Passend zum vorangehenden Beitrag

Noch einmal: Kritik an PISA

PISA ist ein Mittel zur Einflussnahme auf die Schulpolitik, so könnte ein Fazit auseinem Interview in der Süddeutschen lauten.

Noch einmal Digitalisierung in der Schule

bei der Gesellschaft  für Bildung und Wissen reinzuschauen lohnt immer wieder

Bildung ist notwendig an ein Subjekt gebunden. Bildung ist weder Speicherformat noch Objekt oder messbare Größe, sondern Merkmal einer Persönlichkeit. Es ist aber charakteristisch für einen technokratischen Bildungsbegriff, wenn der Bertelsmann-Konzern unter der Überschrift „Wachstum Education“ damit wirbt, dass dank Digitalisierung „Bildung auch online in guter Qualität ausgeliefert werden kann.“

Nicht vertreten sind Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissenschaftler, die die Folgen der Nutzung dieser Bildschirmmedien (Smartphone, Tablet) untersuchen.

Notorische Matheschwächen in Hamburg

Gute Note auf Verordnung

Die Schüler sollen nicht unter den Folgen kurzatmiger Politik leiden

Hätte Ties Rabe, Schulsenator in Hamburg, diesen Verwaltungsakt nicht vollzogen, hätte er vermutlich mit Klagen rechnen müssen; denn die Ergebnisse der Klausur gehen mit fünf Prozent in die Mathenote des Abiturs ein. Damit hält er sich vielleicht einen juristischen und medialen Shitstorm vom Hals. Man kommt jetzt darauf, dass man nicht weiß, ob die Aufgaben zu schwer gewesen sein könnten oder ob die Schüler zu schlecht vorbereitet wurden. Eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Bundesländern fehlt. Eine sehr mangelhafte Versuchsanordnung. Gehören Statistik und Versuchsanordnung nicht zur Methodik bei der Planung eines Großversuchs?

Die verwaltungsmäßige Heraufsetzung der Note bietet natürlich Anlass zu jeder Menge Häme. Im NDR-Fernsehen tauchte die Frage der Bilanzfälschung auf, aber nur rhetorisch und um dem Senator die Gelegenheit zu geben, einer solchen Schlussfolgerung zu widersprechen.

Eine andere Frage könnte sein, ob das Zentralabitur überhaupt eine gute Idee ist. Wir hören viel von der Vergleichbarkeit der Noten, also werden die Schüler alle auf ein und dasselbe Ziel trainiert. Zur Erinnerung: Wie war das noch mit der Vielfalt und dem Furor gegen die – selbstverständlich – sozialistische Einheitsschule? Was wissen wir darüber, was die Schülerinnen wirklich können, was sagen 0,7 Punkte Differenz zur letzten Leistung aus? Wir hörten in den letzten Jahren von den unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler – Stichwort soziale Herkunft -: wie verhält sich das zur Vereinheitlichung des Abiturs? 

Lernen für den Test

Rankings helfen, nicht mehr nach den Inhalten schauen zu müssen. Vielmehr wird verglichen und angetrieben, 0,3 Punkte Steigerung oder Abstieg. Hier noch eine technische Maßnahme, dort noch eine Stunde draufgesattelt. Man kann besichtigen, was aus dem Lernen wird: Pauken und Trainieren, Lernen für den Test. Mit Verstehen und Verantwortung für das Wozu hat das nicht viel zu tun. Jetzt werden von der Behörde und vom Abendblatt („Dabei stehen die Lehrer in der Verantwortung, ihren Schülern die bestmöglich Hilfe anzubieten“) die Lehrer und Lehrerinnen in die Pflicht genommen – wohlfeil.

Niemand ist perfekt, doch der Hamburger ist nah dran

Tatsächlich werden die Lehrer/innen in die Pflicht genommen. Sie müssen – vermutlich ohne zusätzliches Personal – die aufgelegten aufgelegten Förderprogramme umsetzen. Was müssen die Schulen weglassen, um die Forderungen erfüllen zu können? Dass damit wieder einmal von oben verordnet und nicht gemeinsam entwickelt wird, bleibt der GEW überlassen zu sagen.  Wir kehren zur Obrigkeitsschule im modernen Gewand zurück, dekoriert mit der Rede der selbstverantworteten Schule. Eine Probeklausur mag eine gute Idee sein. Aber im Übereifer, super und Erster sein zu wollen, ist Senator Rabe wie immer gestartet und hat sie schlecht vorbereitet. Nun stellt er sich als entschlossen, handlungsfähig und als Retter dar. Die Hamburger Medien werden sich kaum mit den Hintergründen der Angelegenheit der Sache befassen.

Möglicherweise ist der Matheschwäche nicht mit Förderprogrammen beizukommen. Sie scheint verbreitet zu sein. Sie ist bekannt, aber gegen sie ist kein Kraut gewachsen. Die Elbphilharmonie (Eröffnung heute) sollte knapp 80 Millionen kosten. Schließlich wurden es 800 Millionen. Von der HSH Nordbank hört man nicht mehr so viel, wird von den Medien so gar nicht erörtert. Und doch sind die Hamburger und Schleswig-Holsteiner bald dran. 10 Milliarden

 

Wie die Idee der Selbstbestimmung zerrieben wird

Zeitgleich sind in der taz und auf den Nachdenkseiten

zwei interessante Artikel erschienen. In der Bestandsaufnahme beunruhigend.

Das mathematisch-technizistische Weltbild immunisiert sich vor Kritik, indem es eigene Wertfreiheit und Neutralität suggeriert. Das diesem Denken eingeschriebene Muster lässt sich mit einer nicht endenden Optimierung sämtlicher Prozesse beschreiben. Diese Ideologie kann die Welt nur aus der Warte des Berechenbarmachens betrachten.

