Wie fehlender Gesellschaftsbezug die Inklusion beschädigt und sie ins Gegenteil verdreht

Anmerkungen zu einem Vortrag von Birgit Herz

»Eine öffentliche Debatte über „Armut und Inklusion“ in schulischen und außerschulischen Institutionen von Bildung und Erziehung ist derzeit eher eine Leerstelle, obwohl sich hier das ganze Dilemma einer verfehlten Bildungs- und Sozialpolitik offenbart,« heißt es in einem pointierendem Artikel der Professorin Birgit Herz. Inklusionsrhetorik statt Inklusion könnte man sagen. Sie zeigt, wie der Mainstream der deutschen Erziehungswissenschaft Inklusionskonzepte von Autoren des Auslands anpasst, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass die Konzepte in ihrer gesellschaftsbewussten Substanz verändert wurden. Explizit gesellschaftskritische Ansätze werden demnach für eine naive inklusionspädagogische Strategie gemodelt. Weiterlesen „Wie fehlender Gesellschaftsbezug die Inklusion beschädigt und sie ins Gegenteil verdreht“

Immer wieder und noch einmal

Auch wenn man nicht glauben sollte, dass Studien der OECD jenseits ökonomischer Interessen stehen – das gilt auch für die PISA-Studien – so zeigt doch die jüngste Studie dieser Organisation aus Industrieländern, wie weit sich Deutschland von europäischen Gerechtigkeitsvorstellungen entfernt hat. Die Bildungspolitik ist eine Säule sozialer Gerechtigkeit – und wieder einmal schneiden die Deutschen bedrückend schlecht ab.

In Deutschland werden die Ergebnisse der Studie von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht. Nanu, möchte man sagen. Hat dieses heimliche Schul- und Hochschulministerium der Republik die Seiten und den Tonfall gewechselt? Nicht doch. Die Ergebnisse sind krasser als die Formulierungen aus Gütersloh vermuten lassen. Tatsächlich handelt es sich um eine weichgespülte Wiedergabe der Befunde. Damit betreibt die Stiftung das Geschäft der neoliberalen Schulpolitik. Sie vernebelt die Fakten und die Ursachen der Misere.  Nachzulesen ist das hier.

Einbindungen der Schulpsychologie in Strukturen der Organisation dürfen ihre Potenziale nicht konterkarieren

Die Schulpsychologie hat die Aufgabe, die einzelnen Menschen, die in und für die Schule arbeiten, darin zu unterstützen, die sehr individuellen Entwicklungsressourcen zu erkennen und zu erweitern. Damit arbeitet sie an dem Ziel mit, eine neue Kultur des Lehrens und Lernens zu entwickeln. Diese muss die Persönlichkeit, ihre sehr spezifischen Ressourcen und Ziele in Rechnung stellen. Mit anderen Worten heißt das: Schule muss aus ihrer jahrhundertealten Tradition als bürokratischer Veranstaltung heraustreten. Wenn das gelingen soll, Weiterlesen „Einbindungen der Schulpsychologie in Strukturen der Organisation dürfen ihre Potenziale nicht konterkarieren“

Stiftungen – Die geheimen Bildungsmacher

»Allen Stiftern ist dabei gemein, dass sie ihr Geld nach eigenem Gusto einsetzen können, sei es für ein Sprachförderprogramm oder ein Beratungsangebot für Hochbegabte. Sie müssen sich keinen Wahlen stellen und keine Rechenschaft ablegen. Und genau da liegt das Problem, meint Wilfried Lohre. Er war lange Projektleiter bei der Bertelsmann-Stiftung und weiß: „Da wird gesagt, das Programm läuft, wir möchten es nun an die Kommune weitergeben. Doch die war an der Entstehung nicht beteiligt und interessiert sich vielleicht gar nicht dafür.“ Das Problem ist immerhin erkannt. Städte und Stifter besser zu vernetzen, ist nun Grundidee der gerade vom Bundesbildungsministerium geförderten Initiative „Lernen vor Ort“. Lohre ist ihr Geschäftsführer. Das Programm soll ein Bildungsmanagement unter der Beteiligung von Stiftungen und Gemeinden in Gang setzen. Lohre: „Die vielen bunten Blumen, die in einer Gemeinde blühen, sollen zu einem Strauß zusammengebunden werden.“«

Wilfried Lohre ging vor Jahren aus dem nordrhein-westfälischen Schulministerium zur Bertelsmann-Stiftung. Von dort aus versuchte er Schulaufsichten, Lehrern und Schulpsychologen den Segen der Bertelsmann-Stiftung nahe zu bringen. Viele Kolleginnen und Kollegen glaubten den wohl gesetzten Worten, so als könne eine Stiftung der Sparpolitik der Regierungen etwas entgegensetzen. Dass mit Hilfe der Bertelsmann-Stiftung die Schulen und Unterstützungssysteme wie das Landesinstitut heruntergeschrieben wurden, um sie später mit befristeten Ressourcen in neuer Form zu retten und sie dann sich selbst zu überlassen, wollten die meisten nicht sehen.

Nun scheint auch Wilfried Lohre  ein wenig ernüchtert. Was zerstückelt in der Schullandschaft herumliegt, nach Geschmack der einen oder anderen Stiftung aufgepäppelt wird oder liegengelassen bleibt, bis sie sich einem anderen Objekt der Bildungsbeflissenheit zuwendet, will er nun mit einer neuen Stiftung zusammenbringen. Um eine PR gerechte Sprache war er damals wie heute nicht verlegen. Wir wissen ja, wie es mit den blühenden Landschaften ging. Geheime Bildungsmacher (unten auf der Seite)

Etabliert und renitent – in Stuttgart

Wäre das nicht auch eine Strategie für eine andere Schulpolitik?

