Aufarbeitung: Alles könnte wieder so geschehen – und auch schlimmer

Warum Aufarbeitung wichtig ist

Die vergangenen drei („Pandemie“-) Jahre sind von erheblichen Einschnitten in das bis dahin geltende Lebensverständnis gekennzeichnet. Bei vielen Menschen sind sie vermutlich mit Verwirrungen und Entfremdungserfahrungen verbunden. Zwei „Großereignisse“ mit intensiven politischen, medialen und auch militärischen Interventionen krempelten das gesellschaftliche Leben um. Verlässlichkeit bisher gekannter Strukturen, wie auch wirtschaftliche Perspektiven sind vermutlich mehr denn je infrage gestellt. Das Vertrauen in Mitmenschen und in Institutionen dürfte in Mitleidenschaft gezogen sein. Kulturen des Misstrauens, der argwöhnischen Beobachtung, der Drohung und Verurteilung haben sich etabliert. Worauf kann man sich noch verlassen und wie darf, soll ich sein? Was darf ich denken und was darf ich äußern? sind wohl zur Hintergrundbegleitung des Alltags geworden.

Nach solch drastischen Einschnitten wie die Pandemiemaßnahmen sie bedeuteten, sollte eine Phase der Reflexion/Aufarbeitung einsetzen. Selbstvergewisserung, Schadensbesichtigung, Heilung und Wiedergutmachung könnten von dort aus beginnen, um die Zivilgesellschaft zu stärken. Nach Phasen der Verunsicherung und des Misstrauens sind Phasen der Vertrauensbildung wichtig, damit wir uns wieder konstruktiv aufeinander beziehen können. Wie sonst sollten wir uns einander begegnen können, wo doch Ausgrenzungen, Beschimpfungen Verletzungen stattgefunden haben? Befinden wir uns auf einem Weg in diese Richtung?


Es mag ja sein, dass man nicht nachtragend sein soll. Und manch einer wird die meisten der Scheußlichkeiten, die geschehen sind, auch wieder vergessen haben; vielleicht sind sie aber auch nur ein wenig in den Hintergrund getreten. Zudem gibt es immer wieder Anlässe, die die „alten“ Kränkungen aufleben lassen. Es scheint so, dass die Anlässe dafür nicht abnehmen. Die Politikerinnen und Politiker, wie auch Journalisten schimpfen immer öfter mit „unverständigen“ Bürgern, die sich nicht einsichtig genug zeigen und Zweifel an den veröffentlichten Leitlinien des Denkens haben. Natürlich sind die Medien frei. Dass die Menschen aber in bestimmten Richtungen denken und fühlen sollen, wird an der Verengung der Meinungsspektren deutlich, an der gnadenlosen Verurteilung abweichender Positionen. Und eingestreut tauchen immer wieder Modelle von mehr Kontrolle und Repression auf.


Der Starke meint vielleicht, Reflexion und Aufarbeitung nicht zu benötigen, hält das „Grübeln“ und „Schuldzuweisen“ (wie er Aufarbeitung versteht) eher für hinderlich. Er oder sie möchte nach vorne schauen, nicht rückwärtsgewandt sollen wir sein. Vielleicht ist es dem Starken auch hinderlich, sich infrage gestellt zu sehen; möglich, dass ihm Schuld und Scham nicht genehm sind, dass die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Wirklichkeit nicht gut zu ertragen ist.

Gerade Politik und andere „Verantwortliche“, die häufig nicht gerne „antworten“ wollen, leben mit dem Glauben daran, dass sie fürsorglich sind, immer das Beste wollen, die Bürgerinnen und Bürger ihnen vertrauen sollen. Paternalismus und Machtinteresse haben es nicht gern, sich in infrage stellen zu lassen. Lieber weiter zur nächsten Aufgabe, vorwärts und vergessen. Zuviel Reflexion könnte den Führungsanspruch beschädigen und einen Machtverlust bedeuten. Und die Menschen mögen doch nach so schwerer Zeit und in so schweren Zeiten nicht noch mehr verunsichert werden … Ja. Das Schweigen kann viele Vorzüge haben. – Könnte Widerstand gegen Aufarbeitung aber vielleicht auch damit zu tun haben, dass es etwas zu verbergen gibt?


Die Verstrickung in das Gewebe der Macht


Es gibt zaghafte Versuche, eher könnte man sagen Simulationen, von Reflexion und Aufarbeitung der Ereignisse der Corona-Zeit. Betrachtet man sie genauer, sind sie aber eher das Gegenteil (siehe zum Beispiel die Kritik von Tobias Riegel). In der verdienstvollen Reihe der Berliner Zeitung zur Corona-Aufarbeitung wirft der Lehrer Alexander Wittenstein Fragen auf, die von Berufsverbänden und Gewerkschaften zu stellen wären. Einfachste Fragen und Antworten. Es handelt sich nicht um hochspezielle Fachfragen, sondern um Grundfragen der Statistik, der Biologie, der Sprache, der Politik. Allenthalben Schweigen. Nicht nur die Lehrer und ihre Verbände haben geschwiegen auch die der Psychologinnen und Psychologen. Gerade letztere legen in ihren Selbstdarstellungen Wert auf ihre Wissenschaftlichkeit, also auf Überprüfbarkeit, Rationalität und Begründetheit.

Beispiele: der Umgang mit Zahlen, die Aussagearmut von Sätzen wie „in Zusammenhang mit“, „an oder mit Corona“, die kaum eine weitergehende Information enthielten als die Bestätigung beziehungsweise raunende Nahelegung einer großen Gefahr, die fehlenden Zahlenangaben zu einer Stichprobe (Grundgesamtheit), in der positive Proben genommen wurden, die Angaben über angebliche Schutzwirkungen, über nebenwirkungsfreie Impfstoffe.

