Bildung – Kultur – Barbarei – Zivilisation

Zum Jahresbeginn ein etwas längerer Artikel von Gert Heidenreich. Was braucht die moderne Gesellschaft, die häufig eine Wissensgesellschaft oder Informationsgesellschaft sein soll? Wird der kompetenztrainierte Mensch den Anforderungen gerecht?

»den eigenen Ort in der Welt (zu) finden und (zu) verstehen. Genau das ist offenbar kein Ziel der Pädagogik mehr – die Inhalte, die dafür nötig wären, werden zurückgedrängt zugunsten anderer Curricula, deren unmittelbar nützliche Anwendbarkeit im Berufsleben hervorgehoben wird. Der trainierte Mensch, der dabei entsteht, hat als Idealbild der sogenannten Informationsgesellschaft den gebildeten Menschen abgelöst.«

Hier geht es zum Text von Gert Heidenreich

Psychogramm eines Gewalttäters und vielfachen Mörders

Im Sommer 2011 wurden wir von der kaum fassbaren Tat eines Mörders in Norwegen erschreckt, das wir für einen Hort des Friedens, des Reichtums und der sozialen Harmonie hielten. Und wer das nicht glauben wollte, mochte wohl doch nicht für möglich halten, was geschah. Was ist Anders Breivik, der das Gemetzel anrichtete, für ein Mensch? Sehr facettenreich ist das Bild, das zwei norwegische Autoren zeichnen und das in welt-online erschien erschien. Von der frühen Kindheit, von Auffälligkeiten, die Experten feststellten, der fehlenden Handhabe von Ämtern, bis zu den tödlichen Wahnideen des Erwachsenen …

Vertrauen, Urvertrauen, Verrat, Misstrauen

Lange nicht mehr im Hörsaal gewesen?

Dann geht das auf einfache Weise hier. DRadio Wissen hat einen Hörsaal eingerichtet. Wer zu spät kommt, muss auch nicht mit einer Lebensstrafe rechnen, sondern kann nachhören: Illusion des Vertrauens oder Geschichte des Vertrauens.

Am Mo, 21.11.: Jan Philipp Reemtsma: „Trust and Mistrust“
Der Philologe Jan Philipp Reemtsma erläutert, warum Misstrauen nicht das Gegenteil von Vertrauen ist.

Psychotherapie und Schulpsychologie

Das Profil der Schulpsychologie ist mancherorts noch wenig ausgeprägt. Manche Schulpsychologin und mancher Schulpsychologe ist in seiner Berufsrolle verunsichert. Klarheit und Orientierung scheinen so gelegentlich darin zu liegen, sich an einem klinischen Modell zu orientieren. Damit wird das Muster des Index-Klienten wieder eingeführt: Der auffällige Schüler oder die auffällige Schülerin erhalten von einer nicht-klinischen Institution wie Schule oder von einer Organisation der Schulbehörde (wie einem schulpsychologischen Dienst) eine psychische Erkrankung zugeschrieben. Aber nicht nur das. Diese soll dann noch in diesem Rahmen therapiert werden.

Damit würde das Wirkungsfeld der Schulpsychologie enorm eingegrenzt — und die Schule und ihr Umfeld als gestaltendes Element für die Persönlichkeitsentwicklung vernachlässigt. Das muss nicht heißen, die Psychodynamik des Kindes und die Dynamik seiner Familie zu ignorieren. Sie können und sollen Gegenstand schulpsychologischer Arbeit sein — nicht zuletzt, um sie auch in Schule zu verstehen und sie dort gezielt weiterzuentwickeln.

Die Sektion Schulpsychologie im BDP hat sich schon mit der Thematik befasst. Die Wirkungen einer unbedachten »Psychotherapeutisierung« der Schulpsychologie könnten folgenreich sein.

Diskussion: Schule als Ort der Begegnung – oder …?

Pädagogik von gestern – in der Welt heute – für ein Leben morgen?

Vom Unterricht als Bekehrung und Belehrung
zur Schule als Ort der Begegnung und Bereicherung, von Hans Brügelmann

Hier fasst Hans Brügelmann ältere und neuere Einschätzungen über den Charakter der Schule zusammen — und er macht Vorschläge für eine andere Schule.

Und hier setzt er sich mit den unterschiedlichsten Antworten auseinander.

Abgesehen von den Inhalten finde ich anregend, wie hier der Versuch unternommen wird, eine Diskussion unter Kollegen zu führen.

 

Von Löwen und Füchsen

Der Hanser Verlag veröffentlichte  ein Büchlein des Soziologen Heinz Bude: Bildungspanik —  Was die Gesellschaft spaltet. Hier einige Anmerkungen dazu:

Heinz Bude beginnt sein kleines Buch damit, dass er zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Lager kennzeichnet. Da seien zum einen die, die klassenmäßige Privilegien verteidigten und zum anderen diejenigen, die prüften, ob man sich als Feind oder Freund der eigenen Kinder oute. Angesichts solcher Unversöhnlichkeit zieht der Autor den Schluss, dass eine dritte Position äußerst dringlich sei. Wer sich nun erhoffte, im Laufe des Textes werde sie erkennbar, sieht sich getäuscht. Oder sollte das Schlusskapitel diese Lösung darstellen? Darin plädiert Bude für Entspannung. Es ist die Demografie, die Erlösung verschafft. Da klappt man am Ende baff und seufzend das Buch zu, nachdem man doch einige anregende Zuspitzungen gelesen hatte. Weiterlesen „Von Löwen und Füchsen“

Politisch-ministeriale Durchsteuerung oder Fachlichkeit?