Es sind in Stuttgart die Etablierten, die renitent auf die Straße gehen. Sie haben Augenmaß und sie sind Zukunftsfreunde. Aber natürlich müssen sie sich von den umsichtigen Fortschrittsfreunden der Regierung und der Bahn und eines Teils der Medien (hier haben sich schon Stimmungen verschoben) als unmodern, rückwärtsgewandt und kleinkariert bezeichnen lassen. Wenn das etablierte Bürgertum seine Lebensgrundlagen gefährdet sieht – und das kann sehr subjektiv getönt sein – ist es zu überraschenden Aktionen in der Lage. Eine Region steht auf, könnte man sagen. Wie vor 24 Jahren das Ruhrgebiet, als drohte, dass es »geschlossen« wurde. Ist es nicht auf Dauer so, dass die ungelösten Bildungsfragen, das Abwehren von Reformen, die Gewährung von Bildungskrümeln, statt Bildungsteilhabe auf der Grundlage eines selbstverständlichen Menschenrechts unsere Zukunft bedrohen?

In Bezug auf Schule glauben viele Etablierte, mit Abschottung und Abgrenzung, die Zukunft und die eigene Zukunft retten zu können. Das ist jedoch mehr als zweifelhaft. Denn Spaltung der Gesellschaft frisst irgendwann auch die Grundlagen des Bürgertums an. Wie Kostenexplosionen, unberechenbares Grundwasser und großtechnologische Zukunftsvisionen. Vielleicht reift diese Einsicht noch. Stuttgart 21 zeigt, dass Bewegung möglich ist.

Hartz IV-Kinder: Bildungspaket, Bildungspäckchen, Bildungskrümel

Wie sehr das so genannte Bildungspaket die angeblichen Adressaten verfehlt, zeigt dieser Kommentar in verdi-publik. Befürchten muss  man, dass das, was als große Geste daherkommt die gegenteilige Wirkung von dem hat, die sie angeblich haben soll. Statt Ermunterung und Gleichstellung könnte bei nicht wenigen Ernüchterung, Wut oder Demütigung die Folge sein. Schwer vorstellbar, dass mit solchen Methoden, Absentismus, Lernschwierigkeiten, Separierung vorgebeugt werden kann.

Hier geht es zum KOmmentar: Böser geht es kaum noch

Offener Brief zur Inklusion von Brigitte Schumann an die EKD-Synode

Klare Worte

hat Brigitte Schuman in ihrem Offenen Brief gefunden. Unter anderem wird deutlich, dass Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen ist. Sie in das schulische Verwaltungshandeln und in den fachinternen Streit um Stunden und Ressourcen, also in den alltäglichen Kampf um Bildungskrümel zu übergeben, heißt, sie in ihrer menschlichen und gesellschaftlichen Bedeutung aufzugeben.

Offener Brief von Brigitte Schumann

1806 gab es eine radikale Bildungsreform

Nach der Niederlage gegen Napoleon war klar: Die Säulen des preußischen Staats standen auf wackeliger Grundlage. Zu viel Fassade, zu wenig Substanz.

„Das Bildungswesen ordnete Wilhelm von Humboldt neu: von den staatlichen Elementarschulen, für die jetzt Schulpflicht galt, bis zur Universität und den Forschungsakademien. Von diesem Bildungsweg sollte grundsätzlich niemand ausgeschlossen sein. Im krassen Gegensatz zur undurchlässigen preußischen Stände-Gesellschaft wollte Humboldt auch Gymnasium und Universität jedem öffnen, der die Fähigkeit mitbrachte, dort zu lernen und zu forschen.“

Aber bald schon wurde die Reform zurückgeschraubt. Zwar blieben zahlreiche Inhalte und Strukturen bestehen – jedoch nur für herrschenden Schichten.  Parallelen zur Gegenwart?

Hier das Manuskript zur Sendung des Deuschlandfunks Wilhelm von Humboldts Reform

Klaus Kinkel radikal für eine andere Bildung

„Es geht nicht nur um die Hauptschulen, sondern auch um bestimmte städtische Viertel, in denen sich die Probleme der Migration und des schwachen sozialen Hintergrunds oftmals konzentrieren. Die Hauptschulen sind nur ein Symbol dafür, was unser Schulsystem Kindern teilweise zumutet: Es konzentriert die Verlierer und schafft, verzeihen sie, Lumpensammlerschulen. Es entstehen sehr ungleiche Startchancen. Aber das muss uns alle angehen, weil wir diese Kinder und ihre Talente alle wertschätzen müssen – und weil sie für unsere Zukunft einfach brauchen!“

Wer sich da so empört ist unser ehemaliger Bundesaußenminister Kinkel, heute Vorstandsvorsitzender der Telekom-Stiftung und als solcher zu ganz neuen Einsichten fähig. Mochte er noch vor wenigen Wochen nicht ganz so radikal sein, weil er beim Volksentscheid in Hamburg oder bei den NRW-Wahlen hätte Farbe bekennen müssen – auch gegen seine Parteifreunde? Egal. Vielleicht erreicht seine Stimme elitäre, abwehrende bildungsfern Schichten. Nachzulesen im taz-interview Kinkels Sicht auf Bildung