„Aus der Welt gefallen“

so lautete der Titel eines kürzlich  von Götz Eisenberg veröffentlichten Artikels. Es ging darin um eine Nachbetrachtung zum Absturz der German Wings Maschine im März 2015.

„Nimmt man ein Symptom allzu schnell unter Beschuss ohne seine Bedeutung im seelischen Gesamthaushalt eines Menschen begriffen zu haben, bringt man ihn in Gefahr.“

Darum geht es oft genug auch in der schulischen Beratungsarbeit. Jedoch scheint die Neigung, sich der Mühe des Verstehens zu unterziehen, abzunehmen. Zu groß ist der Schrecken und die Überforderung als dass man sie glaubt aushalten zu können. Zu groß sind die Zwänge und Forderungen des Alltags aus Lernzielkontrollen, Inspektionen, Fristen und sonstigen Ansprüchen. Die Neigung nimmt zu, sich für Außergewöhnliches nicht zuständig zu halten. Dabei sind Lehrer/innen, Kolleg/inn/en, Eltern wichtige Brückenbauer zu weitergehender Hilfe. Sie sind Menschen in Not (relativ) am nächsten, wichtige Vertrauens- und Bindungspersonen, die sich nicht vom verzweifelten Menschen abwenden sollten. Das kann eine weitere Kränkung sein, die „das Fass zum Überlaufen bringt“.

Der Valorisierte trägt in sich die Gewissheit, dass die Dinge kommen können und er das Leben und seine Widrigkeiten meistern wird. Wem es hingegen an Zuwendung und verlässlicher Anwesenheit der Bezugspersonen mangelt, der fühlt sich nicht hinreichend sicher genug gehalten und entwickelt anstelle eines Urvertrauens Misstrauen und Angst.

Lehrer/innen und Eltern sowieso sind wichtige Bezugs- und Bindungspersonen für Schüler. Für Schüler oft natürlicher und selbstverständlicher als Experten von außen. Letzere können die Hauptbezugspersonen nicht ersetzen. Sie stellen oft eine wichtige, wenn auch zwiespältige, Verbindung zur Welt (und vielleicht zu wirksamer Hilfe) dar. Aber die Bezugspersonen brauchen Rat und Unterstützung durch Berater/innen bei der Einordnung „merkwürdigen“ und „verrückten“ Verhaltens, um diese Haltearbeit tun zu können, bis ggf. weitergehende Hilfe greifen kann. Oft sind es Ängste der Bezugspersonen, alleingelassen zu werden (wie bei den Verzweifelten selbst), wenn sie nach den Experten rufen, oder wenn sie darauf verweisen, dass sie „das“ nicht leisten könnten. Wir sollten gemeinsam „drin“ und „dran“ bleiben. Supervision und Beratung für die Professionellen hilft dabei.

Das Diagnostizieren, mit dem wir heute so schnell bei der Hand sind und worauf wir uns so viel zugutehalten, erweist sich als ein Instrument, mit dem die Gesellschaft Störungen und Gefährdungen ihres Zusammenlebens gerade nicht zu verstehen lernt, sondern abdeckt, abriegelt und administrativ in den Griff zu bekommen versucht. Diagnosen befriedigen das Ordnungs- und Kausalitätsbedürfnis der Wissenschaft und der professionellen Helfer sowie den Wunsch, in einem bisher undurchschaubaren, chaotischen, gefährlichen, vielleicht auch angstauslösenden Bereich Ordnung zu schaffen durch Einordnen und Klassifizieren: „Aha, das ist es also!“ Diagnosen rücken den Patienten zurecht für den medizinisch-psychiatrischen Apparat und seine Normalisierungstechniken. Vor allem bahnen sie den Weg für die Verschreibung von Medikamenten, woran die Pharmaindustrie ein großes Interesse hat. Unser Anliegen sollte deshalb nicht sein, ein Symptom schnellstmöglich zu beseitigen, sondern den Versuch zu unternehmen, seine Bedeutung aus der Vielschichtigkeit des jeweiligen Menschen und seiner Lebensgeschichte heraus zu verstehen.

