Nachdenken über Gewalt, Terror und Amok. Und über Medien

Götz Eisenberg über Aufmerksamkeitsterror, Abwehrmechanismen und projektive Identifizierung

über Marktwert,  Narzissmus und Beachtungsökonomie und

über einen Tag zum Ausrasten

Wieder einmal schreibt Götz Eisenberg gründlich, theoretisch fundiert und persönlich einen Befund über den Zustand unserer Gesellschaft

Aufgabe einer kritischen Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft ist es, die exotisch-verrätselte Sprache der Symptome zu dechiffrieren, die Leidenserfahrungen der Menschen beredt werden zu lassen und ihre Ursachen ins Bewusstsein zu heben. Der diffuse Rohstoff der Rebellion bedarf der Regulierung durch eine intellektuelle und moralische Instanz, die ihn dem Sog der Regression entreißt und ihn in eine aufklärerisch-emanzipatorische Richtung leitet. Gelingt das nicht, besteht die Gefahr, dass die diffusen, frei flottierenden Unruhe- und Leidenszustände sich blind und vandalisch entäußern oder von rechts angeeignet und gegen Minderheiten in Gang gesetzt werden.

Hier geht es zum Artikel

Geschichte(n) und Professionalität in der Psychologie

Es lohnt sich, ab und an in das Journal für Psychologie zu schauen

Leider habe ich das in den letzten Monaten nicht beherzigt. Deshalb ist mir ein wichtiges Themenheft entgangen: PsychologInnen prekär. Der Entwicklung des Faches in den letzten Jahrzehnten geht Heiner Keupp nach. Das erschöpfte Selbst der Psychologie lautet sein Aufsatz. Anregend für die berufliche Orientierung von jung und alt und für Berufsverbände, finde ich. Wie und wofür wollen wir arbeiten? Ein Beitrag zum Professionalitätsverständnis − unter vielerlei Gesichtspunkten lässt sich der Text lesen.

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Ebenfalls übersehen (von mir) und vielversprechend

das Themenheft Reflexivität der Beratung

Neues Buch, die alte Anstrengung

Zu meinem neuen Buch

Printversion,   als epub

Wer sich mit meinen Themen der letzten Jahre ein wenig auskennt, wird nicht überrascht sein: Es geht um das bedrohte Subjekt und seine Unterwerfung unter die Steuerungsansprüche aus Staat und Ökonomie. Beratung ist daran eifrig beteiligt. Um genauer zu sein: Auch hier gibt es Subjekte, zum Beispiel die Beraterinnen und Berater, die den Schwenk mitvollziehen. Ein Grund dürfte sein: Es gibt keine eigene fachliche Identität, die ein Bewusstsein des eigenen Faches in ihrer Umwelt hat. So verschmilzt die Fachlogik mit der bürokratischen und politischen Logik. Kurz befasse ich mich auch damit, wie es sich mit der schulpsychologischen Identität in einem Umfeld verhält, in dem auch andere Berufsgruppen beratend tätig sind. Löscht Beratung Identitäten aus …, oder gibt es andere Wege?

Besonders intensiv habe ich mich im zweiten Teil des Buchs mit der „Schülerkontrolle“ – ja das ist die echte Bezeichnung, sie gab es (ich erwähne das, weil manche Leute mich ungläubig anschauen) – befasst. In deren Rahmen und Tradition ist die Hamburger Schulberatung groß geworden – und hat sie meiner Meinung nach nicht überwinden können. Auch davon ausgehend stelle ich einige Überlegungen an, wie sich Beratung unterschiedlich entwickelte. Dabei geht es mir nicht darum, eine Entwicklung als gelungen zu identifizieren und sie zu übertragen. Eher geht es mir darum zu zeigen, dass nichts in der Geschichte der Beratung selbstverständlich ist und schon gar nicht „humanistisch“. Wir Berater/innen sollten sie kennen und die Gründe für die Ansprüche, die an sie gestellt werden. Sie sind nicht immer gut, weder die Ansprüche noch die Gründe.

 

Matheprobleme: Eine bemerkenswerte Debatte

Damit konnte man nicht rechnen

Es war mehr oder weniger Zufall. Ich suchte in der Parlamentsdatenbank nach Informationen zu einem Thema. Dabei stieß ich noch mal auf die »Matheprobleme«, die ja hier schon Thema waren. Ein markanter Punkt war, dass der Hamburger Schulsenator Ties Rabe als Reaktion auf das schlechte Abschneiden die Mathenoten per Verordnung „verbesserte“. Das hatte eine Menge Wirbel ausgelöst. Die Hintergründe dieser Entscheidung blieben im Nebel.

Nun kann man tatsächlich klarer sehen. Am 21.2.2017 debattierte der Schulausschuss der Bürgerschaft. Es gab eine inhaltsreiche Debatte. Alle Diskutant/inn/en blieben sachlich, verzichteten auf Polemik. So kann man als Leser des Protokolls tatsächlich schlauer werden. Kriterien und Entscheidungsprozesse werden erkennbar. Ich habe nicht geprüft, ob die Medien von der Schulausschusssitzung berichteten – mir ist zumindest nichts dergleichen aufgefallen. Das Skandalpotenzial der Debatte war sehr niedrig.

Auffällig: Im Wesentlichen sind die Stundenpläne, Abweichungen durch Sonderregelungen, Zusammensetzung der Schülerschaften, Traditionen der Schwerpunkte so unterschiedlich, dass man sich fragt, ob die Ländervergleichsuntersuchungen überhaupt einen Sinn haben. (Trotzdem kann es sich Herr Rabe nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass Hamburg gegenüber Bayern bei xy ganz weit vorne liegt).

