruck, man habe es allein mit universitären Personen und Einrichtungen zu tun, die sich mit dem Thema befassen.

Nicht jede Zusammenarbeit von Psychologie/Pädagogik und Polizei ist zu verteufeln. Eine Erläuterung wünschte man sich jedoch schon — beide Akteure arbeiten in der Regel in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit unterschiedlichen Aufgaben und Methoden. Wer es ernst mit der Vertrauensbeziehung zu Jugendlichen meint, sollte sich davor schützen, in den Ruch einer Zusammenarbeit mit einer Ermittlungs- und Verfolgungsbehörde zu geraten.

Unbestritten ist, dass es sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche darin zu unterstützen, Websites und das eigene Surfverhalten kritisch zu beurteilen. Die skizzierten »Lernarrangements« können vermutlich Einiges dazu beitragen.

Zum Training der Förderung von Kritikfähigkeit gehört laut Kurzartikel unter anderem die Auseinandersetzung mit der Frage »Was ist eigentlich Propaganda?« Zur Antwort kann gehören: Abwertung anderer Gruppen, hasserfüllte Kommentare. Schon in der Einleitung des Artikels wurde zuvor Propaganda zwar in Verbindung mit Werbung und PR gesehen, aber auch davon unterschieden.

Was ist Propaganda?

Propaganda biete demnach eine »(angeblich) allgemeingültige Weltanschauung im Sinne einer totalitären Ideologie«. Damit wird der Propagandabegriff unnötig, vielleicht aber auch in bestimmter fragwürdig „nützlicher“ Weise eingeschränkt.

Diese Verkürzung ist nicht unproblematisch. Könnte doch die Empfänglichkeit für Propaganda (im Sinne der Autoren in »Schulpsychologie Praxis«) mit der per definitionem ausgeblendeten Werbung und PR zu tun haben.
Vielleicht nicht auf der Ebene durchdachter kritischer Analyse, sondern auf der Ebene eines Empfindens und der unbestimmten Empfänglichkeit könnten sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene von den allgegenwärtigen Einflussnahmen durchaus nicht ernstgenommen fühlen, zum Objekt von Manipulation gemacht sehen. Immerhin ist das das alltägliche Geschäft von Werbung und PR und auch von Politik.
Wir sollen auf der Basis unerfüllter Wünsche und Sehnsüchte, auf der Basis psychischer Dispositionen, wie sie in dieser Gesellschaft entstehen und sich hinter unserem Rücken vollziehen, zu etwas überredet werden. Wer sich diesen Zusammenhang nicht erschließen kann, folgt den Verführungen, ist aber auch nicht davor gefeit, dass sich das versprochenen Glück nicht einfindet, das ihm oder ihr durch die Nutzung eines bestimmten Produkts versprochen wurde. Die daraus entstehenden Frustrationen können auf unterschiedliche Weise verarbeitet werden. Eine kann darin bestehen, sich empfänglich zu zeigen für eine andere Form der Propaganda. Ihre Inhalte können auf dem Hintergrund der Vorerfahrung logisch erscheinen, rein und klar, ohne Manipulationsverdacht hervorzurufen. Wer also für Propaganda sensibilisieren und gegen sie Widerstandsfähigkeit schaffen will, sollte nicht frühere Einübungsformen und Hintergründe einer Anfälligkeit für Propaganda außer acht lassen.

Wer Werbung und PR, wie auch Politik von vorherein aus dem Definitionsfeld der Propaganda ausschließt, relativiert schon die Ernsthaftigkeit seines Kampfes gegen Propaganda. Und wenn von »allgemeine[r] Weltanschauung im Sinne einer totalitären Ideologie« als Kennzeichen von Propaganda die Rede ist, kann man sich durchaus fragen, ob nicht gerade unsere westlichen, freiheitlichen Werte Teil einer solchen Ideologie sind. Als Einstieg in das Verstehen „unsriger“ Propagandawirklichkeiten eigenen sich dieser und dieser Text.

»AttentionGO«

In Zweifel anderer Art kann einen ein Bericht stürzen, der überschrieben ist mit »AttentionGO«

»Das Forschungsprojekt AttentionGO untersucht die Zusammenhänge zwischen kurzfristigen Aufmerksamkeitsschwankungen und tagtäglichen Schwankungen im Verhalten, Erleben und Denken jedes einzelnen Kindes.«

Man würde gern verstehen, was sich die Forschenden davon versprechen. Vielleicht sind die zur Verfügung stehenden Zeilen zu gering, aber eine Hinführung zum Zweck des Projekts wäre schon schön. Welche »kurzfristige[ ] Aufmerksamkeitsschwankung könnte wie mit »tagtäglichen Schwankungen im Verhalten, Erleben und Denken jedes einzelnen Kindes« zusammenhängen? Eingriffe in die Selbstregulation sind nach Meinung der Autor’inn’en gerechtfertigt, »da die Selbstregulation sowohl mit akademischem als auch sozialem Erfolg zusammenhängt.« Deshalb »ist sie für die Entwicklung jedes Kindes sehr wichtig.«