Hier geht es zum vollständigen Artikel von Götz Eisenberg

Es geht noch, weiter

Dieser Blog (und vor allen Dingen sein Betreiber) ist noch nicht tot!

Aus dem Beruf auszuscheiden hat allerdings Aufgaben der Neuorientierung zur Folge, die ihre Zeit und Aufmerksamkeit erfordern, mehr als man meinen möchte. Zur Neuorientierung gehört auch, Altes und Zurückgelassenes in Ordnung zu bringen. Gelingt natürlich nicht, ist aber einen Versuch wert und verschafft ab und an eine neue Erkenntnis.

Der Strom tagtäglicher Versorgung mit Praxiserfahrungen aus Schule, Lehrerschaft, Schülern und Behörde ist natürlich unterbrochen. Stattdessen werden hier in größeren Abständen Themen zu Beratung und ihrer Formierung der Politik und Behörden ihren Platz finden. Ebenso das, was ich bisher unter „Kontexte der Schulpsychologie“ platzierte, also mehr oder weniger allgemeinpolitische Berichte; sie zeigen oft genug Strukturen, Strategien und Stile, die sich auch in Schule und Schulberatung erkennen lassen und ihre Vergiftung kenntlich machen – sofern man der Auffassung ist, dass an Schule der Trend zur Dehumanisierung nicht vorbeigeht, sondern sie gar zu einer Brutstätte der Verdinglichung wird. Wer sich beteiligen will, kann sich unter info.retour(at)gmail.com melden.

Wenn Analyse nicht analysiert, sondern steuert …

Schon im Januar 2015 fand im NRW Landtag eine Anhörung zum Thema Qualitätsanalyse in der Schule statt. Auf der Website der Gesellschaft für Bildung und Wissen finden sich drei Stellungnahmen. Professor Jochen Krautz zeigt http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST16-2474.pdf, wie verwegen die Annahme ist, es gehe um Qualität. Tatsächlich gehe es um verdeckte Steuerung.

Bis in diese subtilen psychologischen Strategien zeigt sich der eigentliche Effekt der QA darin,Schulen und Lehrerschaft in Handeln und Einstellungen auf die politisch gewünschten Unterrichtskonzepte auszurichten. Derart wird Kontrolle nicht abgebaut, sondern nur verlagert: Fremdkontrolle soll zunehmend zur Selbstkontrolle gemäß den vorgegebenen Kriterien führen. Das Kontrollsystem kontrolliert dabei weniger die Qualität des Unterrichts, sondern die Qualitätskontrolleure kontrollieren die Selbstkontrolle von Lehrern und Schulen. Damit wird die im Schulgesetz verankerte pädagogische Eigenverantwortung aber gerade nicht gestärkt, sondern unterlaufen.

Wer sich für die Stellungnahmen anderer Personen und Verbände interessiert, wird hier fündig.

Jochen Krautz arbeitet heraus, dass das die Begrifflichkeiten des Qualitätsmanagments vom ökonomistischen Marktdenken durchtränkt sind und sie Bildung und Erziehung ein Regime auferlegen, welches ihrer Eigenart und Logik nicht gerecht wird. Für Schulpsycholog/inn/en und Berater/innen sind diese Überlegungen nicht uninteressant, weil sie mehr und mehr in den Sog des sog. Qualitätsmanagements hineingezogen werden und sich selbst mehr und mehr dieses Denkens bedienen – aus Überzeugung oder um Anschlussfähigkeit zu zeigen.

Wütest du schon oder brütest du noch?

Über den Zusammenhang von Depression und Aggression und über die Dynamik des Verschweigens

Wieder einmal beschreibt Götz Eisenberg in einem Aufsatz, der den Zusammenhang von Subjekt und Gesellschaft am Beispiel von Katastrophe und Amok plausibel aufzeigt, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Und dass die Sicherheit, die wir haben können, wesentlich durch soziale Sicherheit und Bindung zu schaffen ist und nicht durch technische und bürokratische Kontrolle. Nicht zuletzt ist es eine Frage der Schule, welchen Zielen sie sich verpflichtet. Leistungsdruck, Erfolgszwang und Wettbewerbsorientierung tragen perspektivisch die Verachtung desjenigen in sich, der versagt. So gut es geht, mag er oder sie sich an den leuchtenden Zielen ausrichten. Was aber, wenn es nicht gut geht? Leicht können wir es dann mit mehr oder weniger versteckten Formen der Depression oder Aggression zu tun bekommen.