Es ist schon einige Tage her, dass ich diesen Artikel in der Süddeutschen fand. Und zwar in der Abteilung Medien. Was die mit Bildung und Schulpsychologie zu tun haben, erschließt sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. Es geht um das Verhältnis der Macher und Gestalter vor Ort und ihrer allmählichen Entmachtung zugunsten der politisch und ministerial Verantwortlichen, die gemäß ihres Verständnisses entscheiden und verfügen — was nicht unbedingt von Fachlichkeit und Demokratie durchdrungen ist.

Schulpsychologie zwischen medizinischem Modell und Prozessberatung

„Schulpsycholog-innen unterstützen Menschen in Schulen dabei, miteinander Lernprozesse zu entwickeln und umzusetzen.“ Und Rückmeldungen über gestörte Prozesse hätte sie zu geben — und nicht über gestörte Personen. Das ist für Volker Bohn eine Perspektive der Schulpsychologie. Damit könnte sie sich aus ihrer Verhakelumg im medizinischen Modell und aus einer Tradition der »Besonderung« befreien. (jm)

Seit wann ist Schulpsychologie inklusiv?

Von Volker Bohn, Schulpsychologe in Niedersachsen

Die aktuelle Inklusionsdebatte kommt, hierzulande nicht „von innen“, nicht aus den Schulen, Gewerkschaften, Parteien, Hochschulen, Verbänden, usw., sondern ist ebenso wie bei der PISA-Debatte Reaktion auf eine externe Intervention. Bei PISA war es die OECD, in Sachen Inklusion die entsprechende UN-Resolution von 2007, vom Bundestag ratifiziert 2009.
In Sachen Inklusion scheint die einhellige Reaktion darin zu bestehen, dass die UN-Resolution ‚offene Türen’ einrenne, dass ‚man sowieso schon immer dafür gewesen sei: Integration oder Inklusion – alles nur zum Besten für die Behinderten!
Tatsächlich? Weiterlesen „Schulpsychologie zwischen medizinischem Modell und Prozessberatung“

Erfahrungen artikulieren

Bei so viel Steuerungswillen, Struktursetzung ohne Diskussion, wie beispielsweise in Hamburg, aber auch in anderen Bundesländern, ist eine Frage: Was kann der / die Einzelne tun? Ist er oder sie ausgeliefert? Ist das Abwarten die einzig mögliche Lösung?

Ich glaube nicht. Viele Kolleginnen und Kollegen haben in den vergangenen Jahren oder Monaten mehr oder weniger mühselig sich Standpunkte erarbeitet. Für sich selbst, gemäß eigenen, inneren Leitlininien, für die Kollegen in der eigenen Organisation und in Auseinandersetzung mit ihnen, für die anfragenden Eltern und Lehrkräfte.

Bedauerlicherweise münden diese Erfahrungen bisher nicht überall in eine Diskussion über sie, in ein gemeinsames Berufsprofil. Ein solches gemeinsames Berufsprofil könnte die individuellen Bemühungen in der Wirkung verstärken, vielleicht sogar beflügeln. Der Ort, von dem aus ich handle — mein haltender Rahmen — , Status und Selbstsicherheit könnten profitieren und die Arbeit „flüssiger“ machen.

In den individuellen Erfahrungen, in ihrer Zusammenfassung liegt das Potenzial, für die Mitgestaltung neu zu bildender Organisationen.

Wie gut sind gutgemeinte Fusionierungen?

Anmerkungen zur Implementierung eines Organisationsentwicklungsprozesses, von Jürgen Mietz

Im Namen der Inklusion – zu einem allem Anschein nach guten Zweck also – nehmen die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte, wie auch Eltern und Beschäftigte im Schulsystem besondere und zusätzliche Belastungen auf sich. Neue Rollen, Organisationsformen und Kooperationsabläufe wollen erfunden sein. Ein Spezialfall dieser Entwicklungsaufgabe stellen die REBUS (Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen) und die neu zu gründenden Bildungszentren in Hamburg dar.

Bei allen Unklarheiten und offenen Fragen ist vorab entschieden: REBUS und die Bildungszentren sollen in einer Organisation zusammengefasst werden. Eine Entscheidung, die in hohem Maße die Qualität der Arbeitsplätze, der Arbeits- und Kooperationsverständnisse berührt. Ob zusammengehört, was da zusammenwachsen soll, muss bei näherer Betrachtung offen bleiben. Die Entscheidung wurde ohne die Beteiligung der unmittelbar Betroffenen gefällt. Substanz und Stichhaltigkeit der Entscheidung können empirisch und theoretisch kaum nachvollzogen werden. Vermutlich ist ein Hintergedanke der Reformer, dass den potenziellen Nachfragern der Leistungen der REBUS und der Bildungszentren eine Unübersichtlichkeit drohe, die ihnen nicht zuzumuten sei. Und mit dem Argument, man wolle einem Behördenwildwuchs vorbeugen, lässt sich leicht Zustimmung gewinnen.

Jedoch: Warum sollte es den künftigen Beratungs- und Bildungszentren anders ergehen als den jetzigen REBUS, denen der neue Anzug nach 10 Jahren immer noch nicht richtig sitzt? Manch eine/r mag von Synergieeffekten träumen, die sich – eine solche Fantasie scheint es zu geben – im Selbstlauf einstellen mögen. Daraus spricht eine  Überschätzung der technischen Organisierbarkeit und eine Unterschätzung der (möglichen) unterschiedlichen Aufgabenstrukturen und Kompetenzen. Weiterlesen „Wie gut sind gutgemeinte Fusionierungen?“