Psychologische und sozialpsychologische Muster der „besorgten Bürger“

Kurz und knapp beschreibt Sascha Lobo auf Spiegel online zentrale Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmuster der „besorgten Bürger“. Sehr hilfreich für alle, die mit ihnen zu tun haben. Sein Text kann helfen, auch sie zu verstehen. Was nicht heißt, ihre Ansichten gutzuheißen. Die Überlegungen verweisen darauf, welche Mängel unsere politische und gesellschaftlich Praxis hat: Was sind die Voraussetzungen für Empathie?

Bildung und anderes als Investition und nicht als Kostenfaktor

In aller Kürze macht Hermannus Pfeiffer darauf aufmerksam, dass sich die Wirtschaftspolitik verändern muss, wenn die Wirtschaft nicht einbrechen und sich unser Leben nicht radikal verschlechtern soll. Niedrige und nur geringfügig steigende Löhne werden nicht mehr reichen, wenn die Exporte nicht mehr funktionieren (und die funktionieren nur so lange, wie sich „andere“ für „unsere“ Waren verschulden). Es könnte sein, dass sie sich das bald nicht mehr leisten können und wollen.

Nudging: Freundlich Hilfe oder Manipulation?

Ein boomender Markt für Psychologie ist das Nuding (Anschubsen). Es kommt in der Regel freundlich oder unbemerkt daher. Aber wie immer in der durchkommerzialisisierten und kontrollierten Welt ist es nicht uneigennützig. Und es setzt auf gegebenen Verhältnissen, die in ihrer Entstehung und Weiterentwicklung nicht in Frage gestellt werden, auf. So stellt es nicht die Frage, ob nicht verbesserte Bildung oder ein anders organisiertes Gesundheitswesen ähnliche Wirkungen haben könnten – und noch dazu einen demokratischen Kollateralnutzen.

Gerd Gigerenzer, Psychologe und leitender Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, unterzieht den »libertären Paternalismus« einer umfassenden Kritik (vgl. Review of Philosophy and Psychology, September 2015). So überschätze dieser systematisch die angebliche »Irrationalität« von Menschen. Die von ihm unterstellten »wohlwollenden Entscheidungsarchitekten« seien nicht vor Irrtümern geschützt. Gigerenzer verweist hier auf problematische Nudge-Praktiken im Zusammenhang mit Grippeimpfungen und Brustkrebsvorsorge. Und schließlich gebe es ein empirisch bewährtes und viel zuverlässigeres Mittel, Entscheidungskompetenzen zu fördern und gesundheitsschädliches Verhalten zu begrenzen: umfassende Bildung.

Weitere Überlegungen dazu in diesem Artikel von Michael Zander

Beratung im Umbruch – Beratung auf Abwegen?

Beratung wandelt sich von einem Mittel der Selbstbestimmung und Mündigkeit zu einem Mittel der Steuerung für Politiker und Planer. Wertvolle Bestandteile von Beratung werden dabei aufs Spiel gesetzt. Vor allem sind es solche Bestandteile, die Einsichten in die eigene Persönlichkeit und Organisation ermöglichen. Und nicht zuletzt auch solche, die eine kritische Betrachtung ermöglichen und das Beurteilungs- und Gestaltungsvermögen stärken.

Gestaltungsmöglichkeiten zurückzugewinnen und damit Voraussetzungen für Rückgrat zu schaffen, könnte eine schulische und gesellschaftlichen Aufgabe sein. Beratung kann mithelfen. Wenn Menschen daraufhin erzogen und beraten werden, in vorgefertigten Plänen, Laufbahnen und Modulen zu funktionieren, wird es eher gefährlich, siehe VW, FIFA, DFB, Deutsche Bank …

In meinem jüngsten Aufsatz gehe ich (wieder einmal) unterschiedlichen Beratungsverständnissen nach. Dieses Mal aber mit neuen Ansätzen. Ich verdanke sie Katharina Gröning und ihrem Buch »Entwicklungslinien pädagogischer Beratung«. Aber auch in dem alten »Heft 39«, einem Gründungspapier der nordrhein-westfälischen Schulberatung, habe ich noch einmal gestöbert.

