Fordern und Fördern

Jetzt auch für Flüchtlinge

Da ist sie endlich in Gesetzesform gegossen: die staatliche Erziehungsmaschine, genannt Integrationsgesetz. Wie schon bei Hartz IV ern, bei nicht wenigen Beantragungen von Hilfen in der Schule, wird Flüchtlingen und Asylbewerbern erst einmal signalisiert: „Wir misstrauen dir. Wir gehen davon aus, dass du dir Mittel erschleichst und betrügst. Weil du ein undisziplinierter Mensch bist, kontrollieren wir dich. Dass du ein guter Mensch bist, nehmen wir dir nicht ab. Was du an Eigenheiten mitbringst, muss schon in unser Kontrollschema passen. Was du dann von uns bekommst, nennen wir Förderung.“

Ausführlich dazu Heribert Prantl in der Süddeutschen

Urteil gegen Aspekte der Bildungsprivatisierung

Kleine Risse in der Technokratisierung der Bildung?

Geistessterben nennt Pierangelo Maset die Ergebnisse der so genannten Bildungsreformen. Dass jahrlange Kritik an Privatisierung und marktkonformer Regulierung Früchte tragen könnte, hofft der Professor aus Lüneburg

Aber nach und nach sickerte durch, dass einige der Instrumente der schönen neuen Bildungswelt nicht nur viele unerwünschte Nebenwirkungen hatten, sondern darüber hinaus möglicherweise mit geltendem Recht nicht vereinbar sind.

Im konkreten Fall klagte eine private Fachhochschule, weil ihr von einer Akkreditierungsagentur im Verlauf eines entsprechenden Verfahrens die Akkreditierung von zwei Studiengängen versagt wurde. Die Hochschule strengte ein Normenkontrollverfahren an, das feststellen sollte, ob es mit dem Grundgesetz vereinbar ist, dass ein privates Unternehmen wie eine Akkreditierungsagentur hoheitsrechtliche Aufgaben übernimmt.

Menschenrechte, Würde, Anerkennung

Mitgefühl und Anerkennung

Geflohene Kinder und Jugendliche arbeiten unter besonders komplizierten Bedingungen und Erfahrungen an ihrer Zukunft, gemeinsam mit Lehrern und vielen anderen Berufsgruppen. Für manch „Alteingessene“ ist das eine harte Probe: Haben sie nicht auch Anerkennung und Aufmerksamkeit verdient? Das haben sie, ganz sicher. Die neue Lage muss nicht in eine Konkurrenz um das knappe Gut Anerkennung und Aufmerksamkeit münden. Sie kann dazu anregen, lauter und offener als in der Vergangenheit, die Frage nach dem Sinn von Bildung, Wissen und Erziehung für alle zu stellen.

Für die Professionellen kann sich die Frage nach dem Grund und Motiv ihres Berufs noch einmal stellen

Oft steht am Beginn der beruflichen Laufbahn die Ahnung und das Wissen, dass Anleitung, Wissensvermittlung, Unterstützung und gekonntes Loslassen für Kinder und Jugendliche lebenswichtig sind; dieser Aufgabe möchte man sich verschreiben. Der Anfangsimpuls ist in der Regel ein humanistischer. Durch Bürokratisierung, Industrialisierung des Lehrens und Lernens und durch Verknappung von Mitteln entfremden wir uns jedoch unserer Ausgangsmotive und Kinder entfremden sich von ihrem Wunsch zu lernen und ihr Können zu erproben.

Weil wir (auch) viel reden müssen, haben Fragen und die Suche nach Antworten nach dem Sinn von Bildung und Wissen eine neue Berechtigung. Beispiel: Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch der Begegnung. Nicht zuletzt werden hier Antworten auf die Frage gegeben: Was zählt der Mensch?

Humanistische Ansprüche

In Parlamenten und Schulausschüssen, so in NRW am 13.4, geht es in diesen Tagen um die Strukturen, Inhalte und Ressourcen der Schulpolitik unter den neuen Bedingungen. Aber auch in den „Vorflüchtlingszeiten“ war vieles nicht gut, so dass Gelegenheit ist, der Schulpolitik eine neuen, humanistischen Ton zu geben.

