Urteil gegen Aspekte der Bildungsprivatisierung

Kleine Risse in der Technokratisierung der Bildung?

Geistessterben nennt Pierangelo Maset die Ergebnisse der so genannten Bildungsreformen. Dass jahrlange Kritik an Privatisierung und marktkonformer Regulierung Früchte tragen könnte, hofft der Professor aus Lüneburg

Aber nach und nach sickerte durch, dass einige der Instrumente der schönen neuen Bildungswelt nicht nur viele unerwünschte Nebenwirkungen hatten, sondern darüber hinaus möglicherweise mit geltendem Recht nicht vereinbar sind.

Im konkreten Fall klagte eine private Fachhochschule, weil ihr von einer Akkreditierungsagentur im Verlauf eines entsprechenden Verfahrens die Akkreditierung von zwei Studiengängen versagt wurde. Die Hochschule strengte ein Normenkontrollverfahren an, das feststellen sollte, ob es mit dem Grundgesetz vereinbar ist, dass ein privates Unternehmen wie eine Akkreditierungsagentur hoheitsrechtliche Aufgaben übernimmt.

Menschenrechte, Würde, Anerkennung

Mitgefühl und Anerkennung

Geflohene Kinder und Jugendliche arbeiten unter besonders komplizierten Bedingungen und Erfahrungen an ihrer Zukunft, gemeinsam mit Lehrern und vielen anderen Berufsgruppen. Für manch „Alteingessene“ ist das eine harte Probe: Haben sie nicht auch Anerkennung und Aufmerksamkeit verdient? Das haben sie, ganz sicher. Die neue Lage muss nicht in eine Konkurrenz um das knappe Gut Anerkennung und Aufmerksamkeit münden. Sie kann dazu anregen, lauter und offener als in der Vergangenheit, die Frage nach dem Sinn von Bildung, Wissen und Erziehung für alle zu stellen.

Für die Professionellen kann sich die Frage nach dem Grund und Motiv ihres Berufs noch einmal stellen

Oft steht am Beginn der beruflichen Laufbahn die Ahnung und das Wissen, dass Anleitung, Wissensvermittlung, Unterstützung und gekonntes Loslassen für Kinder und Jugendliche lebenswichtig sind; dieser Aufgabe möchte man sich verschreiben. Der Anfangsimpuls ist in der Regel ein humanistischer. Durch Bürokratisierung, Industrialisierung des Lehrens und Lernens und durch Verknappung von Mitteln entfremden wir uns jedoch unserer Ausgangsmotive und Kinder entfremden sich von ihrem Wunsch zu lernen und ihr Können zu erproben.

Weil wir (auch) viel reden müssen, haben Fragen und die Suche nach Antworten nach dem Sinn von Bildung und Wissen eine neue Berechtigung. Beispiel: Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch der Begegnung. Nicht zuletzt werden hier Antworten auf die Frage gegeben: Was zählt der Mensch?

Humanistische Ansprüche

In Parlamenten und Schulausschüssen, so in NRW am 13.4, geht es in diesen Tagen um die Strukturen, Inhalte und Ressourcen der Schulpolitik unter den neuen Bedingungen. Aber auch in den „Vorflüchtlingszeiten“ war vieles nicht gut, so dass Gelegenheit ist, der Schulpolitik eine neuen, humanistischen Ton zu geben.

So sehr in Verfassungen und Leitlinien von Berufsverbänden ein humanistischer Anspruch formuliert ist, so sehr weht denjenigen, die damit ernst machen wollen, der Wind ins Gesicht (1). Darf man so (2) oder so (3) („Die EU gehe „sehenden Auges illegal vor“, urteilt Michalski über die Umsetzung des Abschiebepakts mit der Türkei, den maßgeblich die deutsche Regierung ausgehandelt hat“) mit Menschen umgehen? Welche Signale werden damit für die neu Angekommenen, für die, die schon länger hier sind, für die vielfältig Engagierten gesetzt? Die große Politik ist ein einziger Affront für eine Politik der Menschlichkeit, an der sich viele versuchen. Die Politik unterläuft und untergräbt die Werte, für die sie angeblich steht. Eine fortwährende kognitive, emotionale und gesellschaftliche Dissonanz.

(1) Klaus-Jürgen Bruder, (Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie) im Interview

(2) Stellungnahme von Pro Asyl

(3) Bericht German Foreign Policy

Kongressteilnehmer protestieren gegen Politik der Bundesregierung

Vom 3. bis 6. März 2016 fand in Berlin der Kongress „Migration und Rassismus“ der Neuen Gesellschaft für Psychologie statt. Die Teilnehmer meldeten sich mit zwei Protestnoten zu Wort

Die Kongressteilnehmer_innen sehen keine Anstrengungen der politisch Verantwortlichen, die Fluchtursachen tatsächlich zu beseitigen. Denn dies hieße für Nato und EU im Nahen Osten und Afrika, wirtschaftliche und politische Einflussnahme, kriegerische Interventionen und
Waffenlieferungen zu beenden.
.
 .