Bei den Kindern werden diverse Daten abgefragt und zwar per Smartphone und per App. Nicht etwa in einem persönlichen Gespräch, was vermutlich als zu fehleranfällig, aufwändig und verzerrend angesehen würde.
Angeblich werden dabei »psychische Prozesse« im »natürlichen Setting« erfasst. Dann wird noch die Aufmerksamkeit mit einem Konzentrationsspiel erfasst. Besonderes Interesse gilt dem Zusammenhang von Schwankungen der Aufmerksamkeit mit Schwankungen der Stimmung — deshalb brauche man einen langen Messzeitraum. Hm. Warum?
Dann werden noch die Schwankungen der Aufmerksamkeitsleistung mit Schwankungen in Gehirnprozessen unter Zuhilfenahme eines EEG korreliert. Für die Neuropsychologie wird also auch noch etwas abgegriffen. Welche Annahmen und Erfahrungen stehen hinter der Forschung? Wenn dann die Daten dann vorliegen und ausgewertet sind, erfolgt ein persönliches Training.

Was wird zu welchem Zweck erforscht, mit welchen Hypothesen?

Per Link wird man zu appetizern/abstracts des Hogrefe-Verlags geleitet, um dann doch vor einer Bezahlschranke zum Stopp gezwungen zu sein. Frage: Haben die Forscher’innen nicht an öffentlich finanzierten Einrichtungen (Schule, Universität) geforscht und verschließen nun die Ergebnisse in den Tresoren eines Verlags? Vielleicht sind es auch nicht Forscher, sondern der Zwang der Verhältnisse? Vielleicht ließe sich darüber berichten?
Den Forschern scheint die Forschungsmethode besonders wichtig zu sein. Die Smartphone-Befragung (ambulantes Assessment) scheint besonders vielversprechendes Potenzial zu haben: man könne im Kontext eingebettete Lernprozesse aus einer intraindividuellen Perspektive heraus betrachten. Ist Methode ausbaufähig für andere (Aus-) Forschungen? Umwölkt bleibt auch die Aussage auf der Hogrefe-Seite:
»Die konkrete Umsetzung bleibt herausfordernd und verlangt eine Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis. Zukünftige Studien im Schulkontext sind für alle Beteiligten gewinnbringend.«

Es beschleicht einen das Gefühl, dass da mehr verborgen als gezeigt wird. Transparente Wissenschaft, die der Öffentlichkeit verpflichtet ist, könnte anders aussehen. Kommt es mehr auf die Methoden an als auf die Inhalte? Arbeitet man an Methoden der Befragung und Ausforschung. Sind die Kinder nützliche Datenlieferanten?

Forschung – ein eigenes Universum

Folgt man den Texten und Links fühlt man sich schon in die Strukturen einer eigentümlichen Forschungswelt eingebettet. Die Ausdrucksweise ist menschlicher Betroffenheit und Empathie entkleidet, sie ist sauber und labormäßig gefasst. Einiges wird uns auf Englisch präsentiert, mit fetzigen oder spielerischen Abkürzungen, die dem Außenstehenden nichts sagen und ihn womöglich abstoßen. Verständigt sich hier eine Elite unter sich? IDeA-Zentrum, LEAD Graduate School & Research Network- wow. Und die Sektion Schulpsychologie ist dabei. Auf jeden Fall Exzellenz.

Aufmerksamkeit – jenseits von Bindung, Vorerfahrung, Verhältnissen

Bevor es in Vergessenheit gerät. Bei »AttentionGo« habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, dass Lebenserfahrungen, Verluste, Kränkungen, Bindungen und ihre Brüche, Ängste und Bedrohungen mit der Aufmerksamkeitsleistung in Verbindung stehen könnten; dass Lehrer’innen in eigenen Konflikten (persönlich, beruflich) sich befinden könnten. Vermutlich wird das mit dem neuropsychologisch fundierten Training bedeutungslos und wegrainiert. Denkst. Wir werden die Folgen des Kältestroms zu spüren bekommen. Wir lernen: Selbstoptimierung ist alles, Gesellschaft und Bindung sind irrelevant. Der Mensch soll funktionieren und nicht über seine Verhältnisse nachdenken (nur über sich, aber nicht zu viel).
Siehe auch einen Beitrag über Emotionsregulation hier

 

Auch wenn die Zeitschrift »Schulpsychologie Praxis« einige interessante Hinweise zu geben vermag — Praxisbericht über Supervision für internationale Klassen, Informationen über schulpsychologische Kompetenzzentren — bleibt doch ein schaler Geschmack. Hat man es mit einem Organ unabhängiger Interessenvertretung eines Psycholog’inn’en-Verbandes zu tun, einer Plattform der Information und Reflexion? Eher nicht. Es scheint sich um eine Werbefläche zu handeln. Nützlichkeitsnachweise für Forschungsprojekte, deren Inhalte, Zwecke und Voraussetzungen im Dunkeln bleiben. Handelt es sich um den Versuch einer Verknüpfung angepasster, marktkonformer Forschung und schulpsychologischer Praxis? Einen zweifelhaften Versuch der Vermarktung in eigener schulpsychologischer Sache, um einen „zeitgemäßen“ Anschluss an Behörden und Universitäten zu bekommen?

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