So sehr in Verfassungen und Leitlinien von Berufsverbänden ein humanistischer Anspruch formuliert ist, so sehr weht denjenigen, die damit ernst machen wollen, der Wind ins Gesicht (1). Darf man so (2) oder so (3) („Die EU gehe „sehenden Auges illegal vor“, urteilt Michalski über die Umsetzung des Abschiebepakts mit der Türkei, den maßgeblich die deutsche Regierung ausgehandelt hat“) mit Menschen umgehen? Welche Signale werden damit für die neu Angekommenen, für die, die schon länger hier sind, für die vielfältig Engagierten gesetzt? Die große Politik ist ein einziger Affront für eine Politik der Menschlichkeit, an der sich viele versuchen. Die Politik unterläuft und untergräbt die Werte, für die sie angeblich steht. Eine fortwährende kognitive, emotionale und gesellschaftliche Dissonanz.

(1) Klaus-Jürgen Bruder, (Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie) im Interview

(2) Stellungnahme von Pro Asyl

(3) Bericht German Foreign Policy

Leseempfehlung: Verstehen nach Zahlen?

Vor einiger Zeit habe ich hier  auf das Buch »Neoliberale Identitäten« mit interessanten Texten hingewiesen. Ein Artikel scheint mir für den pädagogischen, schulpsychologischen und beraterischen Bereich sehr treffend, auch wenn er sich mit dem Arbeitsfeld der Psychotherapie befasst. Strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Schul- und Schulberatungsbereich sind offensichtlich.

Der Titel (»Verstehen nach Zahlen?«) weist auf ein Grundproblem der Psychotherapie – und eben auch pädagogischer und psychosozialer Arbeitsfelder – hin. Sie sollen sich nach dem Vorbild mechanistischer und industrialisierter Modelle rational und zweckorientiert, also ökonomisch effizient formieren (lassen). Giovanni Maio beschreibt prägnant und sprachmächtig, wohin das führt: zu einer Dehumanisierung der Patienten/Klienten/Schüler/Professionen. Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung, Autonomie, Mitgefühl sind auf diesem Weg der vermeintlichen Effizienzsteigerung nicht zu erreichen. Das Gegenteil ist zu befürchten. Die seelischen und sozialen Schäden werden zunehmen und die Aussichten auf individuellen und gesellschaftlichten Zusammenhalt schwinden dahin. Weiterlesen „Leseempfehlung: Verstehen nach Zahlen?“

Literaturhinweise für den aufgeweckten Berater und die aufgeweckte Beraterin

Hier wurden schon mehrfach die

Beiträge der »Gesellschaft für Bildung und Wissen«

(siehe Linkliste rechts) erwähnt. Nun haben einige ihrer Mitglieder Beiträge in einem Buch zusammengefasst: Weniger ist weniger. Der stellvertretende Geschäftsführer der Gesellschaft hier in einem Interview

Nicht minder bedeutsam scheint mir das neue Buch von Katharina Gröning.

Sie befasst sich mit der merkwürdigen Situation, dass seit vielen Jahrzehnten sich Beratung in nichtklinischen Zusammenhängen mehr oder weniger stark einer therapeutischen Orientierung bedient. Ich vermute, dass das einer der Gründe für die relative Schwäche von Beratung, für eine Schwäche der „Community“ ist und zu einer Schwächung des Ansehens von Beratung durch die „haltenden“ Institutionen beiträgt. Katharina Gröning stellt dem eine Sozialwissenschaftlich fundierte Beratung in Pädagogik, Supervision und Sozialer Arbeit“ gegenüber.

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Für psychoanalytisch orientierte Berater/innen

und für solche, die sich mit den Wirkungen von Vorgaben und Richtlinien auf die Praxis befassen wollen, könnte Wie viel Richtlinie verträgt die Psychoanalyse? Eine kritische Bilanz nach 50 Jahren Richtlinien-Psychotherapie von Interesse sein.

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Der Zusammenhang von Psyche und Ökonomie

wird in dem von Almuth Bruder-Bezzel, Klaus-Jürgen Bruder, Karsten Münch herausgegebenen Buch »Neoliberale Identitäten der Einfluss der Ökonomisierung auf die Psyche« erörtert.

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Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

dürfte uns nicht unbekannt sein. Carlo Strenger macht sie zum Thema

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Wie werden Gefühle wahrgenommen,

und wie trägt eine spezielle Abtrennung von Wahrnehmung und Handeln zu einer Lähmung bei? Franz Witsch: Die Politisierung des Bürgers, 4.Teil: Theorie der Gefühle, Beiträge zur Wahrnehmung und Produktion sozialer Strukturen gibt Aufschluss.

Das war das Leseprogramm für den Rest des Jahres.

