Sind (Schul-) Kinder systemrelevant?

Ein Mantra der angeblich wissens- und wissenschaftsbasierten (Schul-) Politik ist, dass sie Evidenz für sich in Anspruch nimmt.

Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare oder die unmittelbare, mit besonderem Wahrheitsanspruch auftretende vollständige Einsicht.

heißt es bei Wikipedia.

In anderen Zusammenhängen werden Evidenz und Evidenzbasiertheit in dem Sinne verstanden, dass es Belege und Beweise für ein Handeln gibt.

Dass in der Bildungsrepublik Deutschland während der Corona-Krise danach gehandelt wurde, darf bezweifelt werden. Einige Argumente und weiterführdende Links finden sich hier.

Corona deckt alte Schwachstellen des Schulystems auf

Jetzt soll es losgehen mit der Schule – früher oder später. Oder vielleicht doch nicht?

Der häufig marode Zustand von Schulgebäuden, die unterfinanzierten Schulverwaltungen in Städten und Kreisen lassen erahnen, dass die ersehnte Rückkehr zur Normalität noch lange auf sich warten lassen könnte. Nicht nur das zur Ökonomisierung und Kommerzialisierung freigegebene Gesundheitswesen, auch das über viele Jahre schlank (?) gesparte (?) Schulwesen können die Anforderungen nicht verkraften.

Ein Interview des Deutschlandfunks.

Psychologen zur "Coronakrise"

Die Mainstream- und Qualitätsmedien sind sehr damit beschäftigt, uns auf den Kurs der Regierung(en) einzuschwören. (Selbst-) Disziplinierung und Folgsamkeit sollen der Weg sein, der zur Rettung führen soll. Analyse und Kritik sind in der (selbst mit hergestellten) Not nicht angesagt. Rubikon hat in den letzten Tagen einige Aufstätze von Psychologen veröffentlicht, die das bekannte Spektrum des Gesagten und Gesollten um Nachdenkenswertes erweitern.

So schreibt Andreas Peglau, wie sich mit Erich Fromm die augenblickliche Lage auch psychologisch und psychoanalytisch analysieren lässt

Denn sollten sogar diese nicht mehr gelten, bliebe nur eines: Wir müssten selbst denken, urteilen und entscheiden, uns möglichst umfassend und tiefgründig informieren, zwischen konträren Darstellungen abwägen, Spannungen und Wissenslücken aushalten, uns mit anderen auf Augenhöhe austauschen, kritische Fragen stellen – auch an „Experten“. Wir müssten möglicherweise sogar Widerstand leisten gegen etwas, das „von oben“ kommt.

Klaus-Jürgen Bruder schreibt über den Diskurs der Macht, der gerade auch in Corona-Zeiten nicht stillgestellt ist und das Potenzial hat, uns zu korrumpieren.

Wir denken nur noch: Wie schütze ich mich? Wie sorge ich vor, verbunden mit der Hoffnung, es wird bald vorbei sein – wir denken nicht mehr an anderes, was vorher wichtig gewesen war: die Wirkung der Ablenkung – von dem, was diese „Krise“ erst möglich gemacht hat. Das Gesundheitswesen war nicht darauf vorbereitet, keine ausreichende Vorsorge an medizinischen Schutzmitteln, durch „Sparpolitik“ verursachter Mangel an Personal und Kliniken. Die Panik des Kaninchens angesichts der unvorhersehbar aufgetauchten Schlange.

Georg Lind schreibt über Panik.

Ein altbewährtes, wirksames Gegenmittel gegen pathologische Panik ist und bleibt mit Immanuel Kant:

Sapere aude! Wage zu denken!

Gewissensfragen der Schulpsychologie und Schulberatung

Wie überholt ist das denn? Oder ist es überfällig,

sich damit zu befassen?

Ich habe mich mit dem Thema befasst. Ein Aufsatz dazu ist erschienen. Ich beschreibe eine Lage zwischen Lethargie und Unbehagen, in der sich Schulpsycholog’inn’en und Schulberater’innen befinden. Ich weise auf tatsächliche Einschränkungen beraterischer Praxis und Konzepte hin und auf die hohen ethischen Ansprüche, mit denen Berufsverbände Schulpsychologie versehen. Fremd- und Selbstbeschränkungen im beruflichen Handeln drohen ethische Ansprüche zur Fiktion werden zu lassen und werfen Gewissensfragen auf.

Die Themen des Aufsatzes sind unter anderem

Vermessung der Persönlichkeit

Resilienz und Emotionsregulation

Wissenschaftliche Neutralität und Gesellschaftsblindheit

die Umsetzung von Inklusion

und andere mehr. Der Aufsatz ist im Handbuch der Schulberatung bei mgo-fachverlage erschienen. Das Handbuch präsentiert ein breites Spektrum schulberaterischer Praxis.