Diese Gesellschaft setzt nach Katastrophen, wie der gerade erlebten, auf den Ausbau technisch-instrumenteller Sicherheit, auf Überwachungs- und Kontrolltechniken, an denen gewisse Industrien gut verdienen. Dabei böte allein soziale Sicherheit langfristig erheblich mehr Schutz. Soziale Sicherheit ist ein dynamischer Faktor, der im Wesentlichen durch das in einer Gesellschaft herrschende Klima bestimmt wird, das zwischenmenschliche Akzeptanz und Vertrauen erzeugt oder eben eher unterbindet. Der vom Wettbewerbswahn entfesselte Sozialdarwinismus erzeugt eher ein Klima des Misstrauen und der gegenseitigen Verfeindung.

Aber auch in einer freieren, weniger repressiven Gesellschaft werden wir mit gewissen Risiken leben müssen. Wer nach perfekter, lückenloser Sicherheit strebt, kommt darin um.

Die sonderpädagogische Formierung von Inklusion und Beratung

Worüber wir reden, wenn wir von Inklusion und Beratung reden

Ohne die Gründungsgeschichte der Sonderpädagogik und ihr Verhältnis zur allgemeinen Pädagogik sind die gegenwärtige Ausgestaltung der Inklusion und die Perspektiven von Beratung kaum zu verstehen

Ein Blick in die Geschichte ist lehrreich. Was waren die Entstehungsbedingungen für das, was wir heute vorfinden? Manchmal erscheint das Vorgefundene so selbstverständlich und in Stein geschlagen, dass man es sich kaum anders vorstellen kann. Man mag an den tatsächlichen oder vermeintlichen Unsinnigkeiten gegenwärtiger Regelungen und Gewohnheiten verzweifeln. Oder im Unbehagen steckenbleiben. Genaueres Hinschauen kann nicht selten zeigen, dass gegenwärtige Blockaden, Stillstände oder Einseitigkeiten ihre Ursprünge in eingefrorenen Dynamiken der Vergangenheit haben. Sie zu kennen ist noch nicht die Lösung, aber ihre Kenntnis und ihr Verstehen ist Voraussetzung für eine Lösung, für die Auflösung von Erstarrungen. (Da ist schon wieder mal ein Geheimnis der Psychologie entschlüsselt.)

So könnte es mit der Ausgestaltung der Inklusion und der Organisierung von Beratung und schulpsychologischer Beratung gehen. Das gilt für alle Bundesländer. Aber möglicherweise ganz besonders für Hamburg, weil hier von Politik und Behörde geradezu beschwörend immer wieder die Bindung von Beratung und Inklusion aufgerufen wird und gleichzeitig die Sonderpädagogisierung von Beratung und Inklusion stattfindet. Nicht zuletzt an solcher Stelle dürfte sich bemerkbar machen, was Dagmar Hänsel als „Glaubenssatz der Sonderpädagogik, dass die Förderung aller Kinder in ihrer Verschiedenheit zwingend sonderpädagogische Kompetenz erfordert, die wiederum an die sonderpädagogische Ausbildung gebunden wird(.)“ beschreibt.

Man konnte sich ja schon länger fragen, warum die Umsetzung der Inklusion in Deutschland stark mit der Sonderpädagogik verbunden ist, wo doch die Sonderpädagogik nicht unwesentlich für die Sonderschulsystematik stand und steht. Eine andere Herangehensweise ist vorstellbar, aber gleichwohl nicht nahe genug an der Schwelle zur Umsetzbarkeit: Wo es um Persönlichkeit, Einstellungsänderungen, Reflexion, Teamentwicklung etc. geht, könnte man sich durchaus vorstellen, dass Schulpsycholog/inn/en und in prozessorientierter Beratung ausgebildete Experten eine Rolle spielen. So ist es aber nicht gekommen – gerade nicht in Hamburg, wie auf dieser Website schon häufiger nachzulesen war. (Was nicht ausschließt, dass es in Hamburg immer auch Bemühungen gab und gibt, diesen Weg offen zu halten.)