Von Tests, Algorithmen, Persönlichkeit, Individualität, Genen und Umwelt

Von Tests zu Algorithmen ist es kein weiter Weg. Was in beiden Verfahren auf der Strecke bleibt, ist die Sensibilität für die besonderen Umstände des jeweiligen „Falls“, der ja immer ein lebendiger Mensch ist, dem das Recht auf und die Fähigkeit zur Veränderung nicht abgesprochen werden darf.

Götz Eisenberg befasst sich mit dem anscheinend unaufhaltsamem Drang, menschliches Verhalten industriell und in großem Maßstab vorherzusagen und zu kontrollieren. Nahezu zwangsläufig mündet das in eine Gesellschaft voller Überwachung. Das Überprüfen und Sortieren mit mehr oder weniger verlässlichen Tests nimmt nicht zuletzt in Schule zu, im Namen der Gerechtigkeit und bestmöglicher Förderung.

Die Risiken der Stiftungen

Die großen Stiftungen sind Instrument der Entdemokratisierung und treiben die Herrschaft des Kapitals voran

Das gilt besonders für die Bertelsmann-Stiftung. Sie sieht Bildung als Markt. Stiftungen arbeiten im Hintergrund und verändern schleichend den Alltag. In der Regel werden sie wenig von den Medien beachtet und von der Politik gefördert. Und sie stifen nichts. Um so besser, dass wir hier

im Deutschlandradio und

hier im Freitag Ausnahmen verzeichnen können

Wikipedia: keine verlässliche Bildungs- und Informationsplattform

Nicht wenige von uns nutzen Wikipedia als vermeintlich neutrales und professionelles Bildungsmittel

Jedoch sind Zweifel hinsichtlich der Qualität angebracht. Es gibt ernsthafte Kritik an der Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln

Die Manipulatoren in der Wikipedia profitieren davon, dass die Wikipedia vom unbedarften Leser als professionelles Lexikon wahrgenommen wird, was die Wikipedia in großen Teilen nie gewesen ist. Anders als beliebige Zeitungsartikel genießt sie aber dennoch eine hohe Reputation!

Der Ruf der geisteswissenschaftlichen Artikel leidet besonders unter den manipulatorischen Aktionen einiger Autoren.

Mehr dazu in diesem Artikel der Nachdenkseiten

Die neoliberale Domestizierung der Sozialen Arbeit

Ein Blick in die pädagogische Ethik des Neoliberalismus

In einem Interview stellt Matthias Heintz anschaulich und mit einem ausführlichen Beispiel dar, wie das, was Hilfe sein soll, in einen demütigenden und frustrierenden Kreislauf mündet. Hilfebedürftige werden hin-und hervermittelt, unter anderem, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gebe einen Sozialstaat, der fördert und deshalb auch fordern dürfe.

gut zu erkennen etwa in dem Dogma der Agenda 2010: Fördern und Fordern. Wobei sich das Fördern offenbar auf die Lernhilfe für nicht leistungswillige oder -fähige Menschen im Hinblick auf das Erlernen der funktionalen An- und Einpassung in das Regelwerk eines marktorientierten Systems bezieht. In der duldsamen und schweigenden Unterordnung finden wir die Maxime der pädagogischen Ethik des Neoliberalismus.

Die Profession sieht Matthias in einem miserablen Zustand

Insofern finden wir insgesamt jüngere Generationen vor, die sich, so sozialisiert, im Wesentlichem kaum mehr kritisch verhalten können oder aber kaum die Anstrengung kritischer Auseinandersetzung auf sich nehmen wollen bzw. können. Sie kennen häufig überhaupt nur noch die Bedingungen und entsprechende Deutungsmuster einer, wie Kanzlerin Merkel es so treffend bezeichnet hat „marktkonformen Demokratie“.

Dennoch und deswegen gibt es Widerstand

Hier geht es zum Artikel auf den Nachdenkseiten. Lesenswert. Bleibt noch die Frage: Wie steht es um Schule und Beratung für Schule?