Die zweite Stellungnahme kritisiert das Asylpaket II:

Die Menschenwürde und das Recht auf Unversehrtheit von Leib und und Leben werden verletzt
.

Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hatte sich gegen den Gesetzentwurf des Asylpakets 2 ausgesprochen:

Klicke, um auf 151202_asylverfahren.pdf zuzugreifen

Leider etwas versteckt

findet sich in Report Psychologie ein kurzer Bericht über die haltlose Lage der Geflüchteten im Asylverfahren

Die politisch-gesellschaftliche Dimension von Beratung offenbart sich immer deutlicher

Nie war Beratung losgelöst von Gesellschaft und Politik

Jedoch gaben sich Berater/innen nicht selten Mühe, sich rein fachlich zu verstehen und die Befassung mit politischen Fragen als Ablenkung oder als Politisierei am falschen Ort und am falschen Objekt zu betrachten. Zu groß war vielleicht die Furcht, sich auf unsicheres und vermintes Terrain zu begeben, wenn man politisch dachte – und diskutierte. Das sollte doch eher Privatangelegenheit sein. Die Fachlichkeit schien eher die eigene Stabilität und den Frieden am Arbeitsplatz sichern zu können. Und lange schien diese Form der Selbstimmunisierung funktionieren zu können. 

Dabei drang die Wirklichkeit der Konkurrenz des »jeder gegen jeden«, eines deformierten Verständnisses von »Eigenverantwortung«, des vermeintlichen »Forderns und Förderns« etc. in die Beratungswelt ein. Die programm- und politikgewordene Konditionierung von Aufmerksamkeit und Zuwendung, das vorausgesetzte Misstrauen in die Entwicklungsbereitschaft von Menschen, die unterstellte Erziehungsbedürftigkeit und die Anmaßung von Politik und Institutionen das zu bestimmen, was (im Sinne der Marktförmigkeit) als angemessen zu gelten hat, hinterlässt breite Spuren in Beratungprozessen.

Was mit den Hartz IV-Gesetzen in der Begegnungsform zwischen Politik und Ausgegrenzten (und den davon potenziell Bedrohten) an Klima- und Gesellschaftsveränderung eintrat und seitdem sich verschärfte, lässt sich in einem Beitrag von Anke Schwarzer in den „Blättern“ mit dem Titel: »Integration im Sanktionsmodus« nachlesen. Er ist für 1 EUR online zu erwerben. Aus der Zusammenfassung:

Deutschland steckt in einer Versorgungskrise, die lange vor dem tausendfachen Zuzug von Flüchtlingen über die Balkanroute begonnen hat. Bund, Länder und Kommunen schaffen es derzeit nicht, allen Menschen im Land die wichtigsten Güter zu gewähren: Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, Bildung und Gesundheitsdiensten sowie die Gewährleistung von Sicherheit und politischer Teilhabe. Die Herausforderung für die Parteien ist also immens, und taugliche Antworten lägen im Interesse der Flüchtlinge wie der Mehrheitsgesellschaft. Jedoch schlagen deutsche Spitzenpolitiker zunehmend eine andere Richtung ein: Sie erklären die neu Angekommenen zu Integrationsverweigern.

Die Erschütterungen und Irritierbarkeiten stellen sich nicht allein bei den Klienten ein, sondern auch bei den Berater/innen. Nicht zuletzt wird es für den Standort von Beratung und für ihr Standing bedeutsam sein, wie sich Berater/innen ihrer Rolle in ihrem Aufgabenfeld vergewissern. Das fängt bei der Wortwahl an: Übernehmen wir das Wort von der »Flüchtlingskrise« oder sprechen wir von einer »Humanitäts- oder Mitmenschlichkeitskrise«? An welchen Leitbildern des Zusammenlebens wird gerade gemalt? Und wie verhält sich »Beratung« zu ihnen? Mit welchen Normen, Normalisierungsvorstellungen und Menschenbildern beteiligt sie sich an der Neuformierung des Gemeinwesens? Diese Themen sollen hier einen Platz finden können.

Dazu scheinen mir die Einwürfe des Bundesrichters Thomas Fischer geeignet.

Psychologische und sozialpsychologische Muster der „besorgten Bürger“

Kurz und knapp beschreibt Sascha Lobo auf Spiegel online zentrale Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmuster der „besorgten Bürger“. Sehr hilfreich für alle, die mit ihnen zu tun haben. Sein Text kann helfen, auch sie zu verstehen. Was nicht heißt, ihre Ansichten gutzuheißen. Die Überlegungen verweisen darauf, welche Mängel unsere politische und gesellschaftlich Praxis hat: Was sind die Voraussetzungen für Empathie?

Die neoliberale Domestizierung der Sozialen Arbeit

Ein Blick in die pädagogische Ethik des Neoliberalismus

In einem Interview stellt Matthias Heintz anschaulich und mit einem ausführlichen Beispiel dar, wie das, was Hilfe sein soll, in einen demütigenden und frustrierenden Kreislauf mündet. Hilfebedürftige werden hin-und hervermittelt, unter anderem, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gebe einen Sozialstaat, der fördert und deshalb auch fordern dürfe.

gut zu erkennen etwa in dem Dogma der Agenda 2010: Fördern und Fordern. Wobei sich das Fördern offenbar auf die Lernhilfe für nicht leistungswillige oder -fähige Menschen im Hinblick auf das Erlernen der funktionalen An- und Einpassung in das Regelwerk eines marktorientierten Systems bezieht. In der duldsamen und schweigenden Unterordnung finden wir die Maxime der pädagogischen Ethik des Neoliberalismus.