Wenn Inklusion inhaltlich, aufsichtlich, politisch, strukturell sonderpädagogisch geprägt ist, hat das eine Vorgeschichte. Dies zeigt deutlich ein Interview, das Brigitte Schumann bei Bildungsklick mit Dagmar Hänsel führte.

Dagmar Hänsel ist ehemalige Professorin für Schulpädagogik mit den Arbeitsschwerpunkten Grundschule, Theorie und Geschichte der Sonderpädagogik und Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern. Weiterlesen „Die sonderpädagogische Formierung von Inklusion und Beratung“

Ein Bildungsproblem – oder doch eher Meinungsmache?

Bedenkenswert. Was nicht der Rede wert ist

Hm. Da stimmt doch was nicht. Gerade war Wahl in Hamburg. Die SPD ist mit Olaf Scholz an der Spitze Wahlsiegerin. Herzlichen Glückwunsch! Und doch hat die SPD 2,7 Prozent verloren. Macht nach dem jetzigen Stand 45,7 Prozent aus (Zahlen laut Abendblatt). Es gab Kommentatoren, die die SPD damit nahe 50 Prozent sahen … Grübel, grübel. In allen vorherrschenden Medien wurde Olaf Scholz als Wunderknabe bejubelt. Hm. Erwähnt wurde nicht bis fast gar nicht, dass er und seine Partei doch 2,7 Prozent verloren hatten. Und dass die Linkspartei ein Plus von 2,1 Prozent zu verzeichnen hatte, schien niemandem der Rede wert. Sie wurde weitgehend ignoriert, anders als die FDP und die AfD.

Freihandelsabkommen für Bildung? Darf das wahr werden?

Alles wird zur Ware, auch Bildung, wenn wir uns nicht zu Wort melden und Denkzettel verteilen

Hier war schon oft davon die Rede, dass die Einfluss- und Steuerinteressen der Wirtschaft mehr und mehr von den Bildungsbehörden übernommen werden. Sie sind eine Gefahr für Bildung, die das Individuum stärkt, seine Erkenntnisfähigkeit voranbringt und seine Urteilskraft unterstützt. Nicht zuletzt leidet auch Beratung unter diesen Vereinnahmungen. Beratung in Schule (wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft) ist davon bedroht, zum Gehilfen eines verkürzten Bildungsverständnisses zu werden; teilweise hat der Prozess der Aushöhlung schon begonnen.

Wenig ist im Bewusstsein von Fachleuten und der Öffentlichkeit, dass das Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) der einseitigen Ausrichtung des Lernens an wirtschaftlichen Verwertungsinteressen von Konzernen und der Formung eines marktkonformen Sozialcharakters weiteren Schwung verleihen könnte. Bis hin zu einer Gefährdung der Demokratie. Wer mag, kann sich mit den folgenden Links in das Thema einarbeiten.

Aus der jungenwelt hier und hier, aus dem Tagesspiegel, aus der Zeit, aus einer Artikelsammlung der Süddeutschen, vom Verband für Bildung und Erziehung, von den Netzfrauen.

Wer etwas über den Segen von TTIP erfahren möchte, gebe „ttip bildung“ in seine Suchmaschine ein. Er findet dort eine Reihe von gesponsorten Links.

Für den Widerstand gegen TTIP und seine Anwendung auf Bildung kann es eine Chance sein, wenn die Grünen in Hamburg in eine Koalition mit der SPD einsteigen. Die Grünen hatten sich vor den Wahlen gegen TTIP ausgesprochen. Und brauchen dafür sicherlich viel Rückhalt und Unterstützung aus Schule, Hochschule und Bevölkerung, damit sie nicht schwach werden … Auch das ist ein Grund, sich mit dem Thema zu beschäftigen, mit Freunden, Nachbarn, Kollegen und Politikerinnen ins Gespräch zu kommen.