Der verbreitete „Defizitblick“ lenkt zum einen von den stets mannigfach vorhandenen Stärken und Ressourcen ab. Zum anderen aber erlaubt er der Gesellschaft und der Schule schlicht zu einfach, sich aus der eigenen Verantwortung für die Entwicklung junger Menschen zu stehlen. Dann sind einfach diese selbst verantwortlich für ihr Scheitern, weil eben „krank“ oder „anders“ oder „gestört“.

Ein Interview mit Professor Brügelmann über das komplexe Bedingungsgefüge von Lernstörungen, wie zum der Lese-Rechtschreibschwäche

Schlägt die Verrohung des ökonomischen Mainstreams auf Schulen durch?

 Dieses Nützlichkeitsdenken unterminiert aber gleichzeitig unsere sozialen und ethischen Werte, da es diese Werte unter den Vorbehalt der ökonomischen Nützlichkeit stellt. Galt die Menschenwürde einstmals als unbedingtes Grundrecht, so droht sie, nur doch dort gewährt zu werden, wo sie „nützt“. Damit sind jene Werte, die als unbedingt gelten sollen, nicht mehr unbedingt, d. h. sie stehen nur noch einem Teil der Menschen zu – nämlich jenen, die wir als „nützlich“ empfinden. Analog dazu wird also Solidarität zunehmend nur noch dort praktiziert, wo es uns ökonomisch nützt bzw. wo sie sich „verwerten“ lässt.

Wir sind als Berater/innen oder Lehrer/innen immer wieder damit konfrontiert, dass Schüler/innen schlecht für einen Lernprozess motiviert sind, der ihnen doch ihre Zukunft sichern soll. Oder wir sind erschüttert, dass Schüler sich so wenig sozial verhalten. Die einen piesacken und provozieren die anderen. Andere verzweifeln an der Rohheit ihrer Klassenkameraden, die sie gar nicht als solche erleben können. Ermunterung und soziales Lernen sind dann erste Alternativen. Vielleicht kommen diese Heilmittel aber auch zu flach daher, weil sie wichtige Teile der gesellschaftlichen und ökonomischen Realität nicht wahrhaben wollen. Will sagen: die Drastik der erlebten Verhältnisse schlägt die pädagogischen und psychologischen Absichten dieser oder jener Maßnahme.
Auf diese Idee wird derjenige kommen, der das Interview mit dem Volkswirt und Wirtschaftsethiker Sebastian Thieme liest. Er untersucht die Menschenbilder, die den herrschenden ökonomischen Theorien zugrunde liegen, wie sie Denken und Fühlen umformen. Ein Ergebnis: je prekärer die Lebenssituation, um so tiefer die Entsolidarisierung.
Schule ist in den vergangenen Jahren zielstrebig – auch im Namen der Wettbewerbsfähigkeit – in das Hamsterrad des Optimierungsgebots eingebaut worden – mit fatalen Folgen für die real existierenden Subjekte. Damit tut sich nicht selten ein Widerspruch zwischen den emanzipatorischen Restansprüchen der Schule und den Absichten der meisten Professionellen im Schulsystem einerseits und den Forderungen der Wettbewerbsgläubigen andererseits auf.

Krise der Schule und Bildung – nützlich für Kontrolle und Testindustrie?

Schule und Bildung zum Zweck der Erkenntnis und Aufklärung, zur Beförderung von Selbstbestimmung und demokratischer Verfügung scheint aus der Mode gekommen. Aber noch regen sich Stimmen gegen diesen Verfall.

Der Autor von „We feed the world“ und „Let’s make money“, Eugen Wagenhöfer, hat sich jetzt auch dem Thema Schule und Bildung gewidmet. Hier einige Hinweise zu seinem neuen Film „Alphabet“ von 3sat.

Dazu passend die ausführliche Kommentierung eines Lesers der diversen Bildungsstudien auf den Nachdenkseiten (Nr.21)

Ich wundere mich, warum die Bildungspolitik Schulleistungsvergleiche im Stile von PISA nicht kritischer hinterfragt. Auch die Die Kritik ist viel zu zahm. Diese Studien sind m.E. nicht nur wertlos, sondern dysfunktional:

  • Rangplätze, die von der Testindustrie gern verwendet werden, weil sie in den Medienredaktionen begeistert aufgenommen werden, sind völlig sinnlose Messwerte. Würde die Politik sich auf solche “Messwerte” verlassen, wenn es sich um Entscheidungen über die Kostenvoranschläge für neue Schulgebäude handelt? Bringt man dann die Angebote nur in eine Rangreihe? Ist es nicht wichtig zu wissen, welche absoluten Kosten in Euro sich dahinter verbergen? Wir wissen nichts, was bei den Schultests der “mittlerere Rangplatz” wirklich bedeutet. Wenn, wie ich vermute, die Messwerte eng beieinander liegen und vielleicht sogar nicht wirklich fachliche Kompetenzen messen, sondern irgendetwas anderes, dann sollten wir nicht über den Unterricht in unseren Schulen diskutieren, sondern über die Testindustrie. Weiterlesen „Krise der Schule und Bildung – nützlich für Kontrolle und Testindustrie?“

Neuro-Irgendwas

Im folgenden Artikel von Ralf Lankau setzt sich der Autor mit den Mythen des Neuro-Irgenwas auseinander, einschließlich sprachwissenschaftlicher und philosophischer Implikationen.

Ist das Messbare in Schulen auch das Relevante? Wie misst man das Vertrauen als Basis von Lernprozessen (Ladenthin) oder das Gefühl der Geborgenheit eines Kindes in einem sozialen Kontext, wie es jede Schule (auch) ist?  Wie misst man den Freiraum zum individuellen, selbstbestimmten Lernen, wenn man alles in exakten Zahlen fixieren will? Glaubt irgendwer, intrinsische Motivation oder Freude am Lernen (ver) messen zu können? 