Die Profession sieht Matthias in einem miserablen Zustand

Insofern finden wir insgesamt jüngere Generationen vor, die sich, so sozialisiert, im Wesentlichem kaum mehr kritisch verhalten können oder aber kaum die Anstrengung kritischer Auseinandersetzung auf sich nehmen wollen bzw. können. Sie kennen häufig überhaupt nur noch die Bedingungen und entsprechende Deutungsmuster einer, wie Kanzlerin Merkel es so treffend bezeichnet hat „marktkonformen Demokratie“.

Dennoch und deswegen gibt es Widerstand

Hier geht es zum Artikel auf den Nachdenkseiten. Lesenswert. Bleibt noch die Frage: Wie steht es um Schule und Beratung für Schule?

Wem nutzt eigentlich der ganze Irrsinn?

Für einen „höheren“ Zweck werden volkswirtschaftliche Grundwahrheiten missachtet. Im Kern geht es um Plünderung

Den gemeinsamen Nenner dieser Interessen bildet das, was der britische Sozialwissenschaftler David Harvey einmal die „Ökonomie der Enteignung“ genannt hat: In der kriselnden Weltwirtschaft wird die Klassenmacht der ökonomischen Eliten – ihr Reichtum, ihre Privilegien, ihre politische Macht – nicht mehr in erster Linie durch den Kreislauf von Investition, Produktion, Verkauf, Profit und Reinvestition aufrecht erhalten, sondern durch Enteignung, durch Plünderung ganzer Volkswirtschaften.

Denn je erfolgreicher diese Einzelinteressen durchgesetzt werden, desto instabiler werden die Ökonomie und das politische System: Die Kaufkraft schwindet, wichtige Infrastrukturen zerfallen, Staaten werden in politische Wirren gestürzt, die Krise verstärkt sich, die Akteure werden noch rücksichtloser, um ihre Anteile an der Beute zu sichern, und so weiter.

Die postdemokratischen Souveräne in Brüssel und Berlin werden – wenn die Bürger sie nicht daran hindern – Europa ins wirtschaftliche Chaos und in die politische Spaltung treiben. Die neuen Nationalismen sind überall auf dem Vormarsch. Am Horizont zeichnet sich das düstere Bild eines wirtschaftlich implodierenden Europas ab, in dem alle Beteiligten gegeneinander kämpfen. Es wäre das Vermächtnis der großen Koalitionen in Brüssel und Berlin, von Angela Merkel und Sigmar Gabriel, Jean-Claude Juncker und Martin Schulz – und all den willigen oder fahrlässigen Helfershelfern auf konservativer und sozialdemokratischer Seite.

Hier kann man den vollständigen Artikel nachlesen

Die Lernziele der Institutionen und der Regierung

Prägnanter und fundierter als der gestrige Beitrag berichten heute die echten Nachdenkseiten mit einer Reihe von weiterführenden Links über die europäische Tragödie und Erosion:

Eine echte Alternative haben die Griechen also nicht. Was Europa hier betreibt, ist eine Erpressung, wie es sie noch nie gegeben hat. Ein ohnehin schon gedemütigtes Volk hinterfragt das neoliberale Dogma und wird dafür gnadenlos bestraft. Demokratie, Solidarität, friedliches Zusammenleben, Fortschritt, Wohlstand – all dies waren die Säulen, auf denen ein gemeinsames Europa ursprünglich errichtet wurde. Sämtliche dieser Säulen gelten im modernen Europa nichts mehr. Europa ist tot.

Hier geht es zum vollständigen Artikel von Jens Berger auf den Nachdenkseiten

Und hier ein ein kritischer Blick in die Qualitätsmedien

Und? Was wird nun aus Europa?

Abschied von der Demokratie – und ihren Bildungszielen

Ab und zu ist es notwendig, den mehr oder weniger fachlich begrenzten Blick zu heben. Wenn er sich dann auf das allgemeinpolitische Geschehen richtet, kommen Beunruhigung und Unglaube zum Vorschein. Genau genommen läuft es jedoch andersherum. Die Nachrichten lassen einen fragen: Welche Wirkung hat das politische Geschehen auf Bildung, Beratung, Lernen? Die Verfassungen und Schulgesetze legen uns nahe, Schule und Erziehung auf Humanität und Solidarität auszurichten, auf die Achtung der Menschenwürde. Und nicht zuletzt auf eine Demokratie, die der Humanität verpflichtet ist.
Und was erleben wir in diesen Tagen, wenn auch nicht erst in jüngster Zeit? Eine Erosion der Demokratie, des Mitgefühls, der Vernunft, der Humanität. Weiterlesen „Und? Was wird nun aus Europa?“