Und man erfährt, dass immer wieder neue Gruppen zusammengestellt werden, damit Stichproben dann (hoffentlich) doch endlich vergleichbar sind. Wer hat etwas von den Vergleichsuntersuchungen? Und wie wäre es, wenn man dieses Geld, denn es wird ja ausgegeben, für andere Zwecke einsetzen würde? Man könnte untersuchen, wie sich individuelle Lern- und Erkenntnisprozesse gestalten, wie sie von der Lebenssituation, von Vorerfahrungen, von Bindung und Beziehung, Fremdheit und Vertrautheit etc. abhängen.

Man kann auch ins Grübeln kommen, ob denn der Zentralisierungmechanismus des Einheitsabiturs nicht viele Varianten auslöscht, die es verdienen erhalten zu werden. So werden die Mathematikaufgaben in Hamburg (anderes als in anderen Bundesländern) laut Herrn Rabe „kontextabhängig“ gestellt. Das kann man für sinnvoll halten. Wenn Hamburg sich nun mit dieser Richtungsentscheidung nicht durchsetzen kann, wird Hamburg diese Orientierung aufgeben. Was wäre damit gewonnen?

Hier noch einmal der Link zum Sitzungsprotokoll

Auf diesen Seiten waren immer auch mal skeptische Ansichten zur Kompetenzorientierung zu lesen. Ich erinnere noch mal an die Veröffentlichungen der Gesellschaft für Bildung und Wissen (auf der Startseite auch das Thema Mathematik und Zentralbitur). Mit diesem Thema beschäftigte sich vor einigen Monaten  die hamburgische Bürgerschaft. Das war ein Beispiel dafür, wie Parlamentarier/innen aneinander vorbeireden können und sich in Verächlichkeit üben. Erkenntniszuwachs geht gegen Null.

Objekte können kein Potenzial entfalten

Hüther: Das ist einfach, als ob man einen kleinen Hebel umlegt, indem man kein Mitglied der Gemeinschaft, also jetzt zum Beispiel in Ihrem Team, oder aber in der Familie oder in der Schule oder wo immer sie sind, indem keiner den anderen länger zum Objekt seiner – und jetzt kommt es – seiner Bewertungen, seiner Erwartungen, seiner Maßnahmen, seiner Belehrungen und so weiter macht. In dem Augenblick, wo man das tut, kommt es im Hirn desjenigen, der sich da so erlebt, dass er so zum Objekt gemacht wird, zu einer Aktivierung von genau denselben Bereichen, die auch dann aktiviert werden, wenn der körperliche Schmerzen hat.

Wer es ernst meint mit der Umgestaltung der Schule, sollte dieses Interview mit Gerald Hüther lesen.

Matheprobleme in Hamburg

Die Debatte kommt in Gang

In diesem Interview mit Gabriele Kaiser wird unter anderem indirekt deutlich, dass der Schulsenator Ties Rabe mit einem großen Ruck ganz groß herauskommen wollte, dass das, was seit Jahren versäumt wurde, mit einem „mutigen“ Schritt aus dem Weg geräumt werden sollte. Dann hätte er ganz oben auf dem Podest stehen könnte.

Es mangelte an Analyse − wozu auch, wenn es doch einen starken politischen Willen gibt. Man darf vermuten, dass Herr Rabe sich nicht hat beraten lassen, oder schlecht beraten war. Kannten wir das nicht … Inklusion … ReBBz …?

Autismus oder was

„Fehldiagnosen zuhauf“

hieß es vor ein paar Tagen in der taz.

Es geht um Autismus um, eine Störung, die in Mode gekommen ist und in zahlreichen Fällen nichts oder wenig mit Autismus zu tun. Die Diagnose hat einen eigenen Glamour. Ich erinnere mich, dass sie in bestimmten Wohngebieten bevorzugt auftraten. Und dass die Schulbehörde dafür eine eigene Beratungseinrichtung schuf.

 

Uns geht’s doch gut

Oder haben wir es mit struktureller Gewalt zu tun?

In diesem Artikel der Nachdenkseiten wird uns die Einkommensentwicklung der letzten Jahrzehnte dargelegt. Ich erwähne ihn, weil es nicht zuletzt die Einkommen und Existenznöte von Kindern, Eltern und Lehrern sind, die Lern- und Lehrklima und die Motivationen prägen.

Mathe-Schwächen in Hamburg II

Das schlechte Abschneiden Hamburger Schüler

in Mathe-Vorklausuren und die behördlich verordnete Anhebung der Noten schlagen weiter hohe Wellen.  Von der SPD hört man erstmal nichts. Es bleibt bedauerlicherweise der CDU überlassen, auf grundlegende Mängel an Konzepten, wie Kompetenzorientierung hinzuweisen. Auf dieser Website ist das schon geschehen, aber fundiert und häufig durch die Gesellschaft für Bildung und Wissen.

Die Linksfraktion macht darauf aufmerksam, dass die Stadtteilschulen von Lehrern abgewählt würden und sie sich für das Gymnasium entschieden. Die Klausur solle am besten gar nicht bewertet werden.

Was die anderen Fraktionen sagen, kann man hier nachlesen.

Was die GEW hinsichtlich PISA kritisiert, lässt sich auch als weiterführenden Beitrag für die Notendiskussion lesen.

Ach ja. Noch was. Vor ein paar Tagen wies ich als weitere Hamburger Rechenschwäche darauf hin, dass Hamburg und Schleswig-Holstein gezwungen sein könnten, die HSH Nordbank mit 10 Milliarden Euro zu retten. Da sind wir inzwischen auch ein paar Schritte weiter. Im Abendblatt ist nun von 16 Milliarden die Rede.