Über das schwierige Verhältnis von Messen und Denken

Der hier empfohlene Artikel – ebenfalls  von der Gesellschaft für Bildung und Wissen geliefert – geht auf den vorangegangenen Artikel ein und setzt sich darüber hinaus mit der Zweifelhaftigkeit von Bildungsprognosen auseinander. Er hat den Titel: Wenn das Messen das Denken ersetzt.

Die in diesem und im vorangehenden Beitrag konstatierte Denkschwäche ist eine Schwäche mit Folgen. Die glatt polierte Oberfläche einer angeblichen Wissenschaftlichkeit ist eine schiefe Ebene, die die Akteure und Absolventen eines solchen Bildungssystems gefügig und ohnmächtig macht, sie ihrer Individualität und Verantwortungsfähigkeit beraubt. Wenngleich wir in ein solches System hineinsozialisert werden (sollen), gibt es keine Automatismen. Kommerzialisierung und Standardisierung von Bildung und Lernen stoßen auf den Eigensinn der Subjekte. Unter anderem kann das zu Demotivation und Lernversagen führen. Wir sollten im Hinterkopf behalten, dass es in solchem Fall nicht nur die Individuen sind, mit denen etwas nicht stimmen könnte – es könnte auch mit der (falschen) Vorstellung im System darüber, wie Lernen geht, zusammenhängen. Wenn Wolfram Meyerhöfer schreibt:

Kompetenzmodelle sind in der Empirischen Bildungsforschung immer Kompetenzstufenmodelle. Das liegt daran, dass das Ziel dieser Disziplin nicht ist, das Lernen zu verstehen und zu verbessern. Man müsste sich dann mit Lernen und Vergessen beschäftigen, mit Interesse und Langweile, mit Nutzen und Nutzlosigkeit, mit der Motivation und der Demotivation durch Schulnoten. Die Empirische Bildungsforschung will das Gelernte vermessen.
könnte es an der Psychologie und Schulpsychologie sein, Beiträge dazu zu leisten, das Lernen zu verstehen und mit der Individualisierung des Lernens vom Subjektstandpunkt ernst zu machen.

Wie die Empirische Bildungsforschung intellektuelle Armut erzeugt

Oder: Wie schlampige Methodenanwendung Erkenntnis verhindert

Deshalb führt der Weg der immer stärkeren Standardisierung von Bildung – getragen von einem nicht hinterfragten Glauben an die mathematische Modellierbarkeit des menschlichen Geistes – das Schulsystem in eine Kultur der intellektuellen Armut.

So lautet das Fazit des Mathematik-Didaktikers Wolfram Meyerhöfer. Anschaulich macht er seine Kritik unter anderem folgendermaßen:

Wenn ein Kochlehrling A einen exzellenten Braten machen kann, ein andererLehrling B hingegen eine wunderbare Quiche, dann kann die Empirische Bildungsforschungnicht einfach das Essen genießen. Die Lehrlinge müssen unbedingt in eine Kompetenzreihenfolge gebracht werden, das ist das zentrale Ziel der Kompetenzmodelle. Dazu lässt man viele Lehrlinge Braten und Quiche herstellen. Wenn viele Lehrlinge einen guten Braten hinbekommen und wenige Lehrlinge eine gute Quiche, gilt der Quiche-Meister B als der bessere Koch. Dieses Ergebnis ist empirisch fundiert und nachgerade objektiv. Wenn Sie also Braten-Fan sind und im Exzellenz-Lokal der Empirischen Bildungsforscher essen, dann zeigt Ihr Unwille gegenüber dem schlechten Braten dem Forscher lediglich, dass der Empirie Ihres Gaumens keinerlei Signifikanz zukommt.

Wer sich nicht mit Geschmacksfragen und Meisterköchen zufrieden geben will, sollte den vollständigen Artikel lesen.

All das ein Hinweis darauf, dass Wissenschaftlichkeit nicht unbedingt Erkenntnis und Problemlösung schaffen, wohl aber Geldbeschaffung für eine gewinnorientierte „Bildungs“industrie. Das wirft die Frage auf, ob solche Forschung und die Anwendung ihrer Ergebnisse überhaupt noch mit dem Grundgesetz und mit den Landesverfassungen vereinbar sind.

Der Kampf um die Hirne

Arbeitswelt und Arbeitsorganisation versuchen mehr und mehr Zugriff auf die Hirne und auf die Psyche der Menschen zu bekommen. In der Wissenschaft läuft das unter dem Begriff der Subjektivierung und Ausschöpfung von „Human Ressources“. Manchmal kann man sich nicht des Eindruckes erwehren, dass sie auch in Behörden, Kollegien und Schulklassen Praxis sind. Was als Selbstverwirklichung daherkommt, entpuppt sich nicht selten als Steuerungs- und Manipulationsversuch, der Gewinner, aber eben auch Verlierer produziert.

Human Ressources

Das neoliberale Selbst

Ohne Moos nix los

Bildung, wie auch Schulpsychologie sind trotz aller mehr oder weniger verdeckter Privatisierungen noch immer öffentliche Angelegenheit. Immer wieder wird kritisiert, dass der der Bildungsbereich unterfinanziert ist. (Darüber hinaus gibt die inhaltliche Ausrichtung staatlicher Schulpolitik reichlich Anlass für Kritik). Zudem ist es bisher nicht gelungen, wenn es denn überhaupt ernsthaft angestrebt wird, die Chancen armer Kinder auf Bildung zu erhöhen. Geld und seine Verteilung spielt nach wie vor eine bedeutsame Rolle. Dazu einige HInweise:
Die Welt der Reichen
Steuerpolitik