Mehr vom taz-Artikel lesen

Der eine (auf den Nachdenkseiten) mit einer Perspektive:

Google und Co. müssten dafür noch nicht einmal zerschlagen werden. Was wir bräuchten, wäre eine internationale Daten-Überwachungsagentur, die Einblick in die Algorithmen bekommt und der – hier wird es besonders pikant – die Überschüsse aus dem Geschäft mit den Daten zustehen. Denn hier schließt sich der Kreis: Wenn eine „Schrittgebühr“ schon unabwendbar ist, dann sollte sie doch zumindest, wie jede andere Steuer auch, der Allgemeinheit zu Gute kommen. Dies ist auch deshalb notwendig, da die genannten Konzerne sich momentan ja durch zahlreiche Steuertricks nahezu komplett der Besteuerung entziehen.

Mehr vom Nachdenkseiten-Artikel lesen

Von der geistigen Arbeit in ihre industrialisierte Form

Diesen Hinweis auf einen Artikel in der Süddeutschen habe ich ausgewählt, weil er nicht allein für die Welt der Büros bedeutsam sein könnte. Geistige Arbeit, die innere Arbeit des Beraters und der Beraterin ist bedroht. Schematisierung, Standardisierung finden in der nur vermeintlich unabhängigen Beratungsarbeit statt. Manchmal treiben Psychologinnen und Psychologen diesen Prozess gar voran. Sie versprechen sich davon Anerkennung (von wem?), Sicherheit des Handelns in Zeiten standardisierter Ausbildung, Abgrenzung von konkurrierenden Berufsgruppen. Die Kriterien, die in den Prozess der Standardisierung eingehen sind zweifelhaft.

Wenn der Pädagoge zum Funktionär der Ordnung wird …

… wird es gefährlich

Lehrer in Hamburg sind dazu angehalten, Anzeigen im Falle von Gewalt zu erstatten, auch wenn Übeltäter (oder die vermeintlichen Übeltäter) noch Grundschüler sind. Offensichtlicher könnte die Selbstaufgabe der Pädagogik nicht sein. Eine Pädagogik, die immer mehr in den Dienst der Funktionalität für Anpassung, Leistung und Optimierung gestellt wird, hat weniger Spielräume für Bindung, Beziehung und Halten.

Und wenn Beratung mehr und mehr für Begutachtung, Steuerung etc. gebraucht wird, fehlen auch hier bald die Möglichkeiten für Unterstützung. Dann wir Beratung zur Agentin der Institution und als helfende Institution nicht ernst genommen.

Hier ein Kommentar in der hamburger taz

Aufmarsch der Wirtschafts“experten“ in der Schule

Die Zeitschrift „Erziehung & Wissenschaft“ der GEW mit zahlreichen Artikeln zum Wirtschaftslobbyismus in Schule

Man kann ja mit der GEW und mit anderen Gewerkschaften unzufrieden sein. Aber dass sie auch wertvolle Informationen liefern zeigt das Dezember-Heft 2016 (in der Liste mit Datum vom 1.12.2016). Ein kurzer Auszug aus der Einführung:

Sich mit dem Vormarsch der Wirtschaft an Schulen kritisch
auseinanderzusetzen, ist unentbehrlich. Warum? Weil bereits
hier eine Denkwelt verbreitet wird, die ebenso gefährlich
falsch wie unverändert mächtig ist. „Der homo oeconomicus
ist tot“, titelte die Financial Times Deutschland (FTD)
am 14. März 2001. Inzwischen gibt es diese Zeitung leider
nicht mehr, aber „der Kerl“ lebt immer noch: Der Mensch, so
will es die neoliberale Theorie, denkt, tut und fühlt, was ihm
wirtschaftlich nützt. Er ist nicht das vernünftige und empathische,
sondern das berechnende Wesen. Diese Botschaft geistert
durch Sprache und Köpfe vieler Leitartikler, Professoren
und Politiker, fast aller Manager und Unternehmer. Tausend
Mal widerlegt von wenigen kritischen Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern …

Bedenkenswert auch das Statement „Evaluation statt Tests“, hier ebenfalls mit einem Auszug:

Ein echtes Bildungsmonitoring müsste deshalb jede Schule in
die Lage versetzen, individuelle wie kollektive Lernfortschritte
ebenso wie das Schulklima regelmäßig zu evaluieren. Hier
ist die Wissenschaft gefragt, Instrumente gemeinsam mit den
Schulen zu entwickeln und die Lehrkräfte dabei methodisch
zu begleiten.
Politik ist gefragt, die Rahmenbedingungen (Zeit, Freiräume,
personelle und materielle Ressourcen) dafür zu schaffen.
Auf Durchschnittswerte von Leistungstests können wir getrost
verzichten.

Bescheidenheit empfehlenswert

Fehlschläge von Prognosen legen nahe, dass Untersuchungen nicht das messen, was wir zu messen meinen

Wissenschaftlich unterfüttert wird solcherlei Expertenskepsis von dem amerikanischen Psychologen Philip Tetlock, der über 20 Jahre hinweg 28.000 Prognosen von fast 300 Experten aus Politik, Wirtschaft und Militär auswertete und dabei zu dem Ergebnis kam, dass Spezialisten keine besseren Voraussagen treffen als gutinformierte Laien. Es spielte dabei auch keine Rolle, ob ein Experte einen Doktortitel hatte oder nur das Vordiplom. Und schlimmer noch: Die Experten schätzten ihre Prognosen auch noch besser ein, als sie tatsächlich waren.

Hier eine Sammlung weiterer Irrtümer