Ist es ehrenrührig, Fragen zu dem zu stellen, was geschehen ist? Soll man wirklich die Dingen auf sich beruhen lassen? Schwamm drüber?
Unrühmliches Beispiel ist der ehrabschneiderische Umgang mit dem Psychologieprofessor Kuhbandner, der schon früh 2020 Zweifel an der angeblichen Bedrohung hatte. Seine sorgältigen Untersuchungen und vorsichtigen Gefahrenhinweise wurden in den Wind geschlagen und rufschädigend als unseriös qualifiziert, hier, hier und hier.

Das Schweigen zu Menschenrechtsverletzungen

Mag man das noch als technische Fragestellungen betrachten (was sie nur in einem engen Verständnis tatsächlich sind), so geht das Schweigen gegenüber Menschenrechtsverletzungen an die die Substanz der sog. Humanwissenschaften. Alexander Wittenstein nennt einige davon, so die Diskriminierung der Ungeimpften als Schädlinge der Gesellschaft, die angebliche Tyrannei der Ungeimpften, die Aufforderung zur Herabsetzung und Demütigung (zeigt mit dem Finger auf sie). Wo waren da die so genannten „Anständigen“?

Wo waren da die Fachleute für Humanität etc. und vor allem ihre Verbände und Interessenvertretungen? Welche Interessen wurden durch Schweigen bedient?

Berufsverbände als Schutz für freie Meinungsbildung?

Wenn Psychologen sich für (angst-) freies und unabhängiges Denken, etwa als Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung, der Organisationsentwicklung, der Gesundheitsförderung einsetzen (was sie ja nicht selten tun), dann hätten sie gerade in der Aufarbeitung der Pandemiemaßnahmen ein weites Feld der Betätigung. Nicht dass ich dächte, das könnte ohne Risiken für die Laufbahn in der Institution geschehen. Da gibt es vermutlich durchaus Drücke und Zwänge, die einen vorsichtig sein lassen können. Es kann sein, dass der Einzelne damit überfordert wäre, das durchzustehen. Deshalb wäre es doch gerade Aufgabe der Berufsorganisationen, zu schützen, einen Rahmen dafür zu schaffen, dass unabhängiges Denken und Reden (wieder) möglich werden. Aber wo sind Berufsorganisationen und Gewerkschaften aufgestanden und haben sich für die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit stark gemacht?


Diejenigen, die sich trauten, mit guten Gründen abweichende Meinungen zu äußern, waren und sind vernichtenden Wellen der Diffamierung ausgesetzt (gewesen). Und doch tun Professionen samt ihrer Organisationen (durch Schweigen) so, als hätte es diese Hexenjagden nicht gegeben. Wie soll Integrität einer Psychologie gewährleistet sein, wenn die bedeutendsten Organisationen sich in Konformität der autoritären und einseitigen Regierungslinie der Staatsmacht andienen? Mündigkeit fördernde Beratung und Psychotherapie sollten vermutlich etwas von solchem Geist in ihrem Auftreten ausstrahlen.
Selbst wenn aus solcher Aufarbeitung herauskäme, dass wir schwach, ohnmächtig und autoritätsgläubig waren, wäre es noch besser, das auszusprechen und anzuerkennen. Immerhin wäre es ehrlich.


Erinnert sei an zwei markante Punkte, die einer Reflexion und nachgehenden Bewertung durch Psychologinnen und Psychologen würdig sind. (Sie waren auf diesem Blog hier schon einmal Gegenstand von Überlegungen). Da ist zunächst das Schockpapier des Innenministeriums, das heute auf den Seiten des Ministeriums nicht mehr auffindbar ist. Es war darauf angelegt, systematisch Angst zu erzeugen und Zahlen und Ereignisse zu dramatisieren. Und da ist das BDP-Papier, in dem sich der Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen anbietet, die Regierungslinie zu unterstützen.


Immerhin gab es auch von einem vergleichsweise kleineren Berufsverband bayerischer Schulpsychologen den Versuch einer Reflexion des Einschnitts „Pandemie“. Er blieb ein Einzelereignis und führte – zumindest soweit öffentlich erkennbar – nicht zu einer Debatte oder zu Ansätzen einer Aufarbeitung. Ich hätte einiges kritisch anzumerken, was aber hier nicht mein Fokus sein soll. Im „Kontext Aufarbeitung“ könnte die Frage sein, wie die Autoren heute, zweieinhalb Jahre nach Veröffentlichung, die Pandemie und die Maßnahmen beurteilen, ebenso die eigenen Überlegungen.


Kritikfähigkeit als Element von Resilienz

Die Pandemie, die Pandemiemaßnahmen und die Folgen verschwinden bestenfalls in den Zusammenfassungen der entstandenen Schäden, nicht selten verknüpft mit Forderungen nach einem Stellenausbau. Von Fehlern, Verletzungen, Schuld und Scham, von Aufarbeitung eigener Überwältigungserfahrungen durch das Virus, durch Medien oder Behörden etc .ist nirgendwo die Rede. Wie soll da Resilienz entstehen?

Die Gemüter scheinen erschöpft. Man wendet sich neuen Aufgaben zu, Berufsprofile, Abgrenzungen zu anderen Berufsgruppen, was bedeutet systemisches Arbeiten … alles wichtig.
Kritikfähigkeit gegenüber der Autorität als Element von Resilienz scheint nicht zu den wünschenswerten Zielen der Psychologinnen und Psychologen zu gehören. Kein gutes Omen für die Zukunft.

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