Kongressteilnehmer protestieren gegen Politik der Bundesregierung

Vom 3. bis 6. März 2016 fand in Berlin der Kongress „Migration und Rassismus“ der Neuen Gesellschaft für Psychologie statt. Die Teilnehmer meldeten sich mit zwei Protestnoten zu Wort

Die Kongressteilnehmer_innen sehen keine Anstrengungen der politisch Verantwortlichen, die Fluchtursachen tatsächlich zu beseitigen. Denn dies hieße für Nato und EU im Nahen Osten und Afrika, wirtschaftliche und politische Einflussnahme, kriegerische Interventionen und
Waffenlieferungen zu beenden.
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Die zweite Stellungnahme kritisiert das Asylpaket II:

Die Menschenwürde und das Recht auf Unversehrtheit von Leib und und Leben werden verletzt
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Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hatte sich gegen den Gesetzentwurf des Asylpakets 2 ausgesprochen:

Klicke, um auf 151202_asylverfahren.pdf zuzugreifen

Leider etwas versteckt

findet sich in Report Psychologie ein kurzer Bericht über die haltlose Lage der Geflüchteten im Asylverfahren

Die politisch-gesellschaftliche Dimension von Beratung offenbart sich immer deutlicher

Nie war Beratung losgelöst von Gesellschaft und Politik

Jedoch gaben sich Berater/innen nicht selten Mühe, sich rein fachlich zu verstehen und die Befassung mit politischen Fragen als Ablenkung oder als Politisierei am falschen Ort und am falschen Objekt zu betrachten. Zu groß war vielleicht die Furcht, sich auf unsicheres und vermintes Terrain zu begeben, wenn man politisch dachte – und diskutierte. Das sollte doch eher Privatangelegenheit sein. Die Fachlichkeit schien eher die eigene Stabilität und den Frieden am Arbeitsplatz sichern zu können. Und lange schien diese Form der Selbstimmunisierung funktionieren zu können. 

Dabei drang die Wirklichkeit der Konkurrenz des »jeder gegen jeden«, eines deformierten Verständnisses von »Eigenverantwortung«, des vermeintlichen »Forderns und Förderns« etc. in die Beratungswelt ein. Die programm- und politikgewordene Konditionierung von Aufmerksamkeit und Zuwendung, das vorausgesetzte Misstrauen in die Entwicklungsbereitschaft von Menschen, die unterstellte Erziehungsbedürftigkeit und die Anmaßung von Politik und Institutionen das zu bestimmen, was (im Sinne der Marktförmigkeit) als angemessen zu gelten hat, hinterlässt breite Spuren in Beratungprozessen.

Was mit den Hartz IV-Gesetzen in der Begegnungsform zwischen Politik und Ausgegrenzten (und den davon potenziell Bedrohten) an Klima- und Gesellschaftsveränderung eintrat und seitdem sich verschärfte, lässt sich in einem Beitrag von Anke Schwarzer in den „Blättern“ mit dem Titel: »Integration im Sanktionsmodus« nachlesen. Er ist für 1 EUR online zu erwerben. Aus der Zusammenfassung:

Deutschland steckt in einer Versorgungskrise, die lange vor dem tausendfachen Zuzug von Flüchtlingen über die Balkanroute begonnen hat. Bund, Länder und Kommunen schaffen es derzeit nicht, allen Menschen im Land die wichtigsten Güter zu gewähren: Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, Bildung und Gesundheitsdiensten sowie die Gewährleistung von Sicherheit und politischer Teilhabe. Die Herausforderung für die Parteien ist also immens, und taugliche Antworten lägen im Interesse der Flüchtlinge wie der Mehrheitsgesellschaft. Jedoch schlagen deutsche Spitzenpolitiker zunehmend eine andere Richtung ein: Sie erklären die neu Angekommenen zu Integrationsverweigern.

Die Erschütterungen und Irritierbarkeiten stellen sich nicht allein bei den Klienten ein, sondern auch bei den Berater/innen. Nicht zuletzt wird es für den Standort von Beratung und für ihr Standing bedeutsam sein, wie sich Berater/innen ihrer Rolle in ihrem Aufgabenfeld vergewissern. Das fängt bei der Wortwahl an: Übernehmen wir das Wort von der »Flüchtlingskrise« oder sprechen wir von einer »Humanitäts- oder Mitmenschlichkeitskrise«? An welchen Leitbildern des Zusammenlebens wird gerade gemalt? Und wie verhält sich »Beratung« zu ihnen? Mit welchen Normen, Normalisierungsvorstellungen und Menschenbildern beteiligt sie sich an der Neuformierung des Gemeinwesens? Diese Themen sollen hier einen Platz finden können.

Dazu scheinen mir die Einwürfe des Bundesrichters Thomas Fischer geeignet.