Kränkung: Gar nicht so neu – jetzt mit Neurobiologie

Im Beitrag auf Deutschlandfunkkultur wird das Thema Kränkung abgehandelt, als sei man vollständig neuen Einsichten auf die Spur gekommen. Nachdem er hart an der Grenze zur Psychologisierung und zur Vernachlässigung der sozialen Seite des Themas entlangwandelt, greift er aber doch dankenswerterweise die Möglichkeit der Ablenkung von sozialen Konflikten auf, die in der Kaprizierung aufs Individuum liegt. Deshalb: bitte bis zum Ende durchhalten.😉

101 Jahre Weimarer Schulkompromiss

Interessante Entwicklungslinien von 1919 bis in die 2020er Jahre

Vor einigen Tagen machte sich ein Kollege »Gedanken zum Schulsystem in Deutschland«. Seine Hauptthemen waren einige Inkonsistenzen der Schule zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich subversiv störend und irritierend auf Lernen und Unterrichten auswirken. Es lohnte sich, darüber eine Debatte zu führen. Ich will hier nur einen Aspekt herausgreifen.

Das derzeitige Schulsystem basiert im Wesentlichen auf preußischen Denk- und Organisationsstrukturen. In gut gemeinter Absicht wurde 1919 die allgemeine Schulpflicht durch die Weimarer Verfassung eingeführt, was damals eine sozialpolitisch wegweisende Entscheidung gewesen ist. Beibehalten wurden hingegen die „preußischen“ Organisationsstrukturen, die autoritär und streng hierarchisch waren. Sie basieren vor allem auf dem Prinzip von Befehl bzw. Anweisung (vgl. Gesetze, Erlasse) und Gehorsam bzw. Umsetzung.

In der Tat wurden 1919 die Weichen für ein Schulsystem gestellt, das wir in wesentlichen Zügen noch heute haben und das uns immer noch zu schaffen macht.

Wie ist das möglich nach zwei Weltkriegen, die eng mit einem reaktionären, nationalistischen und militaristischen Vorlauf verknüpft waren? Und wie ist es möglich, dass im Schul- und Bildungssystem sich undemokratische, integrations- und partizipationsfeindliche Strukturen und Traditionen nach diesen Erfahrungen halten konnten?

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Erziehung als Mittel der Verdinglichung

Ein vielversprechendes Buch ist vor Kurzem auf den Markt gekommen. Manche Zeile klingt drastisch.

Für den gewünschten Output wurde die herzustellende Ware im Fortgang des bio-logischen Wachstums vermessen, gesellschaftlich kontrolliert und, wenn nötig, aus-sortiert und im schlimmsten Falle zur Mangel- oder Fehlerware abgestempelt, aus dem Handel genommen und »verramscht«. Sein gesellschaftlicher Marktwert taxiert sich nach bestandener Qualitätsprüfung. Diese erfolgt, den Gesetzen des neoliberalen Marktes folgend, in standardisierter und objektivierter Form. Ziel der Herstellung ist das »normale Kind«.

Das passt so gar nicht zum Sound der Bildungspolitik und dazu, was viele sich wünschen zu sein, wenn sie erzieherisch oder beratend aktiv sein wollen. Die Gedanken der Autorin könnten aber geeignet sein, uns die Augen zu öffnen. Man könnte einen Zusammenhang herstellen: Je mehr vermessen, kategorisiert – also diskriminiert – wird, um so heftiger und rauschhafter wird die Rede von der Inklusivität geführt. Sabine Seichter hat das Buch »Das ›normale‹ Kind« geschrieben. Hier gibt es eine Leseprobe.

Es geht weiter – zumindest etwas

Hier war es eine Zeitlang sehr ruhig. Kein Wunder, gab es doch anderes zu tun als diesen Blog aktuell zu halten. Zwei Aufsätze sind in den letzten Monaten entstanden, die einen schulpsychologischen und schulberaterischen Bezug haben. Das werde ich noch in einem eigenen Post bedenken. (Es gibt aber noch andere Beschäftigungsmöglichkeiten, die Zeit kosten.)

Tatsächlich versiegt für mich als Ehemaligen die Quelle der unmittelbaren Erfahrung, um das eine oder andere Thema aufzuspießen. Und die meisten Kolleginnen und Kollegen folgen bewusst oder unbewusst der Erwartung des Arbeitgebers, Neues, das nicht für PR oder Propaganda geeignet ist, unter Verschluss zu halten. (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel). Das ist sicherlich die eine oder andere Überlegung wert, wie das (die Abschließung) funktioniert. Das heißt, es wird hier wenig oder gar nicht mehr darüber nachgedacht werden, wie sich im alltagspraktischen beruflichen Handeln, politische, sozialpsychologische Konzepte heimlich und unheimlich umsetzen.

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Bildungshorizonte

Man sollte glaube, , dass die Themen Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, die Frage: »Wie wollen wir leben?« an Schule und Bildung nicht vorbeigehen. Vielleicht hat sich etwas verändert, seitdem Fridays for Future stattfinden. Aber hat sich auch etwas am Bildungsverständnis verändert? Ist in der Diskussion, dass Subjektorientierung, Verantwortung, Persönlichkeitsentwicklung neu gedacht werden müssen? Dass Bildung mehr ist als Passung und Anpassung? Dass die Art zu lernen, die ausgewählten Themen und ihre Verknüpfung mit der Gesellschaft auf das aktuelle und spätere Handeln der jungen Menschen haben?

Im Alltagsgeschäft der Optimierungs- und Vermessungsarbeit dürfte das verloren gehen. Matthias Greffrath stellt diesen Zusammenhang in einer Essay-Reihe her. Lesenswert:

Wer von Demokratie redet, ohne über dieses gemeinsame Eigentum reden zu wollen, der meint es nicht ernst. Denn Demokratie setzt Sicherheit voraus. Wer Angst um sein Auskommen, seine Gesundheit, sein Alter haben muss, wer nicht durch Bildung in die Lage versetzt wird, urteilsfähig zu sein – der mag Bewohner eines Landes sein, aber er ist, im starken Sinne des Wortes, noch kein Bürger. Das sozialdemokratische Jahrhundert hat an der Herstellung einer solchen bürgerlichen Sicherheit gearbeitet – durch Vollbeschäftigung, durch Umverteilung, und, was noch wichtiger ist, durch Bildung. Und auf dem Gipfel dieser Geschichte haben wir Deutschen sogar – als milde Erben des radikalen Bürger-Industriellen Rathenau – den Satz, dass Eigentum verpflichtet, in unsere Verfassung geschrieben.

Bildung als Tauschhandel

PISA – hört das denn nie auf

Der schlechte Zustand der Schülerinnen und Schüler in unserem Land wird wieder einmal beklagt. PISA. Ach ja PISA. Es werden bald 20 Jahre sein, dass es so geht. Und immer wieder wird uns verkündet, dass es jetzt aber endlich losgehe. Wir ganz vorne. BRD ist jetzt Bildungsrepublik D. Famos. Und nun wieder das. Einige Punkte schlechter. Besessen von der Magie der Zahl, unberührt von Ungenauigkeiten der Messung, unberührt von der Frage, was da eigentlich gemessen wird, wird wieder Stimmung gemacht. Die verflüchtigt sich dann bald wieder. Bis zur nächsten PISA-Untersuchung.

Fatal: Zählen, Messen, Vergleichen

Man könnte so vieles machen: Sich fragen, was da gemessen wird. Sich fragen, was als Leistung gilt und wie sie in Zahlen gefasst werden kann. Und ob es nicht gerade der Fetisch des Messens, Zählens und Vergleichens sein könnte, der in die Abgründe des Versagens führt. Sie wissen nicht, was gemeint sein könnte? Lernen sollte einen Sinn haben, Fragen und Themen berühren, die mich betreffen. Geschieht das nicht? Immer weniger. Wie das?

Kompetenzorientierung

Zum Beispiel mit der Kompetenzorientierung. Da kommt es nicht auf die Inhalte an, mit denen man sich auseinanderzusetzen hätte. Die Inhalte dienen als Mittel zum Erwerb von Methoden. Das Lernen wird mehr und mehr kontextfrei. Der Knackpunkt dabei ist: Die Suggestion, etwas lernen zu können, ohne sich mit konkreten Inhalten beschweren zu müssen. So beschreibt es Ralf Klausnitzer im Freitag Nr. 48 vom 28.11.2019. Das Lernen für die Prüfung, für credit Points, entfremdet persönliches Erkenntnisinteresse und Lernen.
Sich auf einen Inhalt einzulassen, ist eher hinderlich. Das, was gelernt werden könnte oder sollte, zerbröselt zu bedeutungslosen Puzzlestücken. Sie ergeben keinen Sinn, schon gar nicht für das eigenen Leben. Bestenfalls sind sie kurzfristig für Prüfungen abrufbar.

Verstehen

Es geht ums Verstehen. »Verstehen ist schwer. Es gibt dafür keine Rezepte mit wohlfeilen Anweisungen«, schreibt Johannes Berning in der derselben Zeitung. Es scheint so, als käme es in Universitäten (immerhin die Ausbildungsstätten der Lehrer’innen) und Schulen immer weniger aufs Verstehen an. »Inhalte haben keinen Gebrauchswert mehr… Inhalte interessieren vielmehr nur noch ihres Tauschwerts wegen: Leistung gegen Guthaben.« Damit wird der geistige Leerlauf gepflegt und gepäppelt. »Erst verschwinden die Inhalte. Dann das Denken.« Da hilft keine Methodenverfeinerung. Sondern nur Denken. Mit